Lokales

Bescheidene Albbewohner auf dem Altenteil

Einen "Aichelauer Tag" beging das Beurener Freilichtmuseum am gestrigen Sonntag: Das Ausgedinghaus aus dem Albdorf bei Zwiefalten wurde feierlich eröffnet, nachdem es den Besuchern des Museums schon seit einiger Zeit aufzeigt, wie einstmals die ältere Generation ihr Leben auf dem "Altenteil" verbrachte.

ANDREAS VOLZ

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BEUREN Landrat Heinz Eininger bekannte sich in seiner Begrüßungsrede nicht nur zum Beurener Freilichtmuseum, sondern auch zu Aichelau: So erstrecke sich der Sammlungsauftrag des Museums auf die gesamte Region Stuttgart sowie auf die Mittlere Alb. Außerdem stellte Eininger in Aussicht, dass das wichtige und große Gegenstück zum Ausgedinghaus bereits im kommenden Jahr auf dem Beurener Museumsgelände aufgebaut wird: "Die Geschichte der älteren Generation im Ausgedinghaus kann nicht ohne das Haupthaus erzählt werden."

Das zeigt sich schon allein an einigen technischen Details des kleinen Häuschens, das neben einer zehn Quadratmeter großen Stube noch eine winzige Küche im Erdgeschoss aufweist sowie eine Schlafstube mit Vorraum unter dem Dach. Das Dachgeschoss wiederum ist über eine steile Stiege zu erreichen, die zur Sicherheit heutiger Museumsbesucher mit einem Handlauf versehen wurde. Ohne Haupthaus, das nur wenige Meter entfernt war, wäre das Leben auf dem "Altenteil" nicht möglich gewesen: Wasser gab es nur am Haupthaus, wo sich auch das separate Klohäuschen befand.

Auch bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln und bei der Krankenpflege waren die Älteren auf die jüngere Generation im Haupthaus angewiesen. Heinz Eininger zitierte aus einem entsprechenden Vertrag, dass sich die Alten unter anderem zwei Liter Milch am Tag sowie jährlich 300 Eier ausbedungen hatten. Von solchen Verträgen hat das Häuschen auch seinen Namen: "Ausgeding".

Erbaut wurde das Haus 1844. Die letzten "richtigen" Ausgeding-Bewohner waren Anna und Matthäus Stemmer, die das Haus 1934 bezogen, als ihre Tochter Barbara geheiratet hatte. Die Einrichtung, mit der das Haus im Beurener Museumsdorf zu besichtigen ist, stammt aus den 40er-Jahren, der Zeit, als Matthäus Stemmer bereits gestorben war. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1945 lebte Anna Stemmer als Witwe im Ausgedinghaus. In den Nachkriegsjahren diente das Häuschen noch 14 Jahre lang als Unterkunft für Heimatvertriebene. Für Landrat Heinz Eininger ist das Ausgedinghaus vor allem ein Zeugnis dafür, "wie sich das Wohnen in den vergangenen 60 bis 70 Jahren verändert hat" und welcher Komfort inzwischen als ganz normaler Standard gilt.

Rudolf Beck, stellvertretender Bürgermeister der Gemeinde Pfronstetten, zu der Aichelau gehört, sieht in dem Ausgedinghäuschen einen Spiegel "der Bescheidenheit und der an Zweckmäßigkeit orientierten Sachlichkeit der Albbewohner". Die Älbler seien deswegen aber keinesfalls rückständig: "Wir tragen das Vorurteil mit lächelnder Fassung in Kenntnis der wahren Sachlage." Pfronstetten und insbesondere Aichelau dürfen Beck zufolge stolz darauf sein, dass mit dem Ausgedinghaus ein Teil ihrer Heimatgeschichte im Freilichtmuseum Beuren einen dauerhaften Platz gefunden hat.

Vom teilweise recht kargen Leben auf der Alb, das die Bewohner mit viel Einfallsreichtum verbesserten, berichtete die Reutlinger Kreisarchivarin Dr. Irmtraud Betz-Wischnath in ihrem Festvortrag. Dessen Thema "Aichelau ein ansehnliches Dorf auf der Zwiefalter Alb" ist ein abgewandeltes Zitat aus der Münsinger Oberamtsbeschreibung von 1912. Die Kreisarchivarin erzählte unter anderem von Streitigkeiten im Ort wegen der Benutzung des Hülenwassers, die schließlich mit einem Kompromiss beigelegt wurden: "Die Urkunde zeigt vor allem, wie kostbar das Wasser war."

Geschäftstüchtig müssen die Aichelauer auch gewesen sein, denn Dr. Betz-Wischnath konnte in ihrem Vortrag auf einige Beispiele für gezielte Gewerbeansiedlung verweisen. So bekamen im Jahr 1589 sowohl der Schmied als auch der Wagner Vergünstigungen eingeräumt, damit sie im Ort blieben und den Bewohnern weiter ihre Dienste zur Verfügung stellten. Das 16. Jahrhundert auf der Alb dürfte aber in zwei Jahren noch einmal besonders im Mittelpunkt des Beurener Freilichtmuseums stehen beim nächsten "Aichelauer Tag", wenn das Haupthaus steht.