Lokales

Beschuldigter kann sich angeblich nicht erinnern

Ein zunächst harmloser Streit zwischen Bruder und Schwester in Kirchheim endete am 17. November letzten Jahres tragisch.

KIRCHHEIM Der 21-jährige Bruder hat seine 18-jährige Schwester im Laufe dieses Streits mit einem Billardstock regelrecht zu Tode geschlagen. So sieht es jetzt die Stuttgarter Staatsanwaltschaft, die den jungen Afghanen, der die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, wegen Totschlags vor der 4. Großen Jugendstrafkammer des Landgerichts angeklagt hat. Doch der Beschuldigte gibt an, er könne sich an die Tat nicht mehr erinnern.

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Ein altes Fabrikgebäude in der Röntgenstraße in Kirchheim. Dort wohnt seit einiger Zeit die Familie, die im Jahre 1995 aus Kabul in die Bundesrepublik kam. Da war der Angeklagte gerade elf Jahre alt. Mit sechs Geschwistern teilt man sich eine kleine Wohnung im oberen Stockwerk des Gebäudes. Es sei sehr eng zugegangen, sagt der 21-Jährige jetzt in Stuttgart aus. Oberstaatsanwalt Gernot Blessing klagt den jungen Mann wegen Totschlags an der 18-jährigen Schwester an. Am 17. November letzten Jahres habe er Streit mit ihr bekommen, weil sie das gemeinsame Zimmer nicht aufgeräumt habe. Aus dem verbalen Streit sei ein handgreiflicher geworden, der dann damit endete, dass der 21-Jährige einen Billardstock nahm und damit auf die Schwester einschlug. Das Mädchen starb kurz danach an den massiven Verletzungen. Eine Notärztin, die der Angeklagte selbst telefonisch verständigte, konnte nur noch den Tod feststellen.

Die Gerichtsmediziner rekonstruieren später an die 30 Schläge, die sehr wuchtig und sehr kräftig ausgeführt worden sein sollen. Der Täter habe dabei eine "starke Gewalt" aufgewendet. Der Billardstock ging dabei in Stücke, die der Angeklagte durch das Fenster in einen Nachbargarten geworfen habe.

Der Vorsitzende Richter der 4. Großen Jugendstrafkammer des Stuttgarter Landgerichts will an diesem ersten Prozesstag gestern von dem 21-Jährigen wissen, wie es zu dieser Tat überhaupt kommen konnte. Und der Angeklagte schildert, dass die Schwester ihre Kleidung auf dem Boden verstreut habe und er sich darüber aufregte. Deshalb habe es bereits am Morgen des Tattages mit ihr einen Disput gegeben. Als sie dann am Nachmittag von der Schule nach Hause kam, habe sie ihm Vorwürfe gemacht, weil sie wegen des Streits zu spät zur Schule kam. Daraufhin soll er ihr eine Ohrfeige gegeben haben. Dann sei es erneut zum Streit gekommen, in dessen Verlauf die Schwester ihn mehrfach weggestoßen habe.

Der Angeklagte schildert, dass seine Schwester plötzlich Bauchschmerzen bekam und er sich deshalb Sorgen um sie machte. Was dann geschah, daran erinnert er sich nicht mehr. Alles was die Richter aus ihm jetzt im Prozess herausbekommen, ist der Satz: "Ich weiß nicht!" Doch der Vorsitzende Richter gibt nicht auf, will immer wieder wissen, was da lief bis der Angeklagte in Tränen ausbricht. Er erinnert sich nur noch daran, dass seine Schwester irgendwann auf dem Boden lag und er selbst den Notarzt anrief. Fast eine Stunde lang versucht die Ärztin, die 18-Jährige mit Wiederbelebungsversuchen zurückzuholen. Vergebens.

Das Tatwerkzeug habe man irgendwann einmal auf dem Flohmarkt gekauft, sagt er. Und damit, so wirft der Strafkammervorsitzende dem 21-Jährigen jetzt mehrfach vor, müsse er wohl an die 30 Mal auf die Schwester eingeschlagen haben. Ob sie sich denn da nicht gewehrt habe und um Hilfe rief, will der Richter wissen. Der Angeklagte weiß es nicht. Waren etwa an den Schlägen noch seine Brüder mit von der Partie, fragt der Richter. Auch dies weiß der Angeklagte nicht. Die Polizei wird von der Notärztin benachrichtigt und nimmt ihn gleich fest.

Mit zunächst acht Zeugen und drei Sachverständigen wollen die Richter diese Familientragödie aufklären. Die Eltern des Angeklagten haben die Strafkammer wissen lassen, dass sie von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen wollen. Und der Vorsitzende Richter macht keinen Hehl daraus, dass er die Gedächtnislücke zum Tatablauf dem Angeklagten nicht abnimmt. Nächster Prozesstag ist der morgige Donnerstag.

wic