Lokales

Bildungsarbeit als Rettungsanker aus Armut

Ursula Hauser informierte sich in Ecuador über die vom Verein „Hilfe für Guasmo“ unterstützten Projekte

Ein Fass ohne Boden ist sie nicht, die Bildungsarbeit, der sich der Verein „Hilfe für Guasmo“ seit mittlerweile 21 Jahren verschrieben hat. Die Mittel, die dorthin fließen, versickern nicht. Jeder gespendete Euro kommt Menschen in Ecuador zugute.

INGE SNAY

Guasmo. Einmal mehr machte sich Ursula Hauser, die Vorsitzende des Vereins „Hilfe für Guasmo“, wie alljährlich auf den Weg nach Ecuador, um sich an Ort und Stelle ein aktuelles Bild von der Situation der vom Verein unterstützten Projekte in ihren Projekten zu machen.

Vier arbeitsreiche Wochen verbrachte sie in dem lateinamerikanischen Land, in dem die Armut unvorstellbar ist: Von morgens bis abends besuchte sie Schulen und Ausbildungsstätten, machte sich kundig über auftretende Probleme und suchte mit den Verantwortlichen gemeinsam nach Lösungen, tauschte sich mit Lehrern und Sozialarbeitern aus, führte Gespräche mit den geförderten jungen Menschen und machte Besuche bei deren Familien, führte zähe Verhandlungen mit Behörden und kümmerte sich darum, neue Wege zur Hilfe über neue Kontakte zu erschließen und den jeweiligen Finanzbedarf zu ermitteln.

Gefördert werden vom Verein „Hilfe für Guasmo“ Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die den festen Willen haben, über eine gute Berufsausbildung den Weg aus ihrem trostlosen Elend heraus zu schaffen. Spendengelder bekommen sie nicht in die Hand, auch ihre Familien nicht. Zu groß ist schließlich die Gefahr, dass das Geld in Alkohol oder andere Drogen umgesetzt wird. Der Verein übernimmt direkt das Schulgeld und die Ausstattung mit Schuluniformen und Lehrmaterial für die Schüler, unterhält als eigene Bildungseinrichtungen das „Colegio Hermann Hesse“ und die Berufsbildungsstätte „Club I. S. E.“ mit ihrem Angebot an technischer, kaufmännischer und sozialberuflicher Ausbildung sowie in Puerto Napo im Amazonasgebiet Schule, Internat und Schneiderinnenausbildung.

Eine zentrale Rolle bei der Umsetzung des Hilfsangebotes spielen die Lehrer und Sozialarbeiter, ausschließlich Einheimische, von denen die meisten aus eigener Erfahrung wissen, aus welch unglaublich armen, schwierigen und auch chaotischen familiären Verhältnissen ihre Schüler kommen. Kriminalität, Drogen, Alkohol und sexueller Missbrauch sind an der Tagesordnung und verhindern vielfach eine geordnete Schul- und Berufsausbildung. Die Lehrer wissen das, und die meisten von ihnen fühlen sich in einer Weise verantwortlich, die weit über ihre Pflichten hinausgeht. Sie arbeiten „ganzheitlich“, das heißt, sie beschränken sich nicht auf ihren Fachunterricht, kennen die Familien der Schüler und Kursteilnehmer und deren Nöte, organisieren Informationsveranstaltungen, sind Ansprechpartner für alle Sorgen. Sie verstehen sich ebenso als Sozialarbeiter wie als Lehrer. Sie machen „Dienst am Schüler“ und sie „geben Zeit, Liebe und Fachkompetenz“, betonen die Lehrkräfte. Das alles nehmen sie auf sich für Gehälter, von denen sie ihre Familien kaum ernähren können, weshalb manche von ihnen zwei Lehrerstellen auf sich nehmen. Überdies wenden sie in ihrer Freizeit noch die Kraft auf, sich um persönliche Probleme der Schüler zu kümmern.

