Lokales

"Bin nicht tot, schlafe nur"

Bereits zur Tradition geworden ist das alljährliche sommerliche Beisammensein der Landfrauen in Riekers Garten im beschaulichen Dorf Neidlingen.

NEIDLINGEN In diesen Tagen trafen sich die Neidlinger Landfrauen, um dem größten und faszinierenden dänischen Märchenerzähler Hans Christian Andersen Referenz zu erweisen denn dessen 200. Geburtstag gilt es in diesem Jahr zu feiern. Mit einem wohltuenden und beeindruckenden Ambiente verwöhnte wiederum Landfrau Maria Hartmayer die Anwesenden und Rosemarie Rieker ließ ihre Gäste nicht im Regen sitzen, sondern begrüßte ihre Gäste in der heimelig umfunktionierten Garage. Dabei ist, wie in Andersens Märchen, eins gelungen: "Er zaubert eine vollkommene Il-lusion herbei, verliert dabei aber die Wirklichkeit nie aus den Augen."

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Eva Lykke Petersen-Windisch, eine gebürtige Dänin und jetzt im Remstal lebend, verstand es auf liebevolle Art und Weise, ihren berühmten Landsmann mit seinen unterschiedlichen Eigenschaften und Merkmalen nahe zu bringen sowie die Auseinandersetzung mit seinem Werk erfahrbar zu machen. Da hatte man sein Porträt aufgehängt, das wahrlich keinen Schönling zeigte, sondern ein knochiges Gesicht mit riesiger Nase und einem verträumten Blick. "Viele Frauen verehrten Andersen", so die Referentin, "aber ebenso viele fanden ihn hässlich." Mit viel Charme, die dänische Fahne, bekannt als Danebrog, neben sich stehend, mit viel Wissenswertem und Amüsantem gewährte sie Einblicke in das facettenreiche Leben des Märchendichters.

Wer wusste schon, dass er 156 Märchen geschrieben hat, die heute in 150 Sprachen der Welt übersetzt wurden. Da hörte man vom armen Schustersohn der Vater verstarb sehr früh der nur die Armenschule besuchen konnte, ein Angsthase ist und ein Sonderling, der aber davon träumt, einst berühmt zu werden. Mit 14 Jahren verlässt er seinen Geburtsort Odense, kommt nach Kopenhagen und will Schauspieler, in erster Li-nie aber Balletttänzer werden. Beides wird er nicht. Aber er wird Schriftsteller, reist durch Europa, verliebt sich meist aussichtlos in viele Frauen, wird schließlich mit seinem Schreiben berühmt und von Königen und Fürsten eingeladen. "Diese Einladungen nimmt er gerne an, bleibt oftmals viel zu lange am Hof, liest vor und erzählt dabei am liebsten immer über sich selbst", so die Referentin.

Aber auch mit vielen Künstlern seiner Zeit verkehrt er persönlich, wie etwa mit Bettina von Arnim, Heinrich Heine oder gar Charles Dickens. Ein Abenteurer und Angsthase ist er zugleich, denn jede Nacht legt er einen Zettel neben sich mit der Aufschrift: "Bin nicht tot, schlafe nur," als er von der Beerdigung eines Scheintoten gelesen hatte. Dann aber wieder, etwa im Märchen "Die Schnecke und der Rosenstock" gibt es Texte wie "Leben ist nicht genug. Sonnenschein und eine kleine Blume muss man haben."

Diese Fülle von Erfahrungsweisheiten durchziehen nahezu alle seine Märchen. Sie faszinieren den Leser und wie im Leben spiegelt sich in seinen Märchen das gesamte Spektrum seelischer Höhen und Tiefen: Trauriges und Freudiges, Schönes und Schweres, Enttäuschendes und Hoffnungsvolles. Kaum mag man es glauben: nicht Goethe oder Shakespeare, nichtSchiller ist der am weitesten verbreitete Autor auf dieser Erde: es ist der Träumer, der Angsthase, der leidenschaftliche Blumenfreund, der Naturmensch Andersen, dessen prägende sinnliche Eindrücke sich tief als ein Gefühl des Zu- und Vertrauens bei Kindern wie Erwachsenen eingraben.

Ulrike Braun überbrachte den Dank an die Referentin und Annegret Stolz an Maria Hartmayer und die Gastgeberin.

rr