Lokales

„Bertolds Herz würde hüpfen“

Einweihung des Weilheimer Rathauskomplexes – Ausdruck einer gewandelten Verwaltung

Das Weilheimer Städtle hat durch den Komplex aus saniertem historischem Verwaltungssitz, Rathauserweiterung, Bertoldsplatz und Lindachneugestaltung gewonnen. Darin waren sich die Redner bei der Einweihung am Samstag einig.

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ANKE KIRSAMMER

Weilheim. Das sanierte Rathaus aus dem Jahr 1777 hat seine Nagelprobe bestanden: Bei der vom Musikverein Stadtkapelle umrahmten Feier bot das großzügige Foyer über 220 Besuchern, darunter zahlreichen geladenen Gästen, in freundlicher Atmosphäre ausreichend Platz.

Das Gesamtkonzept fasste Bürgermeister Hermann Bauer unter der Überschrift der erhaltenden Stadterneuerung zusammen. In diesem Zug hatte die Stadt in den vergangenen 30 Jahren über 60 Gebäude aufgekauft beziehungsweise saniert, darunter das Bürgerhaus, das Kapuzinerhaus und das Café am Markt – alles Fachwerkgebäude aus der Zeit um 1560.

Der Erhalt des Altstadtcharakters stand auch bei der Rathauserweiterung im Vordergrund, mit der das Ziel verfolgt wurde, die auf mehrere Standorte verteilte Verwaltung wieder unter einem Dach zu vereinen. Mit dem Ergebnis ist Bauer mehr als zufrieden: „Der Neubau fügt sich harmonisch und doch interessant in die bestehende Dachlandschaft ein“, betonte er. Im Jahr 2001 ebenfalls vorgeschlagene Flachdachentwürfe kamen für den Rathauschef deshalb nie in Betracht. „Unsere Verwaltung hat sich gewandelt von der Obrigkeits- zur Dienstleistungsverwaltung. Unsere Arbeitsabläufe sind offen und transparent. Diese Ansprüche werden im neuen Bauwerk umgesetzt – insbesondere im gläsernen Bürgerbüro“, unterstrich Bauer. Bewusst habe er das Projekt in seine letzte Amtsperiode als Bürgermeister genommen und mit dem Gemeinderat zuerst die vordringlichen Aufgaben für Kinder, Jugend, Erwachsene und Senioren erfüllt. Mit einer gewissen Genugtuung angesichts kontrovers geführter Diskussionen im Ratsrund während der Planungsphase wies Bauer darauf hin, dass die Kostenberechnung für den Neubau aus dem Jahr 2004 eingehalten wurde.

Gestemmt wurde das insgesamt knapp neun Millionen Euro teure Projekt über Zuschüsse des Landes, Erlöse aus den Neckarwerksaktien und Grundstückserlöse. „Anderen bringt Bauen Grauen, mir und meinen Mitarbeitern hat der Bau überwiegend Freude bereitet“, so der Schultes. „Wir konnten in schwieriger Zeit die Konjunktur stützen, günstige Baupreise nutzen und ohne Erhöhung unseres niedrigen Schuldenstandes ein wichtiges Vorhaben schultern.“ Zug um Zug wurde das Projekt innerhalb von gut drei Jahren fertiggestellt: Im Dezember 2006 konnten die Besucher des Städtles mit ihren Blechkarossen bereits in die Tiefgarage rollen, im Januar 2007 zogen die Mitarbeiter in den Neubau ein, und seit Anfang dieses Jahres brennen in den unangetasteten Amtsstuben von Bürgermeister und Hauptamtsleiter im ersten Stock des historischen Baus ebenfalls wieder die Lichter.

Architekt Karl-Heinz Single markierte noch einmal die „Leitplanken“ des Projekts: Dazu gehörte die Stärkung des vorhandenen Rathauses als Baukörper, die Unterordnung des Erweiterungsbaus sowie eine Architektur, an der sich der Zeitenlauf ablesen lässt. Bei der Sanierung des Altbaus hatte es sich der Planer zur Aufgabe gemacht, „verunklarte“ Fassadenelemente zurückzubauen. Die Rundbogenfenster sind nun wieder auf den Boden geführt und auch die Farbgebung orientiert sich am Original. „Mit seiner Leichtigkeit und Eleganz setzt der Bau nun einen schönen Kontrapunkt zu den umgebenden Fachwerkbauten und zur gegenüberliegenden spätgotischen Peterskirche“, sagte Single. Bezüglich der Rathauserweiterung machte er unter anderem auf den gläsernen Kniestock, die vorgehängten Eichenholzelemente und den einem „Juwel“ ähnelnden Sonderbaukörper für Sitzungssaal und Bürgerbüro aufmerksam. Die verwendeten Materialien Ziegel, Kupfer, Metall und Holz lieferten im Übrigen ausreichend Eigenfarben – auf gesonderte Anstriche wurde deshalb verzichtet. Bei der zweigeschossigen Tiefgarage mit über 100 Stellplätzen habe man bewusst auf eine freundliche Atmosphäre Wert gelegt. Als vorbildlich bezeichnete er auch die Nutzung der Erdwärme für das Gesamtprojekt. Den Rauminhalt von Neu- und Altbau sowie Tiefgarage bezifferte Single mit insgesamt 27 000 Kubikmetern, was ungefähr 45 Reihenhäusern entspreche.

Gratulationen zu dem „schönen Rathauskomplex“ durfte die Stadt von Regierungsvizepräsident Josef Kreuzberger entgegennehmen. Die finanziellen Beiträge aus dem Landessanierungsprogramm in Höhe von 1,2 Millionen Euro sowie die Förderung aus dem Ausgleichsstock in Höhe von knapp 690 000 Euro seien sinnvoll angelegtes Geld. Wer in Städtebau investiere, betreibe im Grunde eines der intensivsten Konjunkturprogramme. „Jeder Euro an Fördermitteln bringt rund acht Euro an Investitionen“, verdeutlichte Kreuzberger.

Landrat Heinz Eininger wertete den Rathausneubau als Ausdruck einer selbstbewussten Kommune und einer selbstbewussten Selbstverwaltung. „Ein Rathaus ist nicht nur ein Zweckbau, sondern es dient der Begegnung und dem Miteinander“. Außerdem würden attraktive Innenstädte einen effektiven Beitrag dazu leisten, den Flächenverbrauch einzudämmen. Der Kreisverwaltungschef unternahm darüber hinaus einen kleinen Ausflug in die Geschichte: Als Bertold I. im Jahr 1078 von der Limburg auf die Zerstörungen in Weilheim blickte, soll er der Überlieferung zufolge vor Schmerz wahnsinnig geworden sein. „Wenn er heute runtergucken würde“, mutmaßte Eininger, „würde sein Herz vor Freude hüpfen und die Nachfahren wären vielleicht geblieben.“