Lokales

Brücken zwischen den Religionen und Kulturen bauen

Seit vier Jahren bietet der christlich-islamische Gesprächskreis in Kirchheim die Chance zu einem Dialog zwischen den Religionen. Am vergangenen Wochenende fand das nunmehr 25. Treffen des Gesprächskreises im türkisch-islamischen Kulturzentrum in der Kirchheimer Lohmühlgasse statt.

GUNDHARD RACKI

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KIRCHHEIM Für die Gesellschaft in Deutschland ist das Zusammenleben mit Muslimen eine historisch gesehen relativ neue Herausforderung. Da der Islam in Deutschland überwiegend die Religion von Zugewanderten war, haben sich die christlichen Kirchen in den zurückliegenden Jahrzehnten zunächst vordringlich um die sozialen Dimensionen des Zusammenlebens gekümmert.

Erst seit dem 11. September 2001 erfährt das religiöse Profil des Islam und die Verknüpfung von Islam und Kultur sowie Islam und Politik ein verstärktes Interesse. Daran anknüpfend stellt sich immer mehr die Frage, ob beide Seiten gewillt sind, in dem ihnen "Fremden" eine Bereicherung der jeweils eigenen Kultur oder eine Bedrohung der eigenen Existenz zu sehen. Einen Ausweg aus dem Dilemma von "gut" auf der einen und "böse" auf der anderen Seite kann der Dialog zwischen beiden Religionen sein.

Die Chance eines solchen Dialogs bietet in Kirchheim seit 2002 der christlich-islamische Gesprächskreis, der jedem offen steht und von Anfang an das Wissen und das Verständnis über die jeweils andere Religion ausbauen wollte, um vermeintliche Gewissheiten und Vorurteile zu überwinden. Der Gesprächskreis in Kirchheim entstand unter dem Eindruck des Ereignisses vom 11. September 2001.

Am vergangenen Wochenende hatte der Gesprächskreis zu seinem 25. Treffen in das türkisch-islamische Kulturzentrum in die Kirchheimer Lohmühlgasse eingeladen. Als Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche hoben Pfarrer Gölz und Diakon Jochim hervor, dass die Gespräche über Themen des Glaubens und auch die vielfältigen Bereiche alltäglichen Zusammenlebens von Christen und Muslimen, immer bestimmt waren von der Spannung von Respekt und Auseinandersetzung. Auf Seiten der Muslime und der Christen sei während der vielen Gespräche der Nachholbedarf an gegenseitiger Aufklärung über Glauben und Traditionen deutlich geworden.

Die interreligiöse Begegnung habe zu einer vertieften Nachfrage nach Grundlagen des eigenen Glaubens angeregt. Eine Auffassung, der auch Yüksel Hodscha, der Vertreter der Moschee in der Lohmühlgasse, zustimmte. Das erworbene Verständnis füreinander habe geholfen, praktische Fragen des Zusammenlebens mit Überzeugung und Fantasie anzugehen, betonten die Religionsvertreter.

Auf gleicher AugenhöheEin muslimischer Teilnehmer hob hervor, wie wichtig für ihn diese Begegnungen mit Menschen der christlichen Mehrheitsgesellschaft seien. Es würden hier Brücken zwischen Menschen mit unterschiedlichem kulturellem und religiösem Hintergrund geschaffen und er schätze es ungemein, wie in einem Klima der Toleranz religiöse und politische Fragen offen angesprochen würden. Im Rückblick auf die bisherigen Treffen hatten christliche und muslimische Teilnehmer nie den Eindruck, dass die "andere Seite" missionieren wolle. Man sei sich auf "gleicher Augenhöhe" begegnet.

Die Teilnehmer versuchten, ihnen wichtige Gedanken der bisherigen Treffen zu vertiefen. Die Gewaltfrage dominiere seit Jahren die Islamdebatte, meinte eine Teilnehmerin und verwies darauf, dass in der Geschichte auch die Gewalt im Namen des Christentums eine große Rolle spielte. Nicht umsonst habe die katholische Kirche im Jahr 2000 ein Schuldbekenntnis abgelegt.

