Lokales

Brandgefährliche Abenteuer in der australischen Wildnis

Die 19-jährige Kirchheimerin Anja Honegger ist für ein halbes Jahr in Australien (wir berichteten). Sie schildert auf der Jugendseite des Teckboten ihre Eindrücke vom Leben im Outdoorcamp. Weitere Berichte aus dem "Busch" sollen in regelmäßigen Abständen folgen.

ANJA HONEGGER

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IRONBARK Dass meine Zeit hier in Australien auf dem Outdoorcamp voller Abenteur sein wird hatte ich erwartet. Doch dass es brandgefährliche Ausmaße annehmen sollte, war wirklich überraschend. Eines Abends kam ich von der nächst größeren Stadt Toowoomba, das heißt aus der Zivilisation zurück auf das abgeschiedene Gebiet Ironbarks und wurde erst einmal in großen Schrecken versetzt. Die Gebäude waren menschenleer. Alle 52 Schüler, die hier auf dem Abenteuercamp waren, als auch die Mitarbeiter wurden evakuiert. Das orangene Glühen von einem nahen Waldbrand im sonst schwarzen Nachthimmel und dicke Rauchschwaden beantworteten mir gleich sämtliche Fragen. Mir blieben wenige Minuten, um die wichtigsten Dinge aus meinem Zimmer zu holen.

Bald erfuhr ich, dass die Schüler in der Kirche des nächsten Dorfs Crows Nest untergebracht wurden. Die ganze Nacht über konnte man den brennenden Wald sehen und ständig rasten Feuerwehrautos durch das Dorf. Die ganze Region schien in Flammen. Sogar vier Häuser von Crows Nest wurden in den ersten Minuten des Feuers niedergebrannt.

Die beiden vorherigen Tage war ich als Betreuerin mit den Mädchen auf deren Trainingswanderung und habe somit beinahe das ganze 640 Hektar umfassende Gebiet des Outdoorcamps und den angrenzenden Nationalpark durchwandert. Die australischen Wälder sind nicht mit deutschen Waldflächen zu vergleichen. Es findet auf den unüberschaubar großen Flächen keine Forstwirtschaft statt. Daher liegt der Boden voller alter, trockener Baum-stämme und ist dicht mit sehr dürren Büschen bewachsen. Die Region ist also eine wahre Streichholzschachtel. Nicht zu vergessen ist dabei auch, dass sich Australien seit den vergangenen zehn Jahren in einer schweren Dürreperiode befindet. Selbst die Trinkwasserreservoires sind vielerorts auf etwa 20 Prozent ihres Fassungsvermögens abgesunken. Den letzten Winter über hat es kaum geregnet und im Moment beginnt hier die heiße Jahreszeit mit Temperaturen um 40 Grad. Über die Monate Oktober und November hinweg herrscht für Australien daher eine enorm große Gefahr für Buschbrände, welche gewöhnlich erst durch den im Dezember einsetzenden Regen verringert wird. Der Sommer ist hier zwar die heißere Jahreszeit, bringt jedoch auch zum Glück mehr Regen mit sich.

Innerhalb der nächsten zwei Tagen hatte sich die Situation dann nochmals drastisch zugespitzt. Der Waldbrand hatte sich ausgebreitet und rückte immer näher an die Häuser von Ironbark heran, die sich inmitten des Waldes befinden. Die männlichen Mitarbeiter Ironbarks kämpften zusammen mit der örtlichen freiwilligen Feuerwehr vor allem um die zum Camp gehörige Farm, an die das Feuer bis auf wenige Meter heran gekommen war. Ich war mit den restlichen Mitarbeitern damit beschäftigt, mich um die Jugendlichen in der Kirche zu kümmern und unsere Feuerwehrmänner, die mehrere Tage an der Feuerfront waren, mit Essen zu versorgen.

Am zweiten Mittag bekam ich die Chance, für kurze Zeit zurück nach Ironbark zu kommen. Die anderen Mitarbeiter hatten in der Hektik der Evakuierung nur ihre Pässe und Steuerdokumente mitgenommen. Die Sicherheit und schnelle Evakuierung der Schüler hatte oberste Priorität. Meine Aufgabe war es nun, weitere persönlich wertvolle Dinge aus ihren Häusern zu holen. Bei meinen Runden durch die Häuser habe ich dann Gemälde abgehängt, Fotos mitgenommen und alles, was mir persönlich wichtig für die Menschen vorkam, in Sicherheit gebracht.

