Lokales

"Bis zum Tod meines Sohnes hatte ich Hoffnung"

Derzeit läuft die "Woche der Überschuldeten". Mit der Veröffentlichung einzelner Schicksale sollen die Schuldnerberaterinnen im Kreis aufmerksam machen auf den Menschen hinter den Schulden. Heute erzählt Karin S. ihre Geschichte:

KIRCHHEIM Ich bin 47 Jahre alt und lebe alleine. Ich habe einen erwachsenen Sohn und zwei Enkelkinder. Mein zweiter Sohn ist vergangenes Jahr an einer chronischen Erkrankung verstorben. Er wurde nur 25 Jahre alt. Wenn ich zurückdenke, habe ich seit meiner Heirat vor bald 30 Jahren immer Schulden gehabt. Das erste mal haben wir, als frisch Verheiratete, eine Wohnung mit dem Geld eingerichtet. Danach ein Auto gekauft und so weiter. Die Kredite wurden immer pünktlich zurückgezahlt. Nie gab es Schwierigkeiten. Ich beziehungsweise mein damaliger Mann hatten Arbeit und somit hat das Geld gut gereicht. Auch als die Kinder da waren. Es war damals eine schöne Zeit.

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Die eigentliche Verschuldung begann, als mich Anfang 2001 mein damaliger Freund in der Zwischenzeit war ich geschieden dazu überredete, mit ihm gemeinsam einen kleinen Kiosk und eine Gaststätte zu eröffnen. So wie er mir das Finanzielle vorrechnete, klang es sehr plausibel und ich habe ihm vertraut. Gegen die Warnung meiner Familie habe ich meine Festanstellung in einem Supermarkt gekündigt und mich auf das Wagnis der Selbstständigkeit eingelassen. Finanziell war das der Anfang vom Ende. Um den Betrieb am Laufen zu halten, hatten wir zu Beginn von den frühen Morgenstunden bis zum späten Abend offen. 16 oder 17 Stunden im Geschäft waren keine Seltenheit. Unserer Beziehung tat das nicht gut und etwa ein halbes Jahr nachdem wir die Betriebe eröffnet hatten, trennten wir uns. Beide Betriebe blieben an mir hängen. Auf die Dauer ging das nicht gut. Weder das eine noch das andere Geschäft warfen Gewinn ab, zumal ich noch Personal einstellen musste.

Da fasste ich den Entschluss, die Gaststätte aufzugeben. Wenn ich meine ganze Kraft in den verbleibenden Kiosk investiere, wird der schon laufen, so mein Gedanke, und die Schulden, die durch die Gaststätte entstanden sind, würde ich damit abzahlen können. Heute weiß ich, dass das schon damals zum Scheitern verurteilt war. Allein die Pacht war so hoch, dass ich dafür mehr als die Hälfte des Monats arbeiten musste. Getränkerechnungen, Strom, Lebensmittel, Steuern waren damit aber noch nicht bezahlt. An eine Krankenversicherung war gar nicht mal zu denken. Was für mich das Schlimmste war, waren aber jene "Freunde", denen ich vertraut habe und die sich an einem Griff in die Kasse bereicherten.

Tja und dann starb ein Sohn. Bis dahin hatte ich noch die Kraft, jeden Morgen aufzustehen und die Hoffnung, dass doch alles gut werden würde. Sein Tod hat das alles verändert. Es gab nichts mehr, was ich mir vormachen konnte. Als ich einen Teil der Beerdigungskosten gezahlt hatte, konnte ich die Lieferanten nicht mehr bezahlen. So kam eins zum anderen und schließlich blieb mir gar nichts anderes mehr übrig, als den Laden aufzugeben. Ich habe es von den Schulden nicht mehr überblickt.

Mein Schuldenberg beläuft sich auf 20 000 Euro. Früher hätte mich diese Summe nicht geschreckt. Ich hatte eine feste Anstellung und mit etwas Einschränkung hätte ich im Laufe der Jahre die Summe abbezahlt.

Heute stehe ich aber vor dem Nichts. Seit mein Kiosk geschlossen ist, bemühe ich mich um eine Vollzeitstelle in allen möglichen Bereichen. Gefunden habe ich bisher nur einmal was für drei Monate, dann hat der Laden zu gemacht. Woran es liegt, kann ich mir nicht so recht vorstellen, denn mit 47 denke ich, gehöre ich ja noch nicht zum alten Eisen.

Im Moment bin ich daran, mit der Schuldnerberatung zusammen einen genauen Überblick über die Schulden zu bekommen, um dann einen Rückzahlungsplan aufzustellen. Das hängt aber auch davon ab, wie sich meine berufliche Situation entwickelt. Die Leistungen, die ich zurzeit beziehe, reichen gerade für das Lebensnotwendigste aus.

In meiner Familie wissen zwar alle, im Freundeskreis einige, dass ich verschuldet bin, wie es genau aussieht, wissen sie aber nicht. Ich will sie nicht belasten, es ist ja mein Problem. Lediglich mein neuer Lebensgefährte und einige Freunde wissen darüber Bescheid. Mit ihnen über alles reden zu können tut sehr gut und ich merke auch, dass ich nicht alleine bin, sondern dass es immer noch jemanden gibt, der zu mir hält.

In meiner Freizeit mache ich Sport. Zum Glück ist es so, dass alle sehr sparsam sind und keiner viel ausgibt. So gelingt es mir dort mitzuhalten. Wenn ich das aber nicht mehr könnte, wäre alles sehr trostlos. Ich brauche ihn um mal auf andere Gedanken zu kommen. Sonst verfolgen mich die Schulden immer und sie schlagen mir auf den Magen. Auch nachts wache ich aus den Träumen auf und habe jemanden vor mir, der die Hand aufhält und Geld will, das ich nicht habe. Häufig habe ich ein schlechtes Gewissen wegen meiner Schulden. Es ist für mich schlimm, Geschäftspartnern etwas schuldig zu bleiben und ich hoffe sehr, dass ich den Großteil meiner Schulden zurückzahlen kann, aber wie gesagt, das hängt auch davon ab, ob ich eine Anstellung finde oder nicht."

sb