Lokales

Bethlehem auf der Alb

LENNINGEN Leichter Nieselregen, die Temperatur liegt knapp über null Grad und die Menschen versammeln sich in einer evangelischen Kirche das kann nicht Bethlehem, das kann nicht die südfranzösische Provence sein. Doch genau dies sollen die Zuschauer erleben: ein Spiel, das die Geburtsgeschichte von Bethlehem in ein Dorf der Provence verlegt, ein Spiel, das die Tonfiguren der dortigen Dorfkrippe, die Santons, zum Leben erweckt. Und das in Schopfloch, fernab katholischer Krippentraditionen und südfranzösischer Mentalität.

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Was auf den ersten Blick für die Schwäbische Alb unvertraut anmutet, wirft hingegen ein neues Licht auf das altvertraute Weihnachtsfest. Durch das Verkündigungsspiel "Bethlehem, Provence" wird gleich mehrfach das Licht der kommenden Weihnacht gebrochen wie in einem Prisma. Die farblichen Facetten dieses gebrochenen Lichts entsprechen den verschiedenen Elementen des aus einem französischen Pastorale übertragenen und auf hiesige Verhältnisse umgearbeiteten Stücks.

Da gibt es zum einen die Spielszenen, die einem Krippenspiel ähneln und von Schülerinnen und Schülern der Klasse 6c des Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasiums Kirchheim gestaltet wurden. Sie werden gerahmt durch den Trompetenengel des Herrn, Boufareou, der durch die Handlung führt, der aber nicht nur als Erzähler die Handlung vorantreibt, sondern auch mit Trompetensignalen und Gesangspartien seine Botschaft verkündet. Und da gibt es ein Kammerensemble nebst einem Gesangsquintett, das die französischen Weihnachtslieder wiedergibt, aber auch eigene, von Heinz Spaeth arrangierte Melodien sowie deutsche Weihnachtstraditionen anklingen lässt. Und es gibt den Gesang, zu dem alle Teilnehmer eingeladen sind: Gemeindelieder aus dem evangelischen Gesangbuch.

Spätestens hier wird deutlich, dass es sich bei "Bethlehem, Provence" nicht um eine Aufführung handelt, zu der man als Zuschauer kommt, sondern dass es ein Verkündigungsspiel ist, das zu Recht die Kirche als Ort braucht, denn es will zu einer Gemeinde sprechen, nicht zu einem Publikum. Diesen Charakter hat Vera-Maria Schäfer mit ihrer deutschen Fassung sorgsam bewahrt und mit mehr als 40 Mitwirkenden so umgesetzt, dass es für die in der Schopflocher Kirche Versammelten keinen Zweifel gab, dass hier zu einem Gottesdienst geläutet wurde.

Die Menschen sollen selbst im Weihnachtsgeschehen vorkommen dieses Anliegen, das in der provenzalischen Tradition seit Jahrhunderten verankert ist, ist auch in der deutschen Fassung zu spüren. So wie bei den Santons, den Tonfiguren der Krippe, jährlich eine neue Figur hinzukommen muss, so kommt auch bei jeder Aufführung von "Bethlehem, Provence" eine neue Figur hinzu, in diesem Fall der Metzger Wurster von der Alb. Diese kleine Aktualisierung wurde von der Gemeinde ebenso wohl verstanden wie die Gesamtbotschaft des Stücks, die die Sechstklässler des Ludwig-Uhland-Gymnasiums zusammen mit den musikalischen Profis in die adventlich geschmückte Kirche trugen. Warmherziger Applaus war das deutliche Zeichen dafür.

jsn