Lokales

„Breitwegerich schützt vor müden Füßen“

Beuren. Wer mit Gerda Sautter durch die Beurener Streuobstwiesen wandert, der kommt nicht weit.

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Antje Dörr

Alle zwei Meter bückt sie sich und zieht irgendein unauffälliges Kraut aus der Erde, das man im heimischen Garten normalerweise fluchend auf den Kompost werfen würde. Oder über das man beim Spaziergang achtlos hinweggeht. Nicht so Gerda Sautter. „Kosten Sie mal“, sagt die Kräuterexpertin und zupft die saftigen Blütenknospen vom Spitzwegerich ab. „An was erinnert Sie der Geschmack?“ Nach einigen Sekunden entfaltet sich auf der Zunge ein Aroma, das man unterm Beurener Birnenbaum nun wirklich nicht erwartet hätte: Der Spitzwegerich schmeckt nach Steinpilzen.

Gerda Sautter kennt sich aus mit Kräutern. Eine Kräuterhexe ist sie deshalb noch lange nicht. „Das klingt mir viel zu negativ“, sagt sie und zieht die Augenbrauen zusammen. Vielleicht liegt das daran, dass ihr Verhältnis zu Pflanzen durchweg positiv ist. Es schwingt so etwas wie Zärtlichkeit mit, wenn Gerda Sautter die Kräuter in die Hand nimmt, die Blüten abzupft und sie vorsichtig in weiße Papiertüten verpackt. Auf jeden Fall empfindet sie große Achtung vor der Natur. Und sie glaubt daran, dass die Pflanzen dem, der sie respektiert, etwas zurückgeben. Gerda Sautter schaut ein wenig verlegen drein, wenn sie solche Sätze sagt. Weil sie genau weiß, dass manche das komisch finden könnten.

Auf den Kräutertouren, die die gelernte Gärtnerin als Gästeführerin der Schwäbischen Landpartie regelmäßig veranstaltet, geht es weniger um Mystik als um Machbarkeit. Das ist Gerda Sautter wichtig. „Ich will das Thema nicht vergeistigen“, sagt sie. Lieber vermittelt sie ihren Gästen, welche gesunden und vitaminreichen Kräuter auf heimischen Wiesen wachsen und was man mit ihnen anstellen kann.

Das Sammeln von Wildkräutern und die Verarbeitung zu Gemüse, Salaten, Tees und Heilzubereitungen war bis nach dem zweiten Weltkrieg weit verbreitet, sagt Gerda Sautter. In der Zeit des Wirtschaftswunders und des damit verbundenen Aufschwungs sei das Kräutersammeln aus dem Alltagsleben verschwunden. „Kräuter sammeln war plötzlich etwas für arme Leute“, erzählt die Kräuterexpertin. Erst heute würde man sich wieder auf die Aromen und Inhaltsstoffe der Wildpflanzen besinnen. Sogar die Fernsehköche auf den privaten Sendern kredenzen ihrem Publikum plötzlich wieder Löwenzahnsalat.

Weiter geht es durch die Wiesen, an einem Brombeerbusch entlang. Das weckt Kindheitserinnerungen. Gerda Sautter ist auf einem Bauernhof aufgewachsen. Eigentlich ist sie schon immer am liebsten draußen gewesen, erzählt die Frau, die lange Zeit als Floristin gearbeitet hat. Als sie noch klein war, hatte jedes der Kinder seine Aufgabe auf dem elterlichen Hof. Ihre war es, Kräuter für den Haustee zu sammeln. Er bestand aus Veilchen, Himbeer- und Brombeerblättern und allem, was Wald und Wiesen sonst zu bieten hatten. Dieses Wissen hat sie sich bewahrt und es über die Jahre erweitert.

