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Bildung als " Erziehung zur Verantwortung"

Bildung und Energietechnik den Bogen zu schlagen, fiel Baden-Württembergs Kultusminister Helmut Rau bei der Einweihung der Fotovoltaikanlage in der Mörikehalle in Nürtingen nicht schwer. Die Anlage der Stiftung Ökowatt sei geeignet, bei jungen Menschen ökologisches Bewusstsein zu schärfen und biete für Hauptschüler die Möglichkeit, den Zugang zu interessanten Berufsbildern im Handwerk zu finden.

UWE GOTTWALD

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Vor allem auch wegen der Beteiligung der Nürtinger Handwerkerschaft an der Stiftung Ökowatt sei er der Einladung gerne gefolgt, sagte Minister Rau, natürlich aber auch aus Verbundenheit zu seiner Heimatstadt Nürtingen. Er freue sich über das Bürgerengagement in der rein ehrenamtlich geführten Ökowatt-Stiftung, die sich nicht nur durch die Förderung regenerativer Energiegewinnung, sondern auch durch die Bereitschaft auszeichne, jungen Menschen neue Horizonte zu eröffnen.

Die Fotovoltaikanlage auf der Mörikeschule ist das erste Projekt, das die Stiftung Ökowatt in Eigenregie betreibt, erklärte Gerhard Schwenk. Der Stiftungsvorstand begrüßte neben dem Minister den CDU-Landtagsabgeordneten Jörg Döpper und Oberbürgermeister Otmar Heirich und dankte Ulrich Storz, dem Rektor der Mörikeschule, für die Kooperationsbereitschaft.

Bisher, so Gerhard Schwenk weiter, habe die Stiftung aus den Ökowatt-Geldern Techniken wie Fotovoltaik und Blockheizkraftwerke gefördert, um sie in den Bereich der Wirschaftlichkeit zu führen. Durch Gesetzesnovellierungen und eine höhere Einspeisevergütung für Strom seien die Anlagen mittlerweile von sich aus wirtschaftlich, weshalb sich die Stiftung neuen Zielen zuwende. Mit der Fotovoltaik-Anlage könne nicht nur das eingebrachte Kapital vermehrt, sondern ein weiterer Stiftungszweck, die Verpflichtung zu Beratung und Aufklärung verfolgt werden. Das Stiftungskapital stammt aus dem Aufpreis von zwei Cent pro Kilowattstunde, einer Freiwilligkeitsleistung von Kunden der Stadtwerke. Der Kommunale Energiedienstleister ist ebenfalls Mitglied der Stiftung.

Oberbürgermeister Heirich und Rektor Storz begrüßten das Engagement der Stiftung in der Schule. Rektor Storz betonte: "Das Thema Energie und Ökologie wird ab nächstem Jahr in das Schul-Curiculum gemäß den neuen Bildungsplänen Einzug halten, Lerngänge zum Wasserkraftwerk und zu Blockheizkraftwerken der Stadtwerke sowie die Beschäftigung mit der Solarstromanlage werden eine wertvolle Anschauung sein." Zusammen mit dem Elternbeiratsvorsitzenden Daniel Eberwein hegt Rektor Storz die Hoffnung, dass die Schüler dabei auch bei der Berufsfindung profitieren.

Davon war Minister Rau überzeugt, als er sein Verständnis von Bildung darlegte: "Es kann nicht mehr darum gehen, nur gelernten Stoff wiedergeben zu können. Vielmehr müssen Wahrnehmungsfähigkeit und Urteilskraft geschult werden, aber auch die Fähigkeit, die Erkenntnisse in Handeln umzusetzen." Für Letzteres seien Praxisbeispiele die beste Voraussetzung. Mit diesem Grundgerüst stiegen die Chancen von Jugendlichen, in einer Berufswelt Fuß zu fassen, die in Anbetracht spürbarer Wachstumsgrenzen mehr denn je auf Innovation setzen müsse.

Minister Rau hob aber auch die ethische Verantwortung hervor, die Schülern nahe gebracht werden müsse. Klimawandel und Ressourcenknappheit berühre nicht nur die eigene Zukunft, sondern die nachfolgenden Generationen. Minister Rau zitierte aus Hans Jonas Spätwerk "Das Prinzip Verantwortung", mit dem der Philosoph die Umweltprob-lematik in die philosophische Diskussion einbrachte: "Künftige Generationen haben keine Lobby in der Gegenwart, die Zukunft ist in keinem Gremium vertreten". Rau mahnte an: "Umdenken ist notwendig. Damit muss früh begonnen werden, denn gerade junge Menschen sind aufgeschlossen für Neues."

Sein aufrüttelnder Appell lautete: "Wir dürfen nicht das Leben der gesamten Menschheit gefährden." Die Bildungspolitik im Land trage ihren Teil mit Schwerpunkten zum Thema Klimaschutz bei der Aus- und Weiterbildung von Lehrern und mit Energieberatungen für Schulgebäude bei, das Projekt Schülermentoren für umweltgerechtes Verhalten sei im Zusammenhang der aktuellen UNO-Dekade Bildung und Nachhaltigkeit sogar ausgezeichnet worden.

Oberbürgermeister Heirich und Rektor Storz nutzten die Gunst der Stunde und warben für den Antrag der Mörikeschule, eine Schule mit Ganztagesbetreuung und darüber hinaus eine Ganztagesschule mit entsprechenden Lehrerdeputaten zu werden. Eine spontane Zusage war dem Minister erwartungsgemäß nicht abzuringen, doch wies er auf die Pläne hin, die Ganztagesbetreuung erheblich auszubauen und vor allem etwas für Brennpunktschulen wie die Mörikeschule zu tun, wobei ihm die offizielle Umschreibung Schule mit besonderen pädagogischen und sozialen Aufgaben wesentlich besser gefalle.