Lokales

Black Tea, Stingerraketen und ein Luxushotel auf Staatskosten

KIRCHHEIM Der Flieger, Globetrotter und Buchautor Hans Schneider, 65, flog mit einer kleinen Cessna 150, einem einmotorigen Schulflugzeug, um die Welt. Welche Abenteuer er dabei erlebte und welche Gefahren er zu bestehen hatte, darüber berichtet der Teckbote in einer lockeren Sommerserie aus Hans Schneiders Buch "Der Flug des Raben".

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RICHARD UMSTADT

"Corvus" taufte der Autor seinen kleinen Blechflieger, nach seinem schwarzgefiederten Freund, dem Kolkraben. Mit ihm startete der Weltenbummler und Abenteurer am 2. Mai 1990 in Südfrankreich. Seine Route führte ihn über Italien, Griechenland, die Türkei und den Irak in den Iran. In Teheran wird Schneider am Flughafen verhört und muss dem Immigrationsoffizier seine über dem Iran geknipsten Filme abgeben. Dafür erhält er die Genehmigung, nach Mashad weiterzufliegen. Dort wird er eine Nacht lang festgehalten und am anderen Morgen zum Flughafen eskortiert. "Es ist klar, dass Teheran an meiner zügigen Abreise brennend interessiert ist." Die Iraner bemühen sich für den deutschen Piloten um eine Einfluggenehmigung nach Afghanistan, doch Kabul antwortet nicht. Dennoch nimmt Mashad-Airport Schneiders Flugplan an. So bricht der Abenteurer in Richtung Herat, der schönsten Stadt Afghanistans, auf. Sie ist ihm von früher wohlbekannt.

Die Grenze zwischen Iran und Afghanistan bildet der Fluss Harirud. Die Hälfte der Flugzeit ist um. Der Pilot lässt den Fluss rechts liegen und fliegt Herat direkt an. Vor Jahrhunderten noch dem Iran zugehörig, gleicht die afghanische Stadt aus der Vogelperspektive einer ausgedehnten Oase. Die niedrigen Lehmbauten verstecken sich zwischen Eukalyptusbäumen.

Der Tower antwortet nicht. Aus 1 000 Meter Höhe erkennt Hans Schneider, dass der Flugplatz ein Militärlager ist. Er zieht die Cessna in eine Warteschleife und kreist drei Kilometer westlich der Betonpiste. Weder wird grünes Licht zum Landen gegeben noch meldet sich jemand auf der Notfrequenz. Nach zehn Runden nervigen Kreisens geht der Rabe in den Queranflug und landet. Allah u akhbar. "Corvus" kommt zwischen russischen MiG-Düsenjäger, Flugabwehr und Panzern zum Stehen. Eine riesige Menschenmenge versammelt sich stumm. Alle Altersklassen, alle bewaffnet, auch Kinder, die so groß sind wie ihre Kalaschnikows lang.

Ein stoppelbärtiger Afghane in Burnus und Karakul-Mütze teilt die Menge und grüßt mit guttural tiefer Stimme: "Salaam, stranger. Do you like green or black tea?" Hans Schneider stottert verdutzt: "Bla . . . black tea, please, sir." Der nickt wohlwollend: "Follow me." Die Front des rauchgeschwärzten Gebäudes ist mit hundert Einschusslöcher gespickt. In einem düster-kargen Raum begrüßt den Globetrotter ein Riese in undefinierbarer Uniform mit Rangabzeichen. Er stellt sich in gutem English als Generalleutnant und Kommandant von Herat vor. Keiner fragt, was Schneider hier will und wie er hergekommen ist. Ein weißhaariger Greis mit ellenlangem Kinnbart schenkt Tee ein, so schwarz wie seine Pumphosen.

In knappen Worten teilt der Flieger dem Kommandanten seinen Plan mit, von hier nach Kandahar zu fliegen. Der Riese studiert die Fliegerkarte und kreist fachmännisch alle Mudschaheddin-Stützpunkte ein. Es sind vier. "Du musst die ganze Strecke sehr tief fliegen", rät er, "umgehe die Feindstellungen weiträumig."

