Lokales

"Brot und Rosen" Symbole für soziale Sicherheit und Lebensqualität

KIRCHHEIM Frauen quer durch alle Altersstufen hatten sich im Stiftssaal des Vogthauses eingefunden, um den Internationalen Frauentag

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ANGELA WANKMÜLLER

im Rahmen einer Veranstaltung zu begehen, die erstmals in dieser Form in Kirchheim stattfand. Die Kirchheimer Gruppe von amnesty international hatte gemeinsam mit dem Verein "Frauen helfen Frauen" und der Familienbildungsstätte beschlossen, seine Bedeutung dieses Tages der Bevölkerung wieder ins Gedächtnis zu rufen.

In ihrer kurzen Ansprache zur Begrüßung tat Andrea Bürker von der Familienbildungsstätte die Hoffnung kund, dieser Abend könnte der Auftakt dazu sein, "dass jedes Jahr etwas entsteht", zu neuen Themen, getragen und organisiert von immer anderen Institutionen und Gruppierungen.

Auf einen Ausflug in die Geschichte des Internationalen Frauentages nahm Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker ihre Zuhörerinnen mit. Am 8. März 1908 forderten in New York 15 000 Frauen Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt unter dem Motto "Brot und Rosen" Symbole für soziale Sicherheit und Lebensqualität. Dabei wurden die streikenden Arbeiterinnen einer Textilfabrik von deren Besitzer und seinen Aufsehern im Fabrikgebäude eingeschlossen. Dieses geriet aus nicht geklärten Gründen in Brand, 129 Frauen kamen in den Flammen ums Leben. Der 8. März wurde zum Gedenktag. Drei Jahre später, 1911, fand der Erste Internationale Frauentag statt. Zentrale Forderungen waren unter anderem das Wahl- und Stimmrecht für Frauen, gleicher Lohn bei gleicher Arbeitsleistung sowie ausreichender Mutter- und Kinderschutz.

Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker belegte, dass Gewalt gegen und Benachteiligung von Frauen keineswegs Geschichte ist, an Hand von zahlreichen Beispielen aus der ganzen Welt - und schließlich auch direkt aus Kirchheim: Bei einem Besuch im Job-Center sei ihr mitgeteilt worden, "dass Arbeit suchende Frauen mit Kindern, vor allem allein erziehende Frauen, nur dann die Chance auf Vermittlung haben, wenn die Betreuung ihrer Kinder gesichert ist". In diesem Sinne appellierte sie an die Gemeinderätinnen, sie beim Ausbau der Ganztagsbetreuung sowie der Betreuung von Kindern unter drei Jahren zu unterstützen. Abschließend äußerte Angelika Matt-Heidecker ihre Freude darüber, dass sich so viele Kirchheimerinnen "zusammengefunden haben, um sich gegenseitig zu stärken beim Einsatz für die Interessen der Frauen". Denn Feministin zu sein bedeute "nichts anderes, als nicht zu glauben, dass Frauen Menschen zweiter Klasse sind".

Auch in Kirchheim kommt es zu gewaltsamen Übergriffen auf Frauen, in den meisten Fällen durch den eigenen Partner. Um ihnen Schutz bieten zu können, wurde vor zwölf Jahren der Verein "Frauen helfen Frauen" gegründet, dessen Vorsitzende Eva Vogelmann berichtete, dass im Vorfeld zur Gründung des hiesigen Frauenhauses immer wieder die Frage gestellt wurde: "Brauchen wir das in Kirchheim?". Die Antwort lautet ganz klar ja, war doch das Esslinger Frauenhaus andauernd überfüllt. Bis heute erhalten beide Häuser mehr Anfragen als Plätze vorhanden sind. Eva Vogelmann bedauerte, dass häusliche Gewalt von vielen Menschen noch immer als Privatangelegenheit angesehen werde und stellte zugleich klar, dass Gewalt in Familien aller sozialen Schichten und Nationalitäten vorkomme.

"Hinsehen und Handeln: Gewalt gegen Frauen verhindern" unter diesem Motto steht nicht nur eine aktuelle Kampagne von amnesty international, sondern auch die Fotoausstellung, die als Teil der Kampagne noch in den nächsten drei Wochen im Vogthaus zu sehen ist. Die aufrüttelnden Bilder zeigen einerseits unterschiedlichste Formen von Gewalt, die Frauen auf der ganzen Welt angetan werden, andererseits aber auch Frauen, die sich wehren, demonstrieren und für Veränderungen kämpfen.

Dr. Roswitha Alpers von amnesty international zeigte sich hocherfreut, im Rahmen dieser Kampagne nun auch ganz konkret auf lokaler Ebene aktiv werden zu können und wies darauf hin, dass erschreckend viele, nämlich ein Drittel aller Frauen, mindestens einmal in ihrem Leben misshandelt, vergewaltigt oder geschlagen werden. Schauplatz der Gewalt sei meistens der Ort, der eigentlich Schutz und Geborgenheit bieten sollte die eigene Familie.

Auf vielfältige Missstände machte der Film "Frauenrechte sind Menschenrechte" aufmerksam. So beispielsweise auf das in Teilen Afrikas, Asiens und des Mittleren Ostens bis heute praktizierte "heilige Ritual" der Beschneidung von Mädchen und Frauen. Ein Ritual, das viele von ihnen nicht überleben, sie verbluten oder sterben an Wundinfektionen.

"Frauen kommt her, wir tun uns zusammen. Gemeinsam sind wir stark!" oder etwas deftiger ausgedrückt "Frauen, wir werden beschissen! Und wollen wir Freiheit nicht missen kämpfen wir selber dafür!" Lieder aus der Zeit der Frauenbewegung mit kritisch-provokanten Texten, engagiert und mit Witz vorgetragen von Heidrun Theiner umrahmten den Abend musikalisch. Die Künstlerin gab zu bedenken, die Lieder seien zwar dreißig Jahre alt, jede Frau müsse aber selbst beurteilen, inwieweit sich ihre Situation bis heute zum Besseren entwickelt habe.

Darüber und über vieles mehr wurde bis Mitternacht heiß diskutiert. Übringens: Männer suchte frau auf dieser informativen und kurzweiligen Veranstaltung trotz ausdrücklicher Einladung vergeblich.