Lokales

"Blind für Kinder"

Auf einer Veranstaltung des Katholischen Bildungswerkes Esslingen hat Sozialrichter Jürgen Borchert aus Darmstadt das staatliche System kritisiert, es sei "blind für Kinder".

ESSLINGEN Die "Notwendigkeit einer familienpolitischen Wende" war Thema einer Veranstaltung des Katholischen Bildungswerkes und des Sachausschusses des Dekanats Esslingen-Nürtingen im Gemeindehaus Sankt Albertus Magnus in Esslingen. Sozialrichter Jürgen Borchert, dessen Engagement 1992 zum "Trümmerfrauenurteil" des Bundesverfassungsgerichtes beitrug, erläuterte ausführlich, dass das staatliche System ebenso wie Wirtschaft und Politik "blind" für Kinder sei und deshalb, trotz anders lautender Beteuerungen, gerade die Familien belastet.

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Kein anderes Land habe die soziale Sicherung so eng an das Arbeitsverhältnis gekoppelt wie Deutschland. Singles und Eltern mit mehreren Kindern müssen gleich hohe Sozialabgaben zahlen, erklärte Borchert. "So werden Familien systematisch in die Verarmung getrieben", wenn Sozialabgaben und Verbrauchssteuern steigen, denn Familien haben durch die größere Personenzahl einen höheren Konsum. Das werde nicht durch den Familienlastenausgleich weltweit "einer der miesesten", so Borchert aufgefangen. Ein Durchschnittsverdiener mit zwei Kindern erreiche nicht einmal das Existenzminimum, weil Familienarbeit volkswirtschaftlich gesehen nicht zähle und nicht honoriert werde. So leben paradoxerweise die wenigen Kinder immer öfter in Armut.

Darüber hinaus verschleiere die Rentenreform von 1957, dass die Menschen wie in früheren Zeiten im Alter existenziell von den eigenen oder fremden Kindern abhängig sind: Nicht der Einzelne kann mit seinen Beiträgen zur so genannten "Versicherung" für seine Zukunft sorgen, sondern die Renten werden von der Kindergeneration erwirtschaftet. So treiben Eltern gezwungenermaßen Vorsorge für Kinderlose.

Als Lösung forderte Jürgen Borchert einen Lastenausgleich zugunsten derer, die die Erziehungsarbeit tragen. Unbedingt nötig sei eine "riesengroße Strukturreform": Familienwahlrecht, ein Familienombudsmann, eine andere Besteuerung und Sozialversicherung (Kindererziehung muss Geldwert haben). Entscheidend sei eine stabile berufliche Perspektive, die es verantwortbar mache, das Abenteuer Elternschaft einzugehen: "Arbeitspolitik ist Familienpolitik".

pm