Lokales

Bildung im Brennpunkt

Bessere Bildung für alle fordert derzeit die SPD im Lande. Beim Forum „Bildungsaufbruch in Baden-Württemberg“ befasste sich nun auch der SPD-Kreisverband Esslingen in der Limburghalle in Weilheim mit diesem Brennpunktthema.

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Nicole Mohn

Weilheim. Zusammen mit dem Vorsitzenden des Schulausschusses im Landtag Norbert Zeller und der Erziehungswissenschaftlerin Dr. Katja Kansteiner-Schänzlin diskutierten die Sozialdemokraten über ihr bildungspolitisches Zukunftskonzept. Dabei rüttelten sie kräftig an den bestehenden Strukturen im Schulsystem.

Es liegt einiges im Argen in Sachen Bildung im Allgemeinen und Schule im Besonderen, davon sind die Sozialdemokraten überzeugt. Die SPD-Fraktion im Stuttgarter Landtag hat dem Thema deshalb zentralen Stellenwert eingeräumt. Ein Thesenpapier dazu legte die SPD schon im vergangenen Jahr auf den Tisch. Darin fordert sie, alte Zöpfe wie frühe Selektion endlich abzuschneiden.

Zeller, Vorsitzender des Schulausschusses im Landtag, übernahm es, die wichtigsten Positionen der Fraktion vorzustellen. „Bildung ist nicht nur Schule“, strich der Landtagsabgeordnete deutlich heraus, dass die SPD beileibe nicht nur am aus ihrer Sicht krankenden Schulsystem laborieren will. Kindergarten und Tagesstätten dürften darum nicht länger reine Aufbewahrungs- und Betreuungseinrichtungen sein. Dabei gelte es dringend, vor allem das Angebot für die unter Dreijährigen zu verbessern und den Wissensdurst der Kleinen zu nutzen, fordert der SPD-Mann: „Die wollen Futter haben“, brachte es Zeller auf den Punkt.

Hilfen müssten sich aber auch bis in die familiären Strukturen hinein erstrecken, mahnte er. Vor allem Bildungsferne und -schwache Familien müsse entsprechend geholfen werden. Was die Familie nicht leiste, das soll künftig in den Bildungseinrichtungen aufgefangen werden – ohne die Eltern aus ihrer Verantwortung zu befreien. „Es geht vielmehr darum, sie zu befähigen“, erläutert der Vorsitzende des Schulausschusses.

Die Landtagsfraktion sieht in Sachen Bildung viele Handlungsfelder: Nachholbedarf gebe es etwa bei der Aus- und Weiterbildung der Erzieher. Ziehe man den Vergleich zum europäischen Ausland, falle auf, dass Deutschland weit hinterherhinke. „Die meisten haben in diesem Bereich eine Fachhochschulausbildung“, informierte Zeller. Auch in der beruflichen Bildung gebe es Defizite: Hier fehlten allein 700 Deputate in der dualen Ausbildung. Verbesserte Förderungen will die SPD aber auch für die Jugendhilfe als auch für die Weiterbildung wie zum Beispiel an den Volkshochschulen durchsetzen. Hier würden derzeit aber eher Mittel gekürzt.

Hauptaugenmerk der SPD liegt aber auf dem Schulsystem. Weniger eine Diskussion um Strukturen möchten die Sozialdemokraten führen: „Vielmehr sollte bei der Diskussion entscheidend sein, bessere Lernmöglichkeiten zu bieten“, so Zeller.

Und dennoch geht es der SPD genau um die Strukturen. Viel zu früh werde aussortiert. Davon seien besonders Kinder aus sozialschwachen Familien betroffen, kritisiert Zeller. „Ein Kind aus einer Arbeiterfamilie hat 4,4-mal schlechtere Chancen auf ein Gymnasium zu gehen, als ein Kind aus einer Akademikerfamilie“, sagt er. Die SPD fordere deshalb längere gemeinsame Lernzeiten. In zwei Schritten will die Partei das durchsetzen: Zunächst soll die Grundschulzeit um zwei Jahre verlängert werden, später ist eine Gemeinschaftsschule bis zur 10. Klasse erklärtes Ziel der SPD in Baden-Württemberg. „Das ganze als Ganztagsschule“, so Zeller. Allerdings nicht im Stile Baden-Württembergs mit Unterricht am Vormittag und Betreuung in den Nachmittagstunden, betont er.

Der Erziehungswissenschaftlerin Kansteiner-Schänzlin geht das eigentlich noch nicht weit genug. Sie sprach sich in ihrem Vortrag zum Thema „Schulstruktur oder Unterrichtsqualität?“ für einen sofortigen Systemwechsel aus. „Es ist ein fal­scher Glaube an homogene Klassen, auf dem unser System beruht“, erklärte sie. Überall werde aussortiert, beruhe alles auf überholten Vorstellungen von Begabungen: „Zum Schaden der Schüler“, ist sie überzeugt.

Die Folge: Schon mit elf Jahren stehe ein Kind heute mitunter vor einer Misserfolgsbilanz. Sie forderte deshalb eine Abkehr von der frühen Selektion. Davon, erklärte sie, würden alle Schüler profitieren. Dabei gehe es nicht allein um das fachliche Wissen, sondern auch um „Soft Skills“ wie soziale Kompetenz, Integration oder Eigenverantwortung.

Mit dem klassischen Unterrichtsformat mit rund 80 Prozent Frontalunterricht, wie zurzeit an deutschen Schulen immer noch üblich, freilich lässt sich der Umschwung nicht bewerkstelligen, warnt die Expertin. Individuelle Lernförderung sowohl für schwache als auch begabte Schüler, Bildung von Arbeitsgruppen, Auflösung des strikten Stundentaktes, fächerübergreifendes Arbeiten – das waren einige Punkte, die Kansteiner-Schänzlin dazu für unabdingbar hält. Auch das Lernumfeld müsse sich wandeln: „Ein leeres Klassenzimmer mit ein paar Jugendpostern an den Wänden reicht da nicht“, sagte sie.

Aus dem Vortrag nahmen die SPD-Mitglieder einiges mit. Ob sich aber die Forderung nach der Gemeinschaftsschule politisch in einem Schritt durchsetzen lasse, da zeigte sich SPD-Kreischef Michael Wechsler eher skeptisch.