Lokales

„Berufspendler sparen Geld“

Um 2,4 Prozent im Durchschnitt steigen VVS-Tarife ab 2010 an – Kindertickets nicht betroffen

Ab 2010 werden die Fahrten im Stuttgarter Verkehrsverbund VVS im Schnitt um 2,4 Prozent teurer. Wie jedes Jahr, so hatte auch diesmal der Verwaltungs- und Finanzausschuss des Kreistags die Tariferhöhung zur Kenntnis zu nehmen, da sie von den VVS-Gesellschaftern bereits im Juli beschlossen worden war. Im Vergleich zu anderen Verkehrsverbünden ist die Erhöhung der VVS-Fahrpreise moderat.

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richard umstadt

Esslingen. Es ist immer das gleiche Ritual: Aufsichtsrat und Gesellschafter des Verkehrsverbundes Stuttgart beschließen nach den Vorgaben der Stuttgarter Straßenbahnen AG als dem größten Gesellschafter eine Tariferhöhung, und die Mitglieder des Verwaltungs- und Finanzausschusses des Esslinger Kreistags ballen die Fäuste in den Hosentaschen, weil ihnen nichts anderes übrigbleibt, als die Erhöhung abzunicken. „Das hat doch keinen Wert. Ich will dieses Ritual nicht fortsetzen“, wollte der Fraktionschef der Freien Wähler Alfred Bachofer nicht länger gegen eine taube Wand reden. Zwar sei die Steigerung „optisch unangenehm“, doch würde sie nicht aufgrund der höheren Energiepreise und Personalkosten an die Fahrgäste weitergegeben, müsste die öffentliche Hand die VVS-Verluste bezahlen. Für Bachofer war es deshalb, trotz Kritik an der Tarifstruktur, sonnenklar: „Der Verbund hat ein hervorragendes Angebot und ist für unseren Raum unverzichtbar.“ Vor allem lobte der FW-Fraktionsvorsitzende die familienfreundliche Komponente des Tarifs und wies darauf hin, dass der VVS mit seiner Preiserhöhung gegenüber anderen Verkehrsverbünden in Deutschland am unteren Level liege. Was Alfred Bachofer aber Kummer bereitete, war die seiner Meinung nach zu starke Preisbelastung der Berufspendler. „Die Zonen an den Rändern des Verbundes sind stärker belastet als die zentralen Kurzstrecken.“

Dem widersprach nicht nur der Fraktionssprecher der SPD, Bertram Schiebel. Auch der neue VVS-Geschäftsführer Horst Stammler sah weite Entfernungen vom Zentrum Stuttgart nicht überdurchschnittlich belastet. „Wir haben gerade bei den Berufspendlern tolle Zuwächse erreicht.“ In den Augen des Geschäftsführers ist dies auch kein Wunder, denn seine Hauptaussage lautete: „Wer mit dem VVS weite Wege zur Arbeit zurücklegt, fährt günstiger als mit dem Auto.“ Dies versuchten Horst Stammler und Georg Glaser, Abteilungsleiter Tarif im VVS, anhand verschiedener Rechenbeispiele deutlich zu machen. Für die Strecke von Kirchheim nach Esslingen spart ein Berufspendler, der das Jahr über mit dem 1 049 Euro teuren FirmenTicket fährt, gegenüber der täglichen Autofahrt pro Jahr 325,56 Euro ein. Noch größer ist die Ersparnis auf der Strecke Kirchheim – Stuttgart Schwabstraße. Hierbei sei die Autofahrt zur Arbeit gegenüber dem VVS-Jahresticket, das 1 466 Euro kostet, um knapp 600 Euro teurer. Der Rechnung zugrunde gelegt wird der Vergleich mit einem Mittelklassewagen und dessen Betriebs- und anteiligen Werkstattkosten. Nicht berücksichtigt wurden dabei die Fixkosten, Parkgebühren am Arbeitsort und der jährliche Wertverlust.

Nach der Formel „Menge mal Preis gleich Umsatz“ habe der Verbund ein wichtiges Ziel verwirklicht: „Wir haben trotz Preissteigerungen mehr Fahrgäste befördern können.“ Und dies in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. „Der ÖPNV erweist sich als resistent. Auswirkungen der Krise spüren wir noch nicht“, beantwortete Horst Stammler eine entsprechende Frage des CDU-Fraktionsvorsitzenden Gerhard Schneider. Allerdings muss der VVS mit einem anderen Phänomen fertig werden: „Wir haben immer weniger Schüler.“ Deshalb will sich der Verkehrsverbund verstärkt um eine andere Stammkundschaft kümmern – um die Senioren. Dementsprechend fiel die Preisanhebung der Seniorentickets ab Januar 2010 sehr moderat aus. Der Preis für das Senioren-Jahresticket ab Verkaufsstelle etwa wurde um 2,02 Prozent erhöht und der für das Jahresticket (Abo) um 2,07 Prozent. „Wir wollen die Senioren stärker an den VVS binden,“ so Stammler. Für sie seien allerdings spezifische Angebote notwendig, da sie ganz andere Anforderungen an Mobilität stellten. Hier seien flexible Tarife gefragt, da viele Senioren Bus und Bahn nur sporadisch und oft zu verkehrsschwachen Zeiten nutzten.

In diesem Zusammenhang sprach Landrat Heinz Eininger ein Problem an, das viele ältere Semester, die Bus und Bahn benutzen, aus eigener Erfahrung kennen: die Unübersichtlichkeit der Tarife. „Die gehört bereinigt. Das steigert ebenfalls die Akzeptanz.“ Damit sprach der Landrat nicht nur Wolfgang Latendorf von den Grünen aus dem Herzen. Auch andere Räte stimmten Heinz Eininger zu.

Durchschnittlich werden die Tarife ab Januar um 2,4 Prozent erhöht. Nicht erhöht werden die Fahrscheine für Kinder mit Ausnahme des 1-Zonen-Ticktes. In allen Preisstufen liegt die Ermäßigung der Kindertickets weiterhin bei mindestens 50 Prozent. Einem oft vorgetragenen Wunsch kommt der VVS beim Wochenticket für Erwachsene entgegen: Der Kunde kann ab Januar jeden beliebigen Wochentag als Startzeitpunkt wählen und das Ticket gilt eine Woche lang. Bislang war dies nur für Montag bis Sonntag vorgesehen.