Die Goldrute kann man zum Beispiel essen wie Spargel, sagt die Kräuterexpertin. Der Löwenzahn eignet sich hervorragend als Salat. Von der Vogelmiere zupft sie die Spitzen ab und streut sie wie Croûtons über den Salat. Der Gundermann – auch „Guck-durch-den-Zaun“ genannt – ergibt würzige Kräuterbutter. „Wenn mein Sohn vom Studieren nach Hause kommt, kocht er sich ein paar Spaghetti, mischt die Butter darunter und bestreut das ganze mit Parmesan“, erzählt sie. „Und schon hat das Kind ein Essen.“

Am Anfang war ihre Familie wenig begeistert, als Gerda Sautter begann, die Mahlzeiten mit „Unkraut“ zu versehen. „Hier riecht‘s schon wieder nach Gras“, habe ihr Sohn gestöhnt, wenn er von der Schule nach Hause kam. Inzwischen hat sich die Familie daran gewöhnt, dass öfter einmal Ungewöhnliches auf den Tellern landet. Außerdem bestehen die Mahlzeiten ja nicht ausschließlich aus Wildgemüse. „Das wäre viel zu aufwendig“, sagt Gerda Sautter. Sie hält eine Goldrute hoch, die wie Spargel schmeckt, aber nur etwa halb so dick ist. „Sammeln sie davon mal genug für eine fünfköpfige Familie.“

Deshalb rät sie dazu, Kulturgemüse wie Salat oder Möhren mit Wildgemüse aufzuwerten. Der Grund: „Aus dem Kulturgemüse sind viele sekundäre Pflanzenstoffe he­rausgezüchtet worden, die Wildkräuter und Wildgemüse noch enthalten.“ Sekundäre Pflanzenstoffe haben für den Menschen nachgewiesenermaßen viele gesundheitsfördernde Funktionen: Sie regulieren den Blutzuckerspiegel, lindern Bluthochdruck, senken den Cholesterinspiegel und können die Entstehung von Krebszellen hemmen.

Auch der Vitamingehalt der Wildkräuter ist im Vergleich zu Salat, Pap­rika und Tomaten enorm, erklärt die Fachfrau. Während 100 Gramm Kopfsalat 13 Milligramm Vitamin C enthalten, wurden in derselben Menge Löwenzahn 115 Milligramm nachgewiesen. Auch Brennnesseln enthalten große Mengen des wichtigen Vitamins. Abgesehen von den Inhaltsstoffen tragen die Wildpflanzen verschiedene Bitterstoffe in sich, die appetitanregend und verdauungsfördernd wirken.

Obwohl sie persönlich an die Wirkung der Kräuter glaubt, will Gerda Sautter sich nicht als Heilpraktikerin verstanden wissen. Sie kann kranken Menschen nicht versprechen, dass die Kräuter sie heilen. „Ich glaube aber daran, dass diese Pflanzen die Heilfunktionen unterstützen.“ So enthalte zum Beispiel Rotklee Stoffe, die ähnlich wie das weibliche Hormon Östrogen wirken und Frauen in der Menopause guttun. Breitwegerich kann man sich in die Schuhe legen wegen müder Füße.

Wer unter die Sammler gehen will, sollte aber nicht einfach loslegen, rät Gerda Sautter. „Es ist wichtig, sich ein Terrain auszusuchen und es für einige Zeit zu beobachten.“ Zum Beispiel sollte die Wiese, auf der man Kräuter sucht, nicht gedüngt sein. Wächst darauf viel Löwenzahn, kann man davon ausgehen. „Man sollte auch nicht genau neben den Wegen pflücken – wegen der Hunde ist das nicht sehr hygienisch“, sagt Gerda Sautter. Dasselbe gilt für viel befahrene Straßen. In Naturschutzgebieten darf man überhaupt nicht sammeln, und im übrigen Gelände nur Handsträuße. Ein gutes Pflanzenbestimmungsbuch schützt vor Verwechslungen und gegen Fuchsbandwurm hilft gründliches Waschen und eventuell Erhitzen.

„Früher dachten die Leute, Kräutersammeln ist nur etwas für alte Leute“, sagt Gerda Sautter. Aber zu ihren Führungen kommen auch junge Menschen. Darüber freut sie sich, auch wenn sie sich wünschen würde, dass sich noch mehr junge Menschen für Pflanzen interessieren und sich mit der Natur verbunden fühlen. Denn nur dann hätten sie Respekt vor der Natur: „Das, was ich nicht kenne, kann ich nicht schützen.“ Wenn sie ihnen ihre Achtung vor den Pflanzen vermitteln kann, wäre sie schon zufrieden. Auch wenn nicht alle von ihnen ihre Croûtons künftig durch Vogelmiere ersetzen.

Mehr Informationen erhalten Interessierte unter der Internet-Adresse www.schwaebische-landpartie.de.