Die gesamte Situation war ziemlich beängstigend. Überall war Rauch, der den Himmel bedrohlich grau färbte, und mein Funkgerät meldete ständig Nachrichten von den Feuerwehrmännern. Allein das Bewusstsein, dass zirka 500 Meter entfernt der gesammte Wald in Flammen stand, machte alles zum wahren australischen Abenteuer. Als ich dann wieder in Sicherheit im Dorf war, wurde mir erst bewusst, wie sehr der Outdoorcampus mit seinen Gebäuden und somit auch mein halbes Jahr Freiwilligenarbeit dort bedroht waren.

Im Laufe der nächsten drei bis vier Tage beruhigte sich die Lage dann glücklicherweise. Wirklich erschreckend war für mich die Erfahrung, dass manche Menschen sich einen Spaß daraus machen, eine gesamte Region in Chaos zu versetzen und Menschen in Gefahr zu bringen. Mehrere neue Brandherde wurden nämlich entdeckt, die zu großer Wahrscheinlickeit von Brandstiftern gelegt wurden so etwas ist für mich unbegreiflich.

Eine weitere, jedoch bewundernswerte Erfahrung, die ich in diesen Tagen machen durfte, war mitzuerleben, wie wenig Menschen, die in von Feuer gefährdeten Gebieten leben, sich aus materiellen Dingen machen. Ich selbst brauchte mir ja nicht viele Sorgen machen. Meine wichtigsten Dinge waren in Sicherheit und ich hatte lediglich meine Kleidung auf Ironbark. Der gesamte Besitz der Mitarbeiter von Ironbark jedoch war in Gefahr und oft wussten sie nicht einmal, ob ihre Häuser noch stehen. Doch all das schien sie nicht aus der Ruhe zu bringen. Sie erfüllten pflichtbewusst ihre Aufgaben mit den Jugendlichen oder an der Feuerfront mit der Einstellung, dass alles Materielle ersetzbar ist. Da die Menschen die sie lieben nun in Sicherheit sind, kann das Feuer ihnen alles andere nehmen. Diese Haltung hat mich unglaublich berührt und meine Sichtweise ein Stück weit verändert.

Seit diesen Ereignissen sind nun schon drei Wochen vergangen. Etwa 70 Prozent des Ironbarkgebiets sind abgebrannt und die Schüler mussten für eine Woche nach Hause geschickt werden, ehe sie auf Ironbark ihr Outdoorprogramm fortsetzen konnten. Die alten Buschbrände waren noch nicht vollständig gelöscht und die Gefahr für neue Feuer war noch enorm hoch. Im Laufe der darauffolgenden zwei Wochen hatten wir noch mehrmals "fire alert"; das heißt wir mussten unsere Wanderungen abbrechen, um für eine erneute Evakuierung bereit zu sein. Vor einer Woche ist eine neue Schülergruppe angekommen und hofft, ihr Abenteuerprogramm ohne Unterbrechungen durchführen zu können.

Dass Australien ein Land der Extreme ist habe ich in den vergangenen Wochen mehrfach erlebt. Seit einer Woche regnet es in Strömen mit nur kurzen Unterbrechungen und sehr starken Gewittern, welche oft stundenlang die Strom- und Telefonleitungen lahm legen. Gestern verursachte Hagel in Brisbane einen Schaden in Millionenhöhe. Sogar die Zufahrtsstraße zu Ironbark wurde wegen Überflutungen unpassierbar und ich musste im nächstenOrt warten, bis der Regen nachließ. Der Natur tut der Regen natürlich unheimlich gut und wir haben zumindest für ein paar Tage komplette Sicherheit vor neuen Feuern. In den verbrannten Gebieten sprießen schon wieder unzählige neue Pflanzen und überdecken das Schwarz. Die Natur hier hat wirklich ein enormes Potenzial, sich von Bränden zu erholen. In meinem Zimmer steht jedoch noch immer eine gepackte Notfalltasche. So ganz traue ich der Ruhe nach dem Feuer noch nicht. Mehr Abenteuer habe ich mir in meinem ersten Monat in Australien wirklich nicht erträumt. Ich bin gespannt, welche Herausforderungen mich im australischen Busch in den nächsten Wochen erwarten.