Lokales

Brücke am seidenen Faden

Rat hält trotz Sparzwang am „Erfolgsrezept Sanierung“ für Jesingen fest

Die Sanierung der Ortsmitte Jesingen schreitet voran. Fast hätte die Ebbe in der städtischen Kasse die aktuellen Planungen für den zweiten Bauabschnitt noch umgekrempelt. Zwei Argumente jedoch gaben den Ausschlag für das Plazet der Stadträte: Zum einen gefiel die Planung, zum anderen gilt es als erwiesen, dass öffentlich geförderte Sanierungsmaßnahmen private Investitionen in großer Zahl nach sich ziehen und sich somit auszahlen.

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Irene Strifler

Kirchheim. In den vergangenen zwölf Monaten ist in der Jesinger Ortsmitte eine Menge passiert, vor allem im Bereich der Hauptkreuzung und vor dem Rathaus. „Die positive Entwicklung ist längst erkennbar“, zog Kirchheims Bürgermeister Günter Riemer im Technischen Ausschuss Bilanz. In einem zweiten Bauabschnitt soll vor allem das Korsett der Lindach im westlichen Teil der Ortsmitte, also in Kirchheimer Richtung, aufgelockert werden. Weiter gilt es, die Landesstraße, die für heutige Einschätzungen überdimensioniert wirkt, zu verengen. Außerdem soll die Verbindungen zwischen der Nord- und Südhälfte von Jesingen erleichtert werden: Zu den drei bestehenden Autobrücken wurde bereits eine zusätzliche Fußgängerquerung über die Lindach installiert, eine weitere jetzt beschlossen.

Geschäftskreisleiter Martin Zimmert erläuterte, dass die Bauarbeiten an der Vorderen Straße bald beginnen. Allerdings müssten sie in der Sommerpause ruhen, da die Landesstraße als Umleitungsstrecke für die Autobahn gilt. „Der Deckbelag wird wohl erst im Frühjahr 2011 kommen“, meinte er. Finanziell ist unterm Strich alles im grünen Bereich: Während im ersten Bauabschnitt 100 000 Euro eingespart werden konnten, kostet der zweite 85 000 mehr als vorgesehen. – Geld, das vor allem in die Aufenthaltsqualität an der Lindach fließt.

Voll des Lobes äußerte sich Ortsvorsteher Michael Möslang, der für den gesamten Ortschaftsrat sprach: „Die Wand wird lebendig“ freute er sich, dass bald Gabionen die Betonwand am Lindachufer ersetzen, also steingefüllte Drahtkörbe, die Raum für Grün bieten. Er sprach von einem „tollen Aufenthaltsraum auf Lindachuferhöhe“. Dieser soll unter anderem durch den neuen Fußgängersteg erreicht werden, der zudem die Hintere Straße über die Lindach quasi verlängert und Passanten zur Fußgängerampel über die Landesstraße führt.

Doch just dieser Steg hing in der Sitzung am seidenen Faden. „Die Notwendigkeit einer Fußgängerbrücke sehen wir hier nicht“, wollte Sabine Bur am Orde-Käß von den Grünen den Rotstift ansetzen und so 100 000 Euro sparen. Auch Albert Kahle (FDP/KIBÜ) konnte der Brücke wenig abgewinnen. Er plädierte überdies dafür, den zweiten Bauabschnitt in Jesingen ganz zurückzustellen, bis sich die Bevölkerung wenigstens mal an den ersten gewöhnt habe. Ortsvorsteher Michael Möslang hielt allerdings vehement dagegen: Die anfängliche Skepsis sei längst in positive Stimmung umgeschlagen. Er rückte die Kritik an der Sanierung in einen anderen Zusammenhang: „Natürlich hätten die Jesinger lieber gleich eine Ortsumfahrung gehabt.“

Reinhold Ambacher, Vertreter der Freien Wähler aus Jesingen, bestätigte, dass nichts die Jesinger so bewege wie die Ortskernsanierung: „Aber das jetzige Ergebnis tragen wir alle mit.“ Er wollte jedoch die Zahl der Bäume aufgrund der Folgekosten etwas reduzieren. Auch CIK-Vertreter Hans Kiefer regte an, an der Attraktivierung der Lindach zu sparen.

Der Jesinger SPD-Mann Hans Gregor stellte bei seiner Zustimmung zur Planung die Verkehrssituation in den Mittelpunkt und verwies darauf, dass 26 000 Autos pro Tag den Anwohnern den Schlaf raubten: „Verkehrsberuhigende Maßnahmen sind überfällig.“ „Es wird kein Auto weniger fahren“, prognostizierte dagegen der CDU-Fraktionsvorsitzende Helmut Kapp, befürwortete aber dennoch den Ausbau, der ja großenteils durch Zuschüsse abgedeckt sei. Auch die Frauenliste signalisierte Zustimmung.

Martin Zimmert verteidigte überzeugt das Gesamtkonzept: Die Bäume in Flussnähe seien sinnvoll und gehörten unbedingt zur gewünschten Renaturierung, ebenso wie der zusätzliche Steg wichtig für die Verschmelzung beider Ortsteile sei. Noch überzeugender dürfte das wirtschaftliche Argument gewirkt haben: „Jeder Euro, den wir in eine Sanierung stecken, zieht auf lange Sicht acht Euro aus privater Hand nach sich“, zitierte er den Landeswirtschaftsminister. „So eine Sanierung ist ein Erfolgsrezept“, schloss sich Bürgermeister Riemer an. Der von den Grünen angestoßene Antrag, auf den Bau des Steges zu verzichten, erhielt nur die Unterstützung von vier Räten bei zehn Gegnern und einer Enthaltung. Einstimmig bei drei Enthaltungen stellte sich das Gremium hinter die Gesamtplanung.

Die umfassende Sanierung der Jesinger Ortsmitte erfolgt in sechs Bauabschnitten. Die Gesamtkosten sind mit 2,8 Millionen Euro veranschlagt, knapp die Hälfte finanzieren Bund und Land. Kurz vor dem Abschluss steht der erste Bauabschnitt, der mit 1,2 Millionen Euro zu Buche schlägt.