Lokales

"Brauchen Frau Kupietz"

Aufgrund deutlich rückläufiger Aussiedlerzahlen übernimmt der Landkreis die Betreuung der Neuankömmlinge in eigener Regie zum Unverständnis vieler Spätaussiedler, die sich mit Unterschriftenaktionen für den Erhalt der DRK-Sozialberatung einsetzen.

FRANK HOFFMANN

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KIRCHHEIM Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Wurden Ende 2005 noch 196 Spätaussiedler in den Übergangswohnheimen des Landkreises Esslingen betreut, so hat sich deren Zahl inzwischen auf 86 reduziert. "Auf diesen deutlichen Rückgang mussten wir reagieren", sagt Landratsamtspressesprecher Peter Keck, "zumal wir längerfristig mit nur 60 bis 70 zu betreuenden Personen rechnen." Ende des Jahres wird deshalb das Wendlinger Übergangswohnheim geschlossen und die Betreuung der Spätaussiedler geht komplett an die Landratsamtsmitarbeiter über. "Der Vertrag mit dem DRK wird nicht verlängert und läuft am 31. Dezember aus", erläutert Keck den Beschluss, der für Unmut bei vielen Aussiedlern sorgt.

In Zeiten, als die Spätaussiedler noch in großer Zahl in den Landkreis strömten, hatte die Verwaltung mit dem Kreisverband des Roten Kreuzes eine Vereinbarung abgeschlossen, und das Deutsche Rote Kreuz übernahm zum Teil die Begleitung der Neuankömmlinge. Mit Brigitte Kupietz fand das DRK 1991 eine ideale Besetzung der neuen Stelle im Kirchheimer Übergangswohnheim. "Frau Kupietz engagiert sich ungemein für die Leute", schwärmt der DRK-Kreisgeschäftsführer Klaus Rau von seiner Mitarbeiterin, "und sie ist anerkannt, zumal sie fließend Russisch spricht."

Wie beliebt die Sozialberaterin ist, wird in den Protestschreiben und Unterschriftenaktionen deutlich, mit denen die Spätaussiedler aus Kirchheim und Umgebung gegen die Entscheidung des Landratsamts protestieren. "Wir wollen uns in Ihrer Heimat, die jetzt auch unsere werden soll, so gut es geht integrieren und für uns und unsere Familien ein neues Zuhause finden. Es gibt einen Menschen, der uns bisher immer geholfen hat. Einen guten Menschen, der Geduld, großes Wissen und Hilfsbereitschaft für uns hat: Dieser wunderbare Mensch ist unsere Frau Kupietz." Ob es Probleme in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz oder mit der Rente sind immer könne Brigitte Kupietz helfen, schreiben die Spätaussiedler.

Nicht nur die Wohnheimbewohner, sondern aus dem gesamten Umland würden die Leute zu den Beratungsterminen von Brigitte Kupietz nach Kirchheim kommen: "Vor ihrem Büro ist immer eine Schlange; vormittags und am Abend erst recht." Über 230 Spätaussiedler haben die Protestschreiben an die Stadt Kirchheim, ans Landratsamt und ans Deutsche Rote Kreuz unterschrieben. "Wir brauchen diese Hilfe und die Beratung von Frau Kupietz", appellieren die Familien an die Verantwortlichen. An der Entscheidung des Landkreises wird dies allerdings nichts mehr ändern.

"Der Betreuungsbedarf ist deutlich rückläufig und natürlich versuchen wir zunächst, unser eigenes Personal auszulasten", bittet Peter Keck um Verständnis für die Entscheidung, die Kooperation mit dem DRK zu beenden. Der Kirchheimer Heimleiter wird ab nächstem Jahr die Aufgaben von Brigitte Kupietz übernehmen. "Er hat große Erfahrung in diesem Bereich", rechnet Keck mit einem reibungslosen Übergang. Keine Veränderung gibt es bei der Betreuung der jugendlichen Spätaussiedler: Um die jungen Leute und ihre Probleme kümmert sich weiterhin der Jugendmigrationsdienst der Bruderhaus-Diakonie.

Auch Klaus Rau bedauert sehr, dass Brigitte Kupietz nur noch bis zum Jahresende in Kirchheim arbeiten kann, hat aber Verständnis für die Entscheidung der Kreisbehörde. Die Sozialberatung in eigener Regie anzubieten, kommt für das Rote Kreuz nicht in Betracht, "dafür fehlen uns die Mittel." Klaus Rau ist nun auf der fieberhaften Suche nach einem neuen Job für Brigitte Kupietz. "Natürlich möchten wir so eine verdiente und engagierte Mitarbeiterin nicht verlieren", sagt er, bislang hat er allerdings noch keine geeignete Lösung gefunden.