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Bildung ist mehr als ein großer Packen an Wissen

Noten sind nicht alles. In einer Langzeitstudie hat man in den USA den Lebensweg von Menschen verfolgt, die als Schüler mit ganz ungewöhnlichen Intelligenzquotienten brillierten. Das Ergebnis: ihre Karrieren waren von sehr durchschnittlicher Qualität. Dass Noten trotzdem ihre Bedeutung haben, machte im Panoramasaal der Stadthalle ein Podiumsgespräch zum Thema Bildung deutlich.

GÜNTER SCHMITT

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NÜRTINGEN Wer sich einen Studienplatz an der Nürtinger Fachhochschule sichern will, hat nur mit guten, um nicht zu sagen mit sehr guten Noten eine Chance. Dabei ist es keineswegs so, dass man an der Fachhochschule nicht wüsste, dass Bildung mehr ist als ein satter Packen an Wissen. Aber wenn ein abgelehnter Studienbewerber vor Gericht geht, muss die FH präzise und genau begründen, warum sie so und nicht anders entschieden hat. Dass bei einer juristischen Abwägung die Noten eine entscheidende Rolle spielen, liegt auf der Hand.

Dass derzeit ein Ausbildungsplatzabbau stattfindet, weiß jeder, der zur Zeitung greift. Die Ausführungen des Personalchefs eines großen Nürtinger Betriebes warfen ein scharfes Licht auf die Situation. Um die jährlich 30 Ausbildungsplätze des Betriebes bewerben sich mehrere hundert junge Leute. Bei der Auswahl scheut der Betrieb keine Mühe.Wer etwa in Mathematik und Physik schlechte Noten vorlegt, hat keine Chance. Gleich mehrere erfahrene Mitarbeiter des Betriebes nehmen die jungen Leute unter die Lupe, und niemand kann sich zwei bis drei Stunden hindurch verstellen.

Soziale Kompetenzen spielen ebenfalls eine Rolle. Trotz der sorgfältigen Auswahl sind so genannte Hänger nicht auszuschließen. Nach dem Urteil des Personalchefs ist bei den jungen Leuten das Niveau etwas gesunken. Mitunter mangelt es an Grundkompetenzen wie Rechnen und Schreiben. Einig war sich das Podium in der Beurteilung der Rolle der Eltern. Wie sie zur Berufswahl ihres Sohnes oder ihrer Tochter stehen, kann von entscheidender Bedeutung sein. Sie müssen den jungen Menschen in seiner Berufswahl fördern und stützen. Dass das Interesse vieler Eltern schon an den Elternabenden in normalen Schulen zu wünschen übrig lässt, ist eine alte Erfahrung. Ebenso leidig ist die Beobachtung, dass ausgerechnet meist jene Eltern nicht erscheinen, deren Sprösslinge es am meisten nötig hätten. Selbst bei Fortbildungen wird in aller Regel versucht, die Eltern mit ins Boot zu holen, wie der dem Podium angehörende Berufsberater wissen ließ. Leider gehen auch hier vielfach alle Bemühungen ins Leere. "Dabei sind wir, wenn die Eltern sich verweigern, chancenlos", wie ein Lehrer feststellte. "Das Wesentliche ist schon passiert, wenn das Kind in die Schule kommt."

"Unsere Schüler", stellte ein Schulleiter fest, "haben die gleiche Intelligenz wie vor zehn oder 20 Jahren, aber sie sind nicht mehr so belastbar." Die Beobachtung gelte für Schüler von der Hauptschule bis zum Abiturienten. Nach den Beobachtungen des Berufsberaters sind nicht selten so entscheidende Tugenden abhanden gekommen wie Fleiß, Durchhaltevermögen und Disziplin. Dabei weiß er aus eigener Erfahrung, dass heutzutage ohne Ausbildung kaum eine Chance auf einen Job besteht.

Die Sozialkompetenz spielte in der von der Nürtinger Rudolf-Steiner-Schule getragenen Veranstaltung eine prominente Rolle. Definiert wurde sie mit drei Begriffen: Toleranz, Kommunikationsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Der beste Mechatroniker ist fehl am Platz, war in diesem Zusammenhang zu hören, wenn er seinen Kunden wie Müll behandelt. Deshalb ist es wichtig, wie sich ein Schüler in der Schule verhält, ob er nur tut, was er tun muss, oder ob er mehr einbringt. Die Teilnahme am Vereinsleben spielt eine Rolle, ob Praktika oder Probezeiten gemacht wurden und ob ein Basiswissen über die Ereignisse in der eigenen und in der großen Welt vorhanden ist.

"Wir müssen neue Wege finden", hieß es als Antwort auf die Frage, ob es sein muss, dass bei Unterschreitung eines gewissen Notenbildes kein junger Mensch die Chance bekommt, zu einem Vorstellungsgespräch geladen zu werden. "Wir müssen aus der derzeitigen Situation herauskommen", lautete eine andere Feststellung. Aber bis ein neuer Modus gefunden ist, bleibt nur die Möglichkeit, die der Rektor der FH formulierte: "Bildung, Bildung und nochmals Bildung."

Die Moderation der Podiumsdiskussion hatte Gise Kayser-Gantner, Geschäftsführerin der Waldorfschulen des Landes. Das Podium war mit folgenden Fachleuten besetzt: Berufsberater Volker Seitz, Professor Klaus Fischer, Rektor der Nürtinger FH, Dr. Albrecht Hüttig von der Nürtinger Rudolf-Steiner-Schule, Oberstudiendirektor Harald Fano, Leiter der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule, Hans Schollenberg, Ausbildungsleiter des Krankenhauses Kirchheim-Nürtingen, Manfred Fröhner, Personalleiter der Maschinenfabrik Heller, sowie Helmut Zeeh von der IHK Esslingen-Nürtingen.