Lokales

Brasilien bleibt unvergessen

DETTINGEN Lieselotte Wiegand wird am morgigen Sonntag 90 Jahre alt. Gemeinsam mit der Familie, zu der zwei Söhne, drei Enkel und drei Urenkel gehören, feiert sie ihren Geburtstag in Jesingen, wo einer der

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ANDREAS VOLZ

beiden Söhne wohnt. Um bei ihm Familienanschluss zu haben, waren Lieselotte Wiegand und ihr Mann Hans vor 15 Jahren von Solingen nach Dettingen gezogen. Das Bergische Land ist die eigentliche Heimat Lieselotte Wiegands. Sie verbindet aber noch mit einem sehr viel weiter entfernten Land so etwas wie Heimatgefühle mit Brasilien. Ihr Mann war dort nach dem Krieg für ein deutsches Unternehmen tätig, 1952 folgte sie ihm mit den beiden Kindern nach. Drei Wochen dauerte damals die Schiffsreise nach Rio. Mit dem Flugzeug ging es weiter ins Landesinnere.

In Belo Horizonte lebte Familie Wiegand bis 1962, die Kinder gingen dort zur Schule: "Sie konnten perfekt Portugiesisch und können es auch heute noch." Lieselotte Wiegand selbst hat die Landessprache nicht gelernt, weil sie hauptsächlich Kontakt zu anderen deutschen Familien vor Ort hatte. Bis heute hält sie die Verbindung zu ihren "brasilianischen" Freundinnen, die inzwischen alle wieder in Deutschland leben.

Lieselotte Wiegand wäre gerne noch etwas länger in Brasilien geblieben, wo sie die Landschaft rings um Belo Horizonte, wann immer es ging, bei berittenen Ausflügen erkundete. Aber während eines Heimaturlaubs in Deutschland 1962 hat ihr Mann der Familie eröffnet, dass seine Arbeit in Brasilien beendet war. "Mein Mann hatte es von Anfang an gewusst, aber er hat mir nichts gesagt. Sonst hätte ich mich nicht so leicht verabschieden können." Noch mit 90 Jahren erinnert sie sich lebhaft an die Jahre in Südamerika: "Belo Horizonte liegt etwas höher, und das Klima ist ganz erträglich. Jetzt ist dort gerade Regenzeit. Zu meinem Geburtstag kamen immer die Gewitter."

Ihre neue Heimat hat Lieselotte Wiegand mit 75 Jahren in Dettingen gefunden. Auch wenn sie so einen Umzug schwierig findet, "wenn man älter wird", geht sie Schwierigkeiten nicht unbedingt aus dem Weg: "Ich versuche, so gut es geht, selbst klar zu kommen." Außer der täglichen Essenslieferung und einer Putzhilfe nimmt sie keine weitere Unterstützung von außen in Anspruch.

Vor zwei Jahren ist Lieselotte Wiegands Mann gestorben. 60 Jahre lang waren die beiden verheiratet gewesen. Dieses Jahr war Lieselotte Wiegand selbst schon schwer krank. Sie hat mehrere Monate im Krankenhaus und in einer Reha-Klinik verbracht: "Ich war mehr tot als lebendig, aber die haben mich wieder auf die Beine gebracht", erzählt die Jubilarin. Dabei vergisst sie jedoch keineswegs den Eigenanteil, den sie zu ihrer Genesung beigesteuert hat: "Man muss selbst auch mitmachen, von nichts kommt nichts."