Lokales

Blick auf Kirchheim von 1832 bis in Zukunft

Viele aktuelle Themen umriss Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker in ihrer Rede zum "Dämmerschoppen" Themen, die kommunal-, landes- und bundespolitisch oder gar weltweit diskutiert werden. Ein Thema allerdings stand nicht zur Diskussion, es hat vielmehr seine erste Bewährungsprobe glänzend bestanden: "Ohne Rauch geht's auch", hieß es in der gesamten Stadthalle.

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM Neujahrsempfänge sind beliebte Anlässe für Rückblicke und Ausblicke. Angelika Matt-Heidecker kam beim Rückblick allerdings nicht nur auf das vergangene Jahr zu sprechen, sondern erinnerte auch an zwei bedeutende Kirchheimer Ereignisse des Jahres 1832. Zum einen war im Todesjahr Goethes die Kirchheimer Stadtkapelle gegründet worden, die nun im Jubiläumsjahr zu ihrem 175-jährigen Bestehen ein wahres Mammutprogramm an Konzerten, Wettbewerben und sonstigen Veranstaltungen vor sich hat. Im offiziellen Teil des Kirchheimer Dämmerschoppens nutzten die Musiker unter der Leitung von Stadtmusikdirektor Harry D. Bath gleich mehrfach die Gelegenheit, das Publikum von ihrem hohen musikalischen Niveau im Jubeljahr zu überzeugen.

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Weniger lautstark, aber ebenso qualitätsbewusst präsentiert sich der Teckbote im Jubiläumsjahr 2007 175 Jahre, nachdem die erste Ausgabe der Kirchheimer Zeitung erschienen ist, damals noch unter dem Titel "Wochenblatt für den Oberamtsbezirk Kirchheim unter Teck". Genau wie die Kirchheimer Stadtbücherei, die in diesem Jahr auf ihr 100-jähriges Bestehen zurückblicken kann, ist die Tageszeitung "eine notwendige Einrichtung, wenn man weiß, dass im Jahr 2006 der wöchentliche Zeitaufwand pro Kopf für das Fernsehen bei 794 Minuten lag und für das Bücherlesen bei 50 Minuten".

Ein weiterer historischer Anlass zum Rückblick ist schließlich der 150. Todestag von Herzogin Henriette. Angelika Matt-Heidecker zufolge "können wir in Kirchheim froh sein, mit Herzogin Henriette inhaltsreich dagegen zu halten" gegen Humphrey Bogarts 50. Todestag und John Waynes 100. Geburtstag, weswegen sie das internationale Gedenkjahr 2007 als ein "Jahr der harten Kerle" bezeichnete.

Um "harte Kerle" ging es denn zunächst auch beim oberbürgermeisterlichen Rückblick auf das vergangene Jahr: Die "Klinsmann-Schaft" habe dafür gesorgt, dass die Deutschen während der WM im eigenen Land im kollektiven Rausch "Balkone, Fahrzeuge und Körperoberflächen mit Schwarz-rot-gold-Produkten dekoriert" haben. Eine mögliche Gefahr, dass damit ein neuer Nationalismus heraufbeschwört worden sein könnte, wollte Angelika Matt-Heidecker so nicht erkennen. Zum einen liebe man nach einem Bonmot von Gustav Heinemann "nicht den Staat, sondern nur seine Frau", und zum anderen wünschte sich Kirchheims Oberbürgermeisterin, dass der Fußball-Freudentaumel eben "den Grundstock für eine gesunde, kritische, aber auch bewusste Loyalität" zu diesem Land gelegt habe. Dessen Verfassung zu verteidigen lohne sich, und zwar mit Zivilcourage und persönlichem Einsatz.

Ein Beispiel dafür nannte sie mit der Resolution, die Vertreter aller islamischen Gruppen Kirchheims und der Stadtverwaltung im Februar verabschiedet hatten, als weltweit die Krawalle wegen der Mohammed-Karikaturen für Aufsehen sorgten, "die fünf Monate zuvor völlig unbeachtet in einer dänischen Zeitung erschienen waren". Die Resolution beinhalte den gemeinsamen Wunsch zu einem friedlichen Miteinander. Der Kirchheimer Integrationsausschuss habe sich der Resolution angeschlossen, sie aber noch ausdrücklich um die "Forderung nach der Anerkennung und der Bedeutung der Medien- und Pressefreiheit in unserem Land" ergänzt.

Was die Kirchheimer Kommunalpolitik generell betrifft, so ließen sich Rück- und Ausblick zum Jahresbeginn nicht klar voneinander trennen. So erinnerte Angelika Matt-Heidecker an die Großbaustelle Schweinemarkt, "die Anwohner, Händlerschaft, aber auch die Besucher über bald zwei Jahre stark beeinträchtigt hat". Deshalb appellierte sie an den Investor, das Hochbau-Projekt zum Abschluss zu bringen, "damit endlich das gewünschte pulsierende Leben im Ostteil unserer Innenstadt stattfinden kann".

Auch das Thema "Lärm" wird die Kommunalpolitik Kirchheims im neuen Jahr nicht weniger beschäftigen als im zurückliegend

en. Bei Lärmschutzmaßnahmen werden die Anwohner zwar weiterhin an den Kosten beteiligt, aber so betonte die Verwaltungschefin beim Dämmerschoppen: "Ziel wird es sein, den Eigenanteil der Stadt wesentlich zu erhöhen." Keine großen Veränderungen sieht sie dagegen auf der Hahnweide, wo es um nichts anderes als den Erhalt des Status quo gehe. Die Anzahl der motorbetriebenen Flugzeuge sei schon seit langem vertraglich festgelegt, führte Angelika Matt-Heidecker aus. Dieser Vertrag sei Grundlage für die Umwandlung in einen Sonderlandeplatz. Auch solle die Anzahl der heutigen Flugbewegungen in der Genehmigung festgeschrieben werden. Ausdrücklich betonte die Rednerin: "Wir wollen keinen Verkehrsflughafen. Wir wollen das, was genehmigt ist, erhalten."

Als positiven Trend konnte die Oberbürgermeisterin vermelden, dass die städtische Pro-Kopf-Verschuldung binnen Jahresfrist von 221 Euro auf 198 Euro sinken soll. Vorschnellen Beifall lehnte sie allerdings mit dem Hinweis ab, dass sich der Schuldenstand bis 2010 mehr als verdoppeln werde, "weil das Land ordentlich an unseren Mehreinnahmen partizipiert und weil wir ein ehrgeiziges Investitionsprogramm aufgestellt haben". Als besonders große Maßnahme nannte Angelika Matt-Heidecker den Neubau der Freihof-Realschule. Auch dieser Bau dient der "Kirchheimer Bildungsoffensive", mit der die Betreuung und die Sprachförderung von Schulkindern bis zum Übergang in den Beruf gefördert werden soll.

"Unsere Gesellschaft kann es sich nicht leisten, Bildungspotenziale, Talente, Begabungen junger Menschen durch Sprachbarrieren oder sonstige Qualifizierungshindernisse zu verschenken", sagte die Oberbürgermeisterin und blickte in diesem Zusammenhang besonders erfreut in die allernächste Zukunft: Am heutigen Montag beginnen an den Schulen die Wahlen zum neuen Kirchheimer Jugendrat. Wenn dadurch "junge Menschen an die Demokratie herangeführt werden, um Verantwortung zu übernehmen und mitzu-gestalten", dann ist auch das eine wichtige Investition in die Zukunft nicht nur in die allernächste.