Lokales

Bilder in den Köpfen verändern

Vortrag zum fünfjährigen Bestehen der Wohngemeinschaft „Gemeinsam statt einsam“

PETER DIETRICH

Kirchheim. Fünf Jahre sind kein offizielles Jubiläum, aber eine Einladung zur Zwischenbilanz. Diese könnte, das zeigte das Treffen im katholischen Gemeindehaus in Ötlingen, bei „Gemeinsam statt einsam“ kaum besser ausfallen. „So hätten wir uns das auch für unsere eigene Oma gewünscht“, meinte die Sozialpädagogin Michaela Göhler-Bald als Vertreterin der Stadt Kirchheim. Bei einem Besuch erlebte sie die WG als einen Ort „der Wärme, Ruhe und Gelassenheit“. Doch bis es so weit war, war es ein weiter und keinesfalls gelassener Weg. Vier Jahre lang dauerte die Vorbereitungsphase, bevor im Februar 2005 die WG mit acht Plätzen eröffnet wurde.

„Warum haben wir solange durchgehalten?“, fragte Mauz, und gab viele Antworten: Es war der Wunsch, die eigene Mutter gut betreut zu wissen. Es war eine Portion Glück, weil sich das Team im Verein gut ergänzte. Es war die gute Betreuung durch die Fachfrau Ruth Hamberger. Es war der Pflegedienst, der das Modell mitträgt, und das Angebot der evangelischen Gesamtkirchengemeinde, die Wohnung im Eckpunkt anzumieten. Die Leser des Teckboten unterstützten die WG mit der Spendenaktion. Mit Hartnäckigkeit und Glück, so Mauz, sei die „beste Wohnform für Menschen mit Demenz, die es im Moment gibt“ entstanden. „Wir hoffen, dass noch viele WGs entstehen.“ Wobei Mauz mit dem Begriff „WG“ nicht ganz glücklich ist, mit einem Namenswettbewerb wird derzeit nach Alternativen gesucht.

Von 63 Pflegeheimen im Landkreis seien zehn in Kirchheim, sagte die Altenhilfefachberaterin des Landkreises, Inge Hafner. Trotzdem sei die Stadt ein fruchtbarer Boden für Initiativen. Die hätten es nicht leicht: „Es gibt auf Bundesebene wunderbare Pläne. Die Ideen sind toll, aber dann kommen Gesetze und Regelungen, und dann wird es anstrengend.“ Beim Einsatz der Angehörigen sei die WG beispielhaft in Baden-Württemberg.

Hartwig von Kutzschenbach, zugleich Leiter des Nürtinger Sozialpsychiatrischen Dienstes für alte Menschen (SOFA) und Vorsitzender der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg, begann seinen Vortrag mit einigen grundlegenden Zahlen. In Baden-Württemberg leben 140 000 Menschen mit Demenz im mittleren und schweren Stadium, das wären umgerechnet in Kirchheim 560. Zwei von drei Betroffenen werden zu Hause gepflegt, meist von Frauen. Gegen Ende ihrer Erkrankung leben zwei von drei Erkrankten im Pflegeheim. Die Kirchheimer Wohngemeinschaft ist die einzige im Landkreis. Außerhalb hat sie jedoch inzwischen Geschwister bekommen, unter anderem in Ulm.

Für Kutzschenbach gibt es viele Themen rund um die Demenz, die diskutiert werden müssen. Ein neuer Ansatz ist die Entwicklung technischer Geräte, die Menschen mit Demenz unterstützen. Kutzschenbach fragte, ob die Krankenhäuser genügend auf Menschen mit Demenz vorbereitet sind. Migration und Demenz sei ein Thema, ebenso der Umgang mit jungen Demenzkranken im Alter von etwa 40 Jahren. Was ist mit alleinlebenden Demenzkranken ohne Angehörige? Wie verhalten sich Autonomie und Sicherheit zueinander, Freiheit und öffentliche Ordnung? Wann ist der Satz „die kann man doch nicht so leben lassen“ gerechtfertigt? Wie sieht es mit der Spiritualität von Menschen mit Demenz aus?

Entscheidend sei, die Bilder in den Köpfen zu verändern, Demenz nicht wie die Nachrichtenmagazine mit Angst und Schrecken darzustellen. Der Fokus müsse auf dem Anfang der Krankheit liegen. Nötig sei eine Teilhabe in der Familie, von Freunden, Kollegen und Nachbarn. „Die Profis kommen erst zum Schluss.“ Jeder in der Familie sollte sich kümmern, nicht nur ein einziger bemitleidenswerter „Delegierter“.

Die Demenzkampagne der Stadt Ostfildern ist für Kutzschenbach vorbildlich gelaufen. Zu ihr gehörten 30 Veranstaltungen, aber auch Statements von Prominenten: „Wenn ich einmal selbst dement bin, wünsche ich mir…“ Eine ähnliche Demenzkampagne ist von Juni 2010 bis März 2011 auch in Kirchheim geplant.

Der „Erste-Hilfe-Kurs Demenz“, den Kutzschenbach vorstellte, ist eine neue Form der Fortbildung für Vereine, Ladenbesitzer, Polizei, Banken und Notare. Er verbindet Information mit der Vermittlung von richtigen Haltungen: „Verstehen statt korrigieren, die Logik des Kranken akzeptieren.“ Menschen mit Demenz sollten für sich selbst sprechen können. „Wir sind manchmal ein bisschen schnell, zu wissen, was gut sein soll.“ Betroffene und Angehörige bräuchten Zuwendung, Verständnis, Respekt und Wertschätzung.

Mit Fotos und kurzen Filmsequenzen brachte Alltagsbegleiter Martin Reinke den rund 40 Besuchern den entspannten Alltag in der Wohngemeinschaft nahe, sein Beitrag sorgte für viel Gelächter.

Anzeige