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Brief Christi, nicht Briefträger

Die Kirche und ihre Christen wirken heutzutage mitunter farblos und unattraktiv, obwohl die Gesellschaft nach Ansicht vieler immer religiöser wird. Woran das liegt und was sich ändern kann, dieser Frage ging Heinzpeter Hempelmann in der Kirchheimer Martinskirche nach.

EKKEHARD GRAF

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KIRCHHEIM Eigentlich müsste die christliche Botschaft viel attraktiver wirken in einer Gesellschaft, die zunehmend den inneren Halt und ihre Werte verliert. Mit dieser These eröffnete Dr. Heinzpeter Hempelmann seinen Vortrag zum Thema "Was blockiert unsere Botschaft? Warum Christen in unserer Welt wichtig sind!" Auf Einladung des evangelischen Arbeitskreises "Lebendige Gemeinde" referierte der Theologe in sehr herausfordernder Weise.

Den anwesenden Christen hielt er einen Spiegel vor, wie abschreckend sie auf Nichtchristen wirken. Das sei der Grund, warum Kirchen geschlossen werden müssten, statt neue zu bauen in einer Umwelt, die ganz neu nach religiöser Orientierung suche. Aber an der liebevollen Lebenspraxis, die sich anderen Menschen vorbehaltlos zuwendet, hapere es bei den meisten Christen. Die Gefahr, sich in die persönliche fromme Vereinzelung zurückzuziehen, sei sehr groß. Auch die neu entdeckte Emotionalität des christlichen Glaubens berge die Gefahr, sich von der tätigen Nächstenliebe zurückzuziehen.

Der Dozent des Liebenzeller theologischen Seminars fragte provozierend: "Leben und lieben Christen wirklich?" Während früher falsche Grenzziehungen vorgenommen wurden, dass beispielsweise Christen nicht ins Kino oder zum Tanz gehen durften, sei heute eine zu große Anpassung festzustellen. Am Lebensstil sei ein Christ heutzutage nicht mehr zu erkennen. Und auch mit der Liebe zu anderen Menschen sei es oft nicht weit her. "Christen sollen ein Brief Christi sein, nicht nur lieblose Briefträger." Nur wer sich praktisch und hilfreich anderen zuwende, werde mit seinem Glauben auch ernst genommen.

Hempelmann zeigte nach der nüchternen Situationsanalyse auch die Chancen auf, wie und weshalb Christen wichtig für die Gesellschaft sind. Es gelte glaubwürdig zu sein. So zu tun, als gäbe es für Christen keine Ängste, Sorgen und Probleme, sei falsch. Vor Gott könne man sich sowieso nicht verstellen und andere nähmen einen ernster, wenn man sich auch mit seinen Schwächen zeige. Wichtig sei, dass Kirchengemeinden wieder zu Gemeinschaften werden, die "fehlerfreundlich" sind. Dadurch werde das Christentum wieder authentisch und attraktiv. Dazu komme die Chance der Zuwendung. "Einen anderen Menschen zu lieben, heißt ihn sehen, wie Gott ihn sieht", zitierte der Referent den russischen Schriftsteller Dostojewski. So barmherzig, wie Gott jeden Menschen ansehe, müssten auch Christen wieder lernen, mit anderen Menschen umzugehen. Jesus hatte auch Mitleid, weil er selbst alles durchlitten habe.

Hempelmann, der über Karl Barths Dogmatik promoviert hat, ermutigte die etwa 120 aufmerksamen Zuhörer, zu Wegweisern in einer unüberschaubaren Welt zu werden. Praktisch vorleben, was es heißt, einen Halt im Leben zu haben, sei gefragt. So wie im Dritten Reich Juden mit dem Psalm 23 "Der Herr ist mein Hirte" auf den Lippen in die Gaskammern gegangen seien. Das sei überzeugend praktiziertes Gottvertrauen, wie es wieder wichtig werde. Vorzuleben, dass Gott trägt, sei die wichtigste Botschaft. Um sich selbst zu vergewissern forderte Hempelmann abschließend dazu auf, Gott täglich für mindestens zehn Dinge zu danken, bevor man sich auf das gewohnte Bitten konzentriere.

Musikalisch gestaltet wurde der Abend wieder gekonnt von Volker Bühler aus Notzingen.