Vernunft in der ReligionEin christlicher Teilnehmer interessierte sich dafür, wie Muslime in ihrer Verschiedenheit heute den Koran interpretierten. Wenn sich herausstellen sollte, dass der Koran erst in den Jahrzehnten nach Mohammed geprägt worden sei, was heute angenommen werde, dann müsste sich auch der Islam dringend damit auseinandersetzen. Ein islamischer Vertreter im Gesprächskreis ging auf den Vorwurf ein, den er in der Diskussion in Deutschland zu verspüren meint, der Islam sei eine "vernunftlose" Religion. Er betonte, dass insbesondere in der Frühzeit des Islam davon ausgegangen wurde, dass alles was Allah im Koran lehre, vernunftmäßig sei, auch wenn nicht jeder Mensch in der Lage sei, diese Lehren mit seinem Verstand zu erkennen.

Hier kam der Einwand, dass die philosophische Hinterfragung der Theologie aber nur von den theologischen Schulen der Schia weitergeführt worden sei, während die sunnitische Tradition, die in der Türkei dominiere, diese radikale Hinterfragung seit Jahrhunderten unterdrücke. Dem widersprach ein türkischer Gesprächsteilnehmer und verwies auf die theologische Fakultät in Ankara, die den Islam sehr wohl mit der kritischen Vernunft konfrontiere. Hier seien ganz neue Entwicklungen im Gange. Im Übrigen sei es gerade für ihn als Muslim schwer, zentrale christliche Dogmen wie Trinität, Gottessohnschaft, Kreuz und Erlösung seinem Verstand zugänglich zu machen.

Bei den Treffen wurde einmal mehr deutlich, dass es dem Islam darum geht, den Einzelnen in Verantwortung vor Gott leben zu lassen und ihn auch die Gegenwart Gottes persönlich erleben zu lassen. Das war zunächst gegen die mekkanischen Polytheisten gerichtet. Aber es richtete sich von Mohammed auch gegen die Christen, weil Mohammed der Ansicht war, bei ihnen werde das Verhältnis Mensch-Gott verdunkelt durch die Erhebung eines Menschen zu Gottes Sohn. Vor allen Dingen aber auch durch Priester und Mönche, die sich zwischen Gott und die Menschen stellten.

Interreligiöse UnterschiedeEin wichtiger Unterschied zwischen Christentum und Islam wurde während des lebhaften Gesprächs nochmals deutlich herausgestellt. Ein Christ kann keine neue Offenbarung, wie die des Propheten Mohammed, annehmen, da für die Christen in Christus die Offenbarung vollendet ist. Der große Unterschied ist der, dass für den christlichen Glauben nicht ein Text, wie im Islam der Koran, im Mittelpunkt steht, sondern die Person Jesus Christus. Der Glaube der Christen sagt, dass Gott entschieden hat, Mensch zu werden und über diese Glaubenswahrheit hinaus, gibt es nichts mehr zu sagen.

Für Pfarrer Gölz war die Frage wichtig, nach der Maßgabe Christi herauszufinden, was Gott den Menschen heute durch die Welt, die Kulturen und Religionen in ihr, sagen möchte. Dabei nahm ein Teilnehmer Gedanken eines früheren Treffens auf. Der Abraham des jüdischen und christlichen Glaubens sei ausgerichtet auf die Zukunft, während der Ibrahim des islamischen Glaubens seine Größe darin zeige, dass er, sozusagen zurückgewandt, den Urpakt zwischen Gott und Abraham getreu lebt, der schon in Ibrahim lebendig war. Von daher gesehen wolle der Islam nichts Neues bringen. Sein Anspruch bestehe darin, dass er den Menschen zurückführen solle zu dem, was immer schon zutiefst den Menschen von Gott gegeben war.

Dialog fortführenDie Offenheit und Lebendigkeit auch des 25. Treffens von Muslimen und Christen gab Motivation genug, den Dialog zwischen beiden in Kirchheim fortzuführen und dazu beizutragen, dass Vorurteile weiter abgebaut werden.

Wie dringend nötig dies in Deutschland ist, zeigt eine Untersuchung vom August dieses Jahres. 70 Prozent der Befragten charakterisieren Muslime als gewalttätig, intolerant und fanatisch. 36 Prozent der Muslime in Deutschland, so die Untersuchung, halten Menschen aus den USA und Europa für selbstsüchtig, habgierig und unmoralisch.

Yüksel Hodscha und Pfarrer Gölz luden für den 12. Januar zu einem neuen Treffen in die Sultan-Ahmed-Moschee ein, bei dem einzelne Christen und Muslime über ihre positiven Erfahrungen mit Vertretern der anderen Religion in der alltäglichen Begegnung berichten sollen.