Sie führen einen ständigen Kampf um und für ihre Schüler, damit diese ausharren auf dem Weg in eine vielleicht bessere Zukunft und nicht zurückfallen in das von Sucht und Elend geprägte Milieu. Zu Lasten der Arbeitsqualität der Lehrer scheint der außerordentliche Einsatz nicht zu gehen, denn die Leistungen der von „Hilfe für Guasmo“ geförderten Schüler sind in der Regel eher überdurchschnittlich. Dies ist auch öffentlich anerkannt.

Für Ursula Hauser ist das Wissen um die Vertrauenswürdigkeit und das unermüdliche Engagement der Verantwortlichen vor Ort eine große Beruhigung und Hilfe. Mit den Lehrern und den ausgebildeten einheimischen Sozialarbeitern war sie während ihres Besuches ständig zusammen. Von ihnen bekommt sie viele wichtige Informationen. Beeindruckt war sie zu sehen, wie der Rektor des „Colegio“ nach einer Unterschenkelamputation schon während der Wartezeit auf eine Prothese seinem Beruf nachgeht. Sie begegnete der Lehrerin Jacqueline, die nach einem schweren Unfall mit einem „Fixateur Externe“, einem außen am Bein angebrachten und mit dem Knochen verschraubten Haltesystem im Colegio unterrichtet.

Die Vereinsvorsitzende ließ sich bei ihrem Aufenthalt in Ecuador auch detailliert informieren über die derzeit ungefähr 150 Stipendiaten von „Hilfe für Guasmo“. Viele Menschen und Schicksale kennt sie persönlich, darunter beispielsweise Angel, 14 Jahre, der eine schwere Augenkrankheit hat und doch ein guter Schüler ist, und dessen Mutter Lydia (5 Kinder), die, angeregt durch Angels Förderung, sich selbst zu einer weiterführenden Schulbildung entschloss; daneben sichert sie durch Näharbeit an einer kreditfinanzierten Nähmaschine den Familienunterhalt.

Scarlett wurde mehrfach an ihrem missgebildeten Fuß operiert und ist Klassenbeste. Auch Marco leidet unter missgebildete Füßen. Morgens um 5 Uhr verlässt er seine Hütte, arbeitet an einer Tankstelle, studiert an der „Universidad“ und kümmert sich um jeden, der Hilfe braucht.

Jennifer ist eine fleißige Schülerin, die nachts in ihrer armseligen Hütte allein ist, weil die Mutter nachts arbeitet. Flor wurde im Internat in Puerto Napo aufgenommen, nachdem ihr eigener Großvater sie vergewaltigt hatte. Isaac und seine Schwester Isabel konnten in diesem Jahr in letzter Minute aus ihrer Hütte am Fluss entkommen, als diese ins Wasser rutschte. Die Familie hat seit diesem Unglück kein Zuhause mehr.

Ihren oft hoffungslosen Lebenssituationen zum Trotz kämpfen sich immer wieder junge Menschen mit Erfolg durch auf ihrem Weg zu einem Beruf, mit dem sie ihren Lebensunterhalt verdienen und ein Stück Unabhängigkeit erreichen können, denn „Wissen ist Befreiung“. Weitere junge Menschen aus den Elendsvierteln möchten es ihnen nachmachen. Es bleibt also noch viel zu tun für „Hilfe für Guasmo“. Informationen über die Arbeit des Vereins können abgerufen werden bei Ursula Hauser, Laubersberg 48 in Kirchheim, Telefon 0 70 21/ 4 43 09, und bei Arnold E. Piesiur, Telefon 0 70 21/7 17 97 sowie im Internet unter www.hilfe-fuer-guasmo.de.

Ein Spendenkonto ist eingerichtet bei der Landesbank Baden-Württemberg in Kirchheim mit der Kontonummer 8 648 646, Bankleitzahl 600 501 01.

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