Lokales

Blühende nachbarschaftliche Landschaften

Die Bewohner des Kirchheimer Klosterviertels feierten am vergangenen Samstag gemeinsam mit dem Haus der Sozialen Dienste den inzwischen schon ein Jahr engagiert in Angriff genommenen Aufbau des Netzwerkes "Klosterviertel Lebensraum von 0 bis 100" in den Räumen der Adventsgemeinde.

RENATE SCHATTEL

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KIRCHHEIM Als Pilotprojekt hatte das Haus der Sozialen Dienste mit Leiter Roland Böhringer das Kirchheimer Klosterviertel begrenzt durch Alleen- und Jesinger Straße sowie Lindach und Freibad ausgewählt, um soziale Netzwerke aufzubauen und nachbarschaftliche Verbindungen herzustellen, damit die Lebensqualität insbesondere von Älteren verbessert wird. Beim am vergangenen Samstag gefeierten Projekt-Geburtstag wurde deutlich, dass der Same der sozialen Netzwerke im Klosterviertel auf fruchtbaren Boden gefallen ist und eine beachtliche Anzahl von Aktivitäten in dieser kurzen Zeit interessierte Bürgerinnen und Bürger zusammengeführt hat.

Joachim Diefenbach, Klosterviertelbewohner und engagierter Mitarbeiter in der Initiative, machte in seiner Begrüßung deutlich, worum es geht: Kommunikation fördern, miteinander vertraut werden und sich gegenseitig helfen. Auch Hannelore Kurz, Neubürgerin in diesem Wohngebiet und Initiatorin des Projektes "Wohnen in Wahlverwandtschaften", ist überzeugt davon, dass soziale Netzwerke die Lebensqualität erhöhen.

Bürgermeister Günter Riemer konnte in seinem Grußwort nur bestätigen, dass im Klosterviertel viel passiere. Diese Aktion zeige deutlich, dass es wichtig sei, die Menschen zu animieren, ihre Potenziale selbst zu nutzen und aktiv zu werden. Viele Bürgerinnen und Bürger hätten gute Ideen und möchten etwas bewegen, aber es fehle an den nötigen Strukturen. Die Initiative Klosterviertel biete daher ein Forum, in das man sich einbringen könne. Bisher exklusiv im gesamten Landkreis Esslingen sei diese Initiative ein Pionierprojekt, das kein Vorbild habe.

Bürgermeister Riemer hofft, dass nicht der falsche Eindruck entstehe, die Stadt drücke sich vor ihren öffentlichen Aufgaben. "Unsere Philosophie ist es, gemeinsam Probleme zu lösen", machte er unmissverständlich deutlich. Auch Inge Hafner von der Altenhilfe-Fachberatung im Landkreis Esslingen betonte, dass es zum Thema "Soziale Netzwerke" noch keine fertigen Konzepte gebe. Es gehöre zu den Herausforderungen der Zeit, neue Netzwerke zu schaffen und sich die Frage zu stellen: "Wie wollen wir eigentlich in der Zukunft leben?"

Die in der Vergangenheit bestehende Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen wie Kirchen oder Vereinen sei brüchig geworden. Die traditionellen Werte der Verbindlichkeit seien in den 70er-Jahren altmodisch geworden und man frage sich erst heute wieder nach Werten. Respekt, Dankbarkeit, Fürsorglichkeit, Geborgenheit seien wieder wichtig. Für sehr viele Menschen sei das Thema Heimat in der globalen Welt neu zu definieren. Die Sehnsucht, zugehörig zu sein und in Beziehungen zu leben, werde immer größer. In guten nachbarschaftlichen Kontakten sollte man aber nicht in die Falle der Harmoniesucht fallen, warnte Inge Hafner. Der ideale Nachbar halte Distanz.

"Gute Zäune machen gute Nachbarn", zitierte Inge Hafner ein englisches Sprichwort. Soziale Netzwerke könnten dafür sorgen, dass sich Kinder, Alte, Geschiedene, Verwitwete, Familien gut beheimaten. "Die Armen der Zukunft werden diejenigen sein, denen es nicht gelingt, in sich ändernden Lebenslagen neue soziale Netzwerke zu schaffen", ist Inge Hafner überzeugt.

Die Herausforderung, sich immer wieder neu einzustellen, sei aber auch anstrengend und erfordere soziale Kompetenz. Für die Initiative "Netzwerk Klosterviertel" trage zum Gelingen bei, sich selbst und die anderen nicht zu überfordern. Zeitliche und thematische Begrenzungen seien ebenso nötig, wie die Möglichkeit, Leute mit Spezialwissen anzusprechen. In der immer anstrengenderen Welt seien soziale Netzwerke Oasen der heilen Welt, beschloss Inge Hafner ihr Referat.

Dass sich im Klosterviertel schon blühende nachbarschaftliche Landschaften entwickeln, zeigte Joachim Diefenbach in der Chronik des Jahres auf. Nach dem Startschuss am 27. Januar vergangenen Jahres konnten inzwischen schon zahlreiche Aktionen ins Leben gerufen werden. "Alle Aktivitäten sollten dazu dienen, mit anderen in Kontakt zu kommen", erklärte Joachim Diefenbach das Konzept. Tauschbörse, Entspannungskurse, Walking, Kindernachmittage und ein legendäres Klosterwiesenfest gehörten ebenso dazu, wie Besuchsdienste, Glühweinständerling und Kaffee-Nachmittage. Nun wird die Instandsetzung des Spielplatzes an der Klosterwiese zusammen mit dem Grünflächenamt der Stadt in Angriff genommen. Neben Heckenschnitt und Renovierung der beschädigten Geräte steht auch "eine Tierskulptur mittels Kettensäge anzufertigen" auf dem Programm. Ein eigenes Presseorgan, der "Klosterticker" wird an alle Haushalte im Klosterviertel" verteilt. Zwei Infokästen an der Lin-dachallee 24 und an der Ecke Teckstraße / Ochsengässle sorgen dabei für die erforderliche Nachrichtenübermittlung.

Am Ende des offiziellen Teils führte Siegfried Schuster seinen stimmungsvollen Film über das Klosterwiesenfest im Sommer vor. Chronik und Film machten in beeindruckender Weise deutlich, wie viel Engagement sich in dieser Wohngegend entwickelt hat und manch einer, der in einem anderen Viertel beheimatet ist, mag schon neidisch auf diese blühende Nachbarschaftswiese blicken. Dennoch haben auch viele im Viertel noch nicht bemerkt, welche Vorteile die Wohnlage für sie bringt. Möge der Same "Soziales Netzwerk" innerhalb des Klosterviertels weiterhin viel Frucht tragen und sich auch außerhalb freudig verbreiten.