Lokales

Bittere Klage über neues Zuwanderungsrecht

Zahlreiche Angehörige der türkischen Gemeinde aus Kirchheim und Umgebung folgten einer Einladung des seit über zehn Jahren in Kirchheim bestehenden Vereins Türkisches Volkshaus. In der Ötlinger Eduard-Mörike-Halle ging es am Samstag um Politisches, aber auch um den kulturellen Austausch.

GUNDHARD RACKI

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KIRCHHEIM Es wäre den Veranstaltern zu wünschen gewesen, dass auch "deutschstämmige" Besucher die Möglichkeit genutzt hätten, trotz sprachlicher Hürden, etwas mehr über die Kultur und die Ansichten von "Türken in unserer Stadt" zu erfahren. Umut Bodur vom Vorstand des "Halk evi" (Volkshaus) beklagte bitterlich die Regelungen des neuen Zuwanderungsrecht, das ab Mitte 2007 gelte, und eine dauerhafte Niederlassung in Deutschland für türkische Staatsbürger ungeheuer erschwere, weil es auch bei Eheschließung eine Zuwanderung davon abhängig mache, dass bereits in der Türkei eine Sprachprüfung abgelegt wurde. Es stelle sich die Frage, wie Männer und Frauen in den Dörfern Anatoliens einen Sprachkurs für Deutsch besuchen könnten. Dieses neue Recht sei ein Einbürgerungsverhinderungsrecht. Umut Bodur forderte, diese Kurse erst nach der Einreise in Deutschland durchzuführen. Aber auch hier gelte der Grundsatz: Kein Zwang zur Integration, obwohl unbestritten sei, dass der Spracherwerb wichtig sei für ein Leben in Deutschland. Das Zuwanderungsrecht habe eine weitere Hürde aufgebaut, da verlangt werde, über 23-Jährige nur mit eigenem Einkommen einzubürgern, was bei vielen noch nicht der Fall sei. Deutschland solle endlich zum Geburtsortsprinzip im Staatsangehörigkeitsrecht kommen, statt beim Herkunftsrecht zu bleiben.

Bitterkeit und Resignation beim Bemühen um Integration rufe bei türkischstämmigen Menschen auch hervor, dass die soziale Herkunft eines Kindes noch immer in einem so hohen Maße wie in keinem anderen Land die Lebenschancen eine Kindes bestimme. Das Kind von Arbeitern, aus diesen "bildungsfernen" Schichten kämen die meisten türkischen Kinder, hätte eine sechsfach geringere Chance das Abitur zu machen, als ein deutsches Mittelschichtkind. Dieses System habe bereits die unqualifizierten Türken von heute hervorgebracht, mit einer deutlich höheren Arbeitslosigkeit als beim Durchschnitt der Erwerbsbevölkerung.

Mit einigen Sätzen ging der Sprecher des Volkshauses auf die Lage in der Türkei ein. Mit Waffengewalt ließen sich die Probleme in Südostanatolien und dem Nordirak nicht lösen. Es sei höchste Zeit für friedliche und vernünftige Lösungen. Für solche Lösungen sei der aufgeblasene, üble Nationalismus und Patriotismus, der in türkischen Medien produziert werde, kontraproduktiv.

Begeisterung löste beim Publikum der Auftritt zweier junger tamilischer Tänzerinnen aus Kirchheim aus, die ein wichtiges Kulturerbe der Tamilen, die "Barathanatiyam", darboten. Eine Tanzkunst, die sich durch eine strenge Tanztechnik auszeichnet und die anatomisch genau kodifiziert ist. Dem Körper wird eine anmutige und ästhetisch vollkommene Haltung abverlangt, was die beiden jungen Tänzerinnen überzeugend demonstrierten. Die tamilische Gemeinde gibt es in Kirchheim seit den 1980er-Jahren, als die ersten Asylbewerber aus Sri Lanka kamen. Konzentration und Übung zeigte sich auch in den Darbietungen der zwei jungen Frauen und zwei jungen Männer der Jugendmusikgruppe des Türkischen Volkshauses, die Lieder aus Anatolien darboten und sich dabei auf Saz und Gitarre begleiteten. Die Herzen der jungen Zuhörer gewannen die vier mit dem Vortrag eines türkischsprachigen Titels im Stil der Gruppe Yorum, die starke Konzessionen an den europäischen Musikgeschmack macht. Dass sie auch anders können, bewiesen die vier mit dem im kurdischen Dialekt Saza vorgetragenen Titel "Merdane mina", bei dem man meinte zu spüren, wie der eisige Wind über die schneebedeckten Berge Hakkaris weht. Weitere Titel in türkischer und kurdischer Sprache zeigten die Vertrautheit der jungen Musiker mit der Volksmusik Anatoliens. Die Klangfarbe dieser Volksmusik entsteht durch die Langhalslaute Saz.

Die Lieder der Gesangsgruppe des Alewitischen Kulturvereins Wendlingen erzählten von der Wehmut, fern der Heimat zu sein und dem Leid der unglücklich Liebenden. Beide Musikgruppen vermieden alle weitschweifende und ornamentalisierende Melodik, die aus der persisch-arabischen Kunstmusik kommt und typisch ist für die "Arabesk Müsik", die im Westen mit türkischer Musik identifiziert wird.

Ganz der anatolischen Volkspoesie verpflichtet waren die Lieder von Mehmet Özcan und Hasan Saglam, die aus der Türkei kommend, auf einer Gastspielreise durch Europa sind. Sie bildeten ohne Zweifel den künstlerischen Höhepunkt des Abends. Die Volkspoesie in Anatolien, die Vorlagen für die Lieder gibt, geht zurück in die Zeit eines Yunus Emre im 13. Jahrhundert, als eine Trennung zwischen der Dichtung des Volkes in türkischer Sprache und der persisch-arabisch bestimmten Diwan-Lyrik einsetzte. Es gelang den beiden Künstlern, die sich auf der Saz begleiteten, in ihren Liedern soziales Engagement und eine kritische Haltung zu den politischen und sozialen Missständen in der Türkei mit Gefühl zu vereinen, ohne zu dick, zu unwahr und damit kitschig aufzutragen. Es gelang ihnen auch, menschliche Gefühle einfach und naiv-kunstvoll in sprachliche Gestalt zu bringen.

Einen Kontrast zu den politischen Reden und den sozialkritischen Liedern setzten die Tanzgruppen des Türkischen Volkshauses und des Alewitischen Vereins Wendlingen. Männer und Frauen in den bunten Trachten Mittel- und Ostanatoliens tanzten mit kraftvoll expressiver Körperlichkeit den "Halay", bei dem sich die Tänzerinnen und Tänzer an den Händen fassen oder einhaken. Der Tänzer an der Spitze trägt ein Taschentuch. Mit ihm verdeutlicht er den anderen die Bewegungen, die zu machen sind. Die ganze Choreografie und die Präzision der Darbietungen der Tanzgruppen zeigten, wie viel Arbeit einem Auftritt vorausgeht.

Die Frauen des Türkischen Volkshauses verwöhnten die Besucher mit einer schier endlosen Fülle kulinarischer Köstlichkeiten.