Lokales

Bilder von Terror, Tod, Leid, Wut und Hass

Kaum ein Thema beschäftigt die Weltpolitik so lange und intensiv wie der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Nach der Übernahme der Regierung der Hamas, der schweren Erkrankung von Israels Staatschef Ariel Sharon und den Neuwahlen zur israelischen Knesset blickt der Westen nun erneut mit großer Sorge Richtung Nahost.

NICOLE MOHN

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Der bekannte Journalist und Theologe Johannes Gerloff sprach zu diesem Thema am Freitag bei einer Veranstaltung des CVJM Weilheim im evangelischen Gemeindehaus am Kohlesbach über aktuelle Entwicklungen in Israel. Dabei versuchte er vor allem, den zahlreichen Zuhörern die komplexen Ursachen hinter dem Konflikt näher zu bringen und die Schlagzeilen in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

Seit zehn Jahren lebt Gerloff mit seiner Familie sozusagen mittendrin im Konfliktgebiet. Als Leiter des Korrespondentenbüros des christlichen Medienverbundes KEP in Jerusalem bemüht er sich seither um eine faire Berichterstattung über den Staat Israel, die palästinensischen Gebiete und den Nahen Osten. Seit Jahren engagiert sich der Journalist als Buchautor und Referent, den Menschen in Deutschland ein detaillierteres Bild von der Situation zwischen Israelis und Palästinensern zu vermitteln als es die Tagesmedien oft vermögen.

Schon lange hat sich der CVJM als auch die evangelische Gemeinde deshalb bemüht, den anerkannten Israel-Kenner für einen seiner Vorträge nach Weilheim zu holen. Dass es ausgerechnet im Jubiläumsjahr zum 100-jährigen Bestehen des Vereins geklappt hat, freute die Verantwortlichen umso mehr, da sich der Abend als wahrer Publikumsmagnet erwies: Der Platz im Saal des Gemeindehauses reichte nicht aus, um allen Interessenten einen Platz zu bieten sogar im Foyer saßen noch Zuhörer.

Schlaglichtartig sind die Bilder, die uns aus dem Krisengebiet erreichen. Sie zeigen Terror und Tod, israelische Vergeltungsschläge, Leid, Wut und Hass. Die Geschichte dahinter wird nur selten erzählt. Der Westen, sagt Gerloff, blicke angesichts der Lage nach Israel und frage nach der Lösung für den Konflikt, übt Kritik an der Sperranlage. Sowohl in Israel als auch den Palästinensern gehe es zurzeit aber vielmehr um ein Konfliktmanagement als um Krisenbewältigung: "Es ist schlicht die Frage: Wie überleben wir", macht der Nahost-Experte deutlich. Dass der Zaun, der dutzende Auswirkungen auf beiden Seite habe, keine Lösung sei, sei dabei durchaus bewusst: "Aber die Anschläge sind seltener geworden", sagt Gerloff schlicht. Die Sperranlage sei nur eines von vielen anderen Mitteln, Terrorismus zu verhindern. "Es geht darum: Wie positionieren wir uns in dem Konflikt besser", klärt er auf. Den Rückzug aus den besetzten Gebieten zählt der Kenner ebenso dazu. "Israel hat sich damit militärisch frei gemacht zu handeln", so seine Einschätzung.

Hart werde derzeit auf jede Kassamrakete reagiert, die aus dem palästinensischen Gebieten Richtung Israel fliege. "Der Staat will damit deutlich machen: Mit jeder Rakete trefft ihr euch selbst", sagt Gerloff. Reißen die Angriffe nicht ab, befürchtet er, werde Israel schärfer gegen die Schützen durchgreifen. "Die Israelis aber sind der Gewalt und des Terrors müde geworden." Das erlebt der Journalist derzeit immer deutlicher. Er registriert einen zunehmenden Rückzug der Israelis aus der politischen und gesellschaftlichen Diskussion. Die schlechte Wahlbeteiligung als auch der flaue Wahlkampf zur Knesset sind für ihn ein Indiz dafür.

Dass 40 Prozent der Ruheständler keine Rente erhalten oder 294 000 Menschen in Israel in wilder Ehe leben, weil es keine zivile Eheschließungen gibt das seien die Probleme, die die Einwohner derzeit mehr interessieren. Auf der palästinensischen Seite, meist nur einen Steinwurf entfernt, eröffne sich eine ganz andere Welt. "Hier begegnet uns der Orient", macht Gerloff die grundlegende Wurzel des Konfliktes klar. Hier stehen sich westliche geprägte Werte und die islamische Gesellschaft gegenüber. Und die hat sich vor kurzem in Wahlen für die Hamas entschieden. Weltweit haben Regierungen wie Medien darauf mit Erstaunen reagiert. Gerloff hingegen hat eigentlich nichts anderes erwartet. Der Westen kenne den Namen nur im Zusammenhang mit Selbstmordattentaten und Terror. Dass die Hamas aber auch Hungerküchen und Polikliniken einrichte, sei nur wenig bekannt. "Deshalb sind sie beim Volk unheimlich populär", erklärt Gerloff, der an diesem Abend an vielen Stereotypen kratzte.

Wann immer der Journalist Vertretern der Organisation begegnete, ist ihm eines aufgefallen: "Sie sind ehrlich, bisher jedenfalls." Ganz anders Fatah oder PLO, die röchen schon von weitem nach Korruption. Letztlich aber sei der Konflikt zwischen Israel und Palästinensern ein theologischer: "Ein jüdischer Staat mit jüdischer Regierung bestimmt über Muslime das wird nicht akzeptiert", macht Gerloff, der sich zudem Zeit nahm, viele Fragen aus dem Plenum zu beantworten, klar. "Ihr Christen habt verloren, weil ihr das Leben so liebt", hat einmal ein Hamas-Mann zu ihm gesagt. Die Selbstmordattentäter sprengten sich nicht in die Luft, weil sie keine Hoffnung haben, sondern im Gegenteil: "Sie wissen, dass Allah irgendwann über alles regiert", sagt der Korrespondent. Eine Denkweise, die nicht nur Leute wie Osama bin Laden bewege, sondern viele Muslime präge auch in Deutschland. Für ihn sei das eine Herausforderung an die Christen und ihren Auferstehungsglauben.