Lokales

Bernsteins Schicksal

Am 10. April 2007 wurden in Kirchheim die ersten neun Stolpersteine zur Erinnerung an ehemalige Kirchheimer Juden verlegt. Zwei davon sind Hulda Bernstein und ihrer Tochter Jeanne gewidmet.

brigitte kneher

Kirchheim. 1914 eröffnete das Ehepaar Bernhard und Hulda Bernstein, geborene Jutkowsky, in Kirchheim im sogenannten Geiserschen Neubau in der Max-Eyth-Straße 12 ein Kaufhaus (siehe Foto). Sie brachten zwei kleine Kinder mit, Alf­red, geboren 1910, und Gerda, geboren 1913. Das Ehepaar hatte Schwetz, der Ort liegt im heutigen Polen, wegen der massiven Übergriffe auf die jüdische Bevölkerung verlassen und in Kirchheim einen Neuanfang gewagt.

Das Kaufhaus, in dem Hulda Bernstein, geboren am 4. September 1883 in Kulm, stets mitarbeitete, hatte eine reiche Palette an Waren zu bieten: Aussteuerwäsche, Gardinen, Damen-, Herren- und Kinderbekleidung sowie Damenwäsche. Da Bernhard Bernstein sehr schwer erkrankte, wurde das Kaufhaus 1926 von Siegfried und Erna Stern übernommen. Bernsteins behielten nur einen kleineren Ladenanteil für den Verkauf von Gardinen. Inzwischen waren die Kinder Philipp, geboren 1922, und Jeanne, geboren 1924, dazugekommen.

Schon ab 1933 wurde die Familie polizeilich überwacht, Telefongespräche wurden abgehört und aufgezeichnet, Briefe geöffnet, oft einbehalten. Die NS-Machthaber sahen in den Menschen, die aus dem Osten gekommen waren, potenzielle kommunistische Spione. Bernhard Bernstein starb 1934, die Firma existierte nicht mehr. Bernsteins Erstgeborene, Alfred und Gerda, versuchten im Ausland durchzukommen, Philipp und Jeanne waren im Internat des Jüdischen Waisenhauses in Esslingen untergebracht. Hulda Bernstein stand nur noch eine Dachkammer, im Haus, das der Ulmer Tante ihres verstorbenen Mannes gehörte, zur Verfügung.

Ein verzweifelter Versuch, dem drohenden Schicksal zu entgehen, führte sie mit Tochter Jeanne nach Berlin, wo sie beim Neffen ein Unterkommen fanden. Mutter und Tochter wurden zur Fabrikarbeit gezwungen, ehe sie am 14. November 1941 am Bahnhof Grunewald den Zug nach Minsk besteigen mussten. Seither sind sie verschollen.

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