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Branche leidet unter Billigkonkurrenz und schlechter Zahlungsmoral

Das "zehnte Krisenjahr in Folge" beklagt Ulrike Mack-Landhäußer, Geschäftsführerin der Bau-Innung Esslingen-Nürtingen, "und eine Besserung ist nicht in Sicht". Die Insolvenzwelle, die seit Jahren die Bauwirtschaft trifft, macht vor den Unternehmen im Kreis nicht Halt. Innerhalb von 15 Jahren hat sich die Zahl der Baufirmen mehr als halbiert, berichtet Obermeister Fingerle.

KLAUS HARTER

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KREIS ESSLINGEN "Der Preisdruck ist zu hoch", stellt Helmut Fingerle fest. Gegen die großen Baufirmen mit ihren zahlreichen Beschäftigten aus Osteuropa hätten die mittelständischen Betriebe im Landkreis Esslingen keine Chance. Er verweist darauf, dass die Esslinger Stadthalle ausschließlich von Bulgaren gebaut werde, auf der Baustelle für ein Mehrfamilienhaus mit 20 Wohnungen in Esslingen habe er nur Polen gesehen. Der stellvertretende Obermeister Ernst Krieg berichtet, dass die größeren Firmen inzwischen auch Aufträge unter einer Million Euro annähmen: "Die gehen runter bis auf 300 000 Euro."

Es gebe in der Baubranche zwar einen gesetzlichen Mindestlohn, doch der werde "umgangen", formulieren die Vertreter der Bau-Innung vorsichtig. Als er 1990 Obermeister der Innung im Altkreis Esslingen geworden sei, habe es hier noch 78 Baufirmen gegeben, inzwischen seien es nur noch 33, im gesamten Landkreis noch 75. Im Altkreis Nürtingen sei der Schwund ähnlich dramatisch. Um überleben zu können, sei es notwendig gewesen, den Personalbestand deutlich zu abzubauen. Inzwischen hätten die Mitgliedsunternehmen zwischen 10 und 20 Beschäftigte. Die Lohnsumme sei auf ein Drittel geschrumpft, obwohl die Löhne in den 15 Jahren um etwa 30 Prozent gestiegen seien.

Die Bau-Innung hat keineswegs etwas gegen die von der EU forcierte Öffnung für ausländische Arbeitskräfte. "Es darf aber nicht sein, dass andere reinkommen und wir sterben", betont Mack-Landhäußer. Die Politik müsse für entsprechende Rahmenbedingungen und Chancengleichheit sorgen. Sie weist auf die gesellschaftlichen Folgen der anhaltenden Talfahrt in der Baubranche hin. Es gingen nicht nur sehr viele Arbeitsplätze verloren, sondern auch sehr viele Ausbildungsplätze. Das treffe vor allem Hauptschüler.

"Das Auftragsvolumen nimmt sehr stark ab", stellte Mack-Landhäußer fest. Im Straßenbau haben die Kommunen als größte Auftraggeber ihre Investitionen deutlich zurückgefahren. Bei Bundes- und Landesstraßen staute sich, so die Landesvereinigung Bauwirtschaft Baden-Württemberg, in den vergangenen zehn Jahren ein Investitionsdefizit von 3,3 Milliarden Euro auf. Doch nicht nur die öffentliche Hand gibt wesentlich weniger Geld aus. Ein Umsatzminus von 12,2 (2004) und 14,7 Prozent (2003) verzeichnete die baden-württembergische Baubranche bei Aufträgen aus der Industrie. Und die drohende Abschaffung der Eigenheimzulage habe im privaten Wohnungsbau nur für ein kurzes Strohfeuer gesorgt.

Die Landesvereinigung macht aber nicht nur die "desolate Auftragslage" für die zahlreichen Insolvenzen verantwortlich, sondern auch die "schlechte Zahlungsmoral". Mehr als 80 Prozent der Abschlagszahlungen und 60 Prozent der Schlussrechnungen gingen nicht innerhalb der vereinbarten Frist ein. Probleme bereiten auch die Banken, berichtet die Bau-Innung. Im Rating würden die Bauunternehmen insgesamt sehr schlecht eingestuft. Zahlungsverzögerungen und Ausfälle von Forderungen erhöhten jedoch den Kreditbedarf. Auf Grund des Ratings müssten die Betriebe, die kaum noch über Eigenkapital verfügten, dann hohe Zinsen zahlen. Dabei benötigten sie wegen häufig hohen Vorleistungen für Materialien, Gerätemieten und Versicherungsprämien einen entsprechenden Kreditrahmen.

"Meisterhaft" unter diesem Titel geht das Baugewerbe mit einer Werbekampagne in die Offensive. Damit verbunden ist ein Qualifizierungs- und Zertifizierungsverfahren, das eine bestimmte Zahl von Weiterbildungsveranstaltungen im Jahr vorschreibt. Auf diesem Weg können die teilnehmenden Unternehmen bis zu fünf Sterne erwerben. "Wir wollen zeigen, dass wir meisterhafte Qualität liefern", erklärt Ulrike Mack-Landhäußer.

Das Baugewerbe will auch in anderer Hinsicht sein Image verbessern. Um ihre Zukunft zu sichern, bräuchten die Unternehmen qualifizierte Arbeitskräfte. Hier gelte es, das Bild des Bauarbeiters zu korrigieren: "Bei uns muss man sich nicht mehr plagen", betont Mack-Landhäußer. Zudem zahlten die Firmen hohe Löhne. "Wir gehen in die Offensive", verdeutlichte Ernst Krieg, dass die Bauunternehmen sich nicht einfach in ein schlechtes Schicksal ergeben.