Um die leibliche Unversehrtheit des Gastes zu gewährleisten, bringt ein vierachsiger Panzerspähwagen russischer Bauart Hans Schneider in die Stadt Herat und setzt ihn am "Green Hotel" ab.

Aus dem Weiterflug nach Kandahar wird nichts. Der deutsche Weltenbummler muss sich beim Ministerium für Zivilluftfahrt in Kabul melden. Eine Antonov fliegt täglich. Am folgenden Morgen wird er vom "Panzerkreuzer Potemkin" an der Hotelpforte abgeholt. 14 Tonnen Stahlplatten erzeugen Wohlgefühle der Unverwundbarkeit. Das Geborgenheitsgefühl verpufft allerdings sehr schnell, als Schneider in der zweimotorigen Antonov sitzt. Die elf Mitflieger, Beamte und Militärs, beten den muselmanischen Rosenkranz oder haben die Gesichter in den Händen vergraben. Die Leute haben Angst, und das aus gutem Grund: Die amerikanische Stinger, die den so genannten Freiheitskämpfern von den USA geliefert wird, ist von tödlicher Präzision und reicht bis 5 000 Meter weit. Schon 46 Maschinen wurden samt Besatzung abgeschossen. Nur Herat ist frei von Mudschaheddin und Stingers, daher steigt die Antonov über der Stadt auf eine sichere Höhe von 6 000 Meter. Dann schwenkt sie auf Ostkurs. Der Flug dauert zwei Stunden. Der "Abstieg" über Kabul vollzieht sich in engen Spiralen. Das zweimotorige Flugzeug landet wohlbehalten.

Die Stadt steht unter Beschuss. Häuserzeilen liegen in Trümmern. Eine Wolga-Limousine bringt Hans Schneider ins Luftfahrtministerium. Minister Tarsi empfängt den ungewöhnlichen Gast liebenswürdig mit Tschai. Trotz Schneiders Wunsch, einfach wohnen zu wollen, besteht der Minister darauf, dass der Deutsche im Intercontinental untergebracht wird. "Sie sind unser Gast."

Täglich schlagen in Ägypten produzierte Sakr-Raketen in der Stadt ein. Diese Terrorwaffen werden von Saudi-Arabien finanziert, vom CIA nach Afghanistan gebracht und an die Mudschaheddin verteilt.

Der Aufenthalt im Intercontinental dauert an, nur unterbrochen von einem TV-Interview eines afghanischen Kamerateams. Eine religiöse Feierwoche stoppt alle Aktivitäten. Am 16. Tag von Schneiders Kabulaufenthalt klirren die Hotelscheiben. Ein leichter Luftdruck wird spürbar. Der Staubpilz eines Einschlags steht in der Luft Entfernung 250 Meter. Noch vier mal schlagen Raketen an diesem Freitag ein. Menschen sterben. Schneiders Kommentar: "Den Deppen, fernab des Geschehens, wird es als Freiheitskampf verordnet. Für den nahen Beobachter ist's einfach Mord. Die Wahrheit wandelt nicht in fleckenlos-weißen Gewändern. Sie humpelt in dreckigen Lumpen daher und ihre lepröse Fratze ist von Machtgier entstellt. Machiavelli reibt sich gut gelaunt die Hände, wo immer er ist."

Ganze 26 Tage dauert Hans Schneiders Aufenthalt in Kabul. Nach einer Kabinettssitzung erachtet Tarsi den Durchflug durch Afghanistan als zu gefährlich und ersucht den Piloten, wieder zurück ins iranische Mashad zu fliegen. Dieselbe russische Antonov bringt ihn unversehrt zurück nach Herat, von wo er sich in Richtung Iran auf die Reise macht.

INFODas Buch "Der Flug des Raben" von Hans Schneider ist zu beziehen beim Autor selbst und kann unter der Rufnummer 01 79/7 68 08 53 oder unter bestellung@der-flug-des-raben.de bestellt werden. Das reich bebilderte Werk kostet 42 Euro und wird vom Autor handsigniert geliefert. Es ist in Kirchheim aber auch in den Buchhandlungen Schieferle, Wellingstraße 24, Schöllkopf, Alleenstraße 3, und Zimmermann, Max-Eyth-Straße 3, sowie bei Schreibwaren Weixler in der Dettinger Straße 11 zu haben.