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"Bitte einsteigen . . ."

Nach Aufführungen in Rechberghausen und Kuchen "wagte" sich der Kinder- und Jugendzirkus "Rondelli" am Wochenende auch über die Göppinger Kreisgrenze hinaus und konnte in der eigens dafür in Weilheim errichteten Zeltstadt am Sportzentrum Lindach einen begeisternden Erfolg feiern.

WOLF-DIETER TRUPPAT

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WEILHEIM Während vor allem Gesangvereine landauf und landab von Jahreshauptversammlung zu Jahreshauptversammlung immer verzeifelter ihre zunehmende Überalterung beklagen und dem drohenden Vereinssterben nur das penetrante Klagelied der Nachwuchssorge entgegensetzen, wurde in Holzhausen ein Projekt aus der Taufe gehoben, das so tatsächlich einmalig ist in Baden-Württemberg.

1999 feierte der dort 1899 gegründete Turn- und Gesangverein sein 100-jähriges Bestehen. Um den "betagten Jubilar" zukunftsorientiert feiern zu können, entwickelten kreative Köpfe die Idee, Kinder und Jugendliche dafür zu motivieren, für das Jubiläum ein Zirkusprogramm einzustudieren. Der große Erfolg der Jubiläums-Aufführung sorgte dann dafür, dass unter dem Dach des altehrwürdigen Turn- und Gesangvereins Holzhausen der quirlige Kinder- und Jugendzirkus "Rondelli" gegründet wurde, der seither fester Bestandteil der Turnabteilung ist.

Was Kinder und Jugendliche gemeinsam mit Eltern und wohl teilweise auch Großeltern in einem aus vielen Freunden bestehenden "Familienbetrieb Zirkusunternehmen" mit der Hilfe von drei zirkuserfahrenen Artisten und einem Theaterpädagogen auf die Beine stellen können, wurde am Wochenende in Weilheim eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Dass für den 1999 gegründeten Zirkus-Verein der Begriff "Nachwuchsorgen" ein Fremdwort sein muss, konnte dabei überzeugend dokumentiert werden.

Bei diesem Projekt liegt das Problem wohl eher darin, dass Stützen des Programms viel zu schnell aus dem Kinder- und Jugendzirkus-Alter herauswachsen, doch wie der eindrucksvolle Auftritt in Weilheim zeigte, gibt es auch hinter den Kulissen und auch vor und nach jeder Aufstellung unendlich viel zu tun . . .

"Bitte einsteigen" lautet der Titel des neuen Programms, das völlig zurecht verspricht: "Dieser Bahnhof ist eine Reise wert." Schließlich werden im Programm des Kinder- und Jugendzirkusses "Rondelli" nicht spektakuläre Raubtiernummern und atemberaubende Spitzenartistik aneinander gehängt. Liebevoll choreographiert und in einen durchgängigen Handlungsrahmen gepackt der den Akteuren auch einmal Zeit lässt, zu verschnaufen oder rasch in neue, einfallsreiche Kostüme zu schlüpfen wird phantasievolles Traumtheater präsentiert, das zweifellos auf sehr professionellem und höchst sportlichem Niveau daherkommt.

Knapp 30 Akteure stehen derzeit in immer wieder wechselnden Rollen und Kostümen in der Manege und müssen dabei ihre vielfältigen Fähigkeiten in unterschiedlichsten Bereichen unter Beweis stellen. Die Disziplinen Stuhlakrobatik und Seilspringen gehören schließlich genauso zum Holzhausener Sport- und Zirkusprogramm wie Jonglage und Diabolo-Demonstrationen oder auch das Ein- oder Hochradfahren. Von Partnerakrobatik reicht die eindrucksvoll demonstrierte hohe Schule circensischer Kunst bis hin zur Trapezeinlage unter der Zirkuskuppel oder zu spektakulären Vorführungen am Vertikaltuch.

Neben immer wieder begeisterten Beifall auslösenden Menschenpyramiden und möglichst synchron gestalteten Gruppenauftritten sorgt die phantasievolle Zirkus-Revue auch immer wieder mit ihren liebevoll ins Programm integrierten "Kleinigkeiten" für Überraschungen und Szenenapplaus. Wie die Bierflasche des Bahnhofspenners in einer Papiertüte verschwindet, die anschließend zusammengeknüllt wird, verblüffte das Publikum genauso wie etwa die Punkte, die plötzlich aus einem Tuch herausfielen, das später dann aber doch nicht mehr schwarz, sondern erneut gepunktet war.

Gekonnt wurde auch das Zerreißen einer Zeitungsseite in Szene gesetzt, die kurz darauf wieder völlig unversehrt auseinander geblättert werden konnte. Für überraschtes Staunen sorgte auch das Ende der Trapeznummer, als die vielen angeblichen "Raubkatzen" aus Afrika alle in eine solide Holzkiste passten, die zugenagelt und von allen Seiten gezeigt wurde, bevor die Helfer sie mühelos aus der Manege trugen.

Zu übertreffen ist die ungemein gute Publikumsresonanz eigentlich nur noch bei einem richtigen Heimspiel und damit wird die Tournee am morgigen Dienstag, um 17 Uhr und am Mittwoch, 25. Mai, mit Vorstellungen um 14.30 und 19 Uhr in der Halle des dank der Zirkusakteure ungemein jung gebliebenen Turn- und Gesangvereins Holzhausen auch beendet.

Fotos: Oskar Eyb