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Bereits Rulaman kannte das widerstandsfähige Urkorn

OWEN Seine Heimat liegt an Euphrat und Tigris. 10 000 Jahre alt ist das Urkorn Emmer und der Vorläufer von Dinkel und Weizen. Bereits David Friedrich Weinlands "Rulaman" kannte das aus einer Grassorte gezüchtete Urgetreide. Gemar-

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RICHARD UMSTADT

kungsbezeichnungen wie die "Emmeräcker" in der Jesinger Halde und

Dorfnamen wie Emeringen weisen noch heute auf die frühere Bedeutung des Urkorns hin. In der konventionellen Landwirtschaft allerdings, die auf hohen Ertrag produziert, spielt Emmer keine Rolle mehr. Dafür interessieren sich Biobauern wie Heinrich und Andreas Gruel aus Owen und der Kirchheimer Scholderbeck Bernd Sigel umso mehr für das anspruchslose und robuste Getreide.

Der im Bioland-Verband organisierte Owener Landwirt kam 1999 durch Sigel auf den Emmer. Der Bäckermeister hatte das Urkorn auf der Suche nach einem neuen Allergikerbrot entdeckt. "Seit 1993 backen wir biologische Brote für Allergiker und setzen hier auf ein möglichst breites Angebot".

Emmer besitzt den Vorteil, dass das Urgetreide seit mehreren Generationen nicht mehr in der Nahrungskette vorkam und der Mensch daher keine Emmerallergie entwickeln konnte, erklärt Bernd Sigel. "Von der Verarbeitung her ist er ähnlich wie Dinkel. Man braucht aber ein feines Gespür für das ursprüngliche Getreide. Das ist noch echte Handarbeit," versichert der Bäckermeister.

Die Grundprodukte für seine Allergikerbrote "hundert Prozent biologisch und sortenrein" kauft der Scholderbeck von Biobauern aus der heimischen Region. Bezieht er den Winteremmer mit den schwarzen Ähren aus dem Hohenlohischen, so kommt der weißährige Sommeremmer vom Fuße der Teck. "Das war die ideale Ergänzung zum Wintergetreide, das ich für Bernd Sigel anbaue", sagt Andreas Gruel, der gerne neue Kulturen ausprobiert.

Freilich war es für den Owener Öko-Landwirt nicht ganz einfach an Sommeremmer zu kommen. "Ich habe überall im Bundesgebiet angerufen. Ein Kollege aus Nordrhein-Westfalen hat mir schließlich ein 25-Kilo-Säckle zugeschickt".

Das war das Startkapital für einen Versuch, der erfolgreich zum Alltagsgeschäft wurde. Von Jahr zu Jahr vermehrten die Gruels den Ertrag, bis sie die Bäckerei regelmäßig mit zwei Tonnen Emmer beliefern und auch noch 200 Kilogramm Saatgut abzwacken konnten.

Säte Heinrich Gruel zu Beginn des Versuchs das in seinen Spelz gehüllte Urkorn noch von Hand aus, so nimmt Sohn Andreas seit zwei Jahren die Sämaschine dazu.

"Der Emmer verträgt keine Gülle und keinen Kunstdünger", sagt Andreas Gruel, und sein Vater ergänzt: "A bissle Rindermist reicht." Da sich die ausgewachsenen Ähren in einer Höhe von etwa 1,70 Meter im Augustwind wiegen, gibt es auch keine Probleme mit Pilzkrankheiten. "Es ist eine gesunde Frucht, die auch auf kargen Böden wächst", weiß der Owener Biolandwirt, der auf seinen Feldern außer Sommeremmer auch Waldstaudenroggen, Dinkel und Kamut anbaut.

"In Zeiten von Lebensmittelskandalen, Gentechnik und industrialisierter Landwirtschaft ist es wichtig, dass man die alten Sorten erhält", sind sich Gruel und Sigel einig. Damit wollen sie ihren Beitrag zur von Verbraucherministerin Künast propagierten Agrarwende "Klasse statt Masse" leisten. Getreideanbau ist in der Regel ein Massengeschäft, das konventionelle Landwirte immer mehr in die Abhängigkeit von Saatgutmonopolisten bringt. Die Erträge sind nur noch mit Hochleistungssorten, chemischen Halmverkürzern, Kunstdünger und Pestiziden zu erzielen. "Bauern dürfen ihr Saatgut wegen des Patentschutzes nicht mehr selbst vermehren", sagt Andreas Gruel und Bernd Sigel bedauert die "unsägliche Entwicklung", die erlaube, dass "Schöpfung im Reagenzglas" betrieben wird.

"Für uns ist Emmer ein wichtiger Baustein in unserem Anliegen, der heimischen Landwirtschaft eine Perspektive zu eröffnen, die den Bauern ein Auskommen, den Verbrauchern gesunde Nahrungsmittel und uns allen eine Umwelt voll Vielfalt, Erholungswert und Qualität bietet."

Da sich der Bedarf an Mehlen, die keine allergischen Reaktionen auslösen, in der Region um die Teck bislang noch nicht decken lässt, rührt der Kirchheimer Biobäcker unter den Landwirten nach wie vor die Werbetrommel und ermuntert sie, auf den Bio-Landbau mit Roggen, Dinkel und Emmer umzusteigen. Vielleicht wird das jahrtausendealte Urkorn dann tatsächlich wieder überall im Lande heimisch und die ein oder andere Oma legt ihrem Enkele ein warmes Spelzenkissen unters Köpfle wie früher.