Lokales

Brücken zwischen unterschiedlichen Kulturen

Das Verhältnis von Islam und Christentum ist in aller Munde. Zum einen beruht dies auf der Einwanderung zahlreicher Menschen aus islamisch geprägten Ländern, allein in Kirchheim leben etwa zweieinhalbtausend Menschen aus der islamisch geprägten Türkei. Zum anderen erhält das Verhältnis beider Religionen zueinander seit den Anschlägen des 11. September 2001 eine vollkommen neue Bedeutung.

GUNDHARD RACKI

Anzeige

KIRCHHEIM Daran anknüpfend stellt sich immer mehr die Frage, ob beide Seiten gewillt sind, in dem ihnen "Fremden" eine Bereicherung der jeweils eigenen Kultur oder eine Bedrohung der eigenen Existenz zu sehen. Einen Ausweg aus dem Dilemma von "gut" auf der einen und "böse" auf der anderen Seite bietet der Dialog zwischen beiden Religionen.

Die Chance eines solchen Dialogs bietet in Kirchheim seit vier Jahren der christlich-islamische Gesprächskreis, der jedem offen steht und der von Anfang an das Wissen und das Verständnis über die jeweils andere Religion ausbauen wollte, sodass letztendlich vermeintliche Gewissheiten und Vorurteile überwunden werden sollen, um zu einer ausgewogeneren Sicht der Dinge zu kommen. Der christlich-islamische Gesprächskreis hat am vergangenen Wochenende zu seinem 19. Treffen in das türkisch-islamische Zentrum in der Lohmühlgasse eingeladen, um sich nochmals der Ziele dieses christlich-islamischen Dialogs zu vergewissern.

Ein muslimischer Teilnehmer betonte, wie wichtig für ihn diese Begegnungen mit Menschen der christlichen deutschen Mehrheitsgesellschaft seien. Es würden hier Brücken zwischen Menschen mit unterschiedlichem kulturellem und religiösem Hintergrund geschaffen und er schätze es ungemein, wie in einem Klima der Toleranz religiöse und politische Fragen offen angesprochen würden.

Betont wurde, dass sich bei diesen Gesprächen gläubige Menschen, Christen und Muslime, begegneten, die einander achteten, auch in den Punkten, in denen sie sich nicht verständen. Beide Seiten orientierten sich selbstverständlich an ihren heiligen Schriften und ihren Traditionen, man wolle sich aber auf "gleicher Augenhöhe" begegnen, einander ernst nehmen, um religiös geprägte Einstellungen besser zu verstehen.

Das Vertreten eigener Glaubenspositionen werde weder von christlicher noch muslimischer Seite als plumper Missionierungsversuch verstanden. Es gelte, Unterschiede nicht zu leugnen, es sei aber gerade heute bedeutsam, das herauszuarbeiten, worin sich Christen und Muslime nahe seien. Eine der elementaren Gemeinsamkeiten seien solche Aussagen aus dem Koran, wie: "Solange du den Menschen nicht liebst, kannst du Allah nicht lieben".

Das Erbarmen mit dem anderen sei ebenfalls ein zentrales Anliegen beider Religionen. Deutlich wurde, dass beide Seiten eine Tradition suchen, die ein weltoffenes , durch die Aufklärung geprägtes Christentum und einen ebenso weltoffenen, sich auf seinen Ursprung besinnenden Islam miteinander verbinden kann. Ein Jahrtausend Kriege zwischen Christentum und Islam habe den Blick dafür getrübt, dass beide Religionen mit dem Judentum einen gemeinsamen Ursprung hätten.

Zwar sei bekannt, dass diese drei Religionen einen monotheistischen Gottesglauben verträten, wenig geläufig sei aber, was für eine Einstellung zum Leben darin beschlossen sei, bemerkte ein Teilnehmer. Dabei brauche man nur den im Koran mehrfach erhobenen Anspruch, der Islam sei die Religion Abrahams, "des Vaters des Glaubens", ernst zu nehmen, um eine das konkrete Leben prägende innere Zusammengehörigkeit der drei Abraham-Religionen zu erkennen.

Islam, zu deutsch: Hingabe, Unterwerfung, weise auf die Grundgeste abrahamitischer Religiosität hin: "Abraham fiel auf sein Angesicht nieder". Eine Geste, die heute noch von jedem Muslim bei seinen fünf Tagesgebeten nachvollzogen werde. Das Judentum sei die Religion des Moses, der zwar ebenfalls in der Geschichte vom brennenden Dornbusch seine abrahamitische Grundeinstellung zum Leben zum Ausdruck bringe, der aber am Sinai furchtlos zur Schicksalsmacht aufsteigt, um Auge in Auge mit ihr zu reden.

Das Christentum führe diese Religiosität durch Jesus weiter, dem sich das ursprünglich dunkle Antlitz der Schicksalsmacht aufhelle zum Abba, dem fürsorglichen Vater eines jeden Menschen. Der Islam werde zur blinden Unterwerfung und führe zu einem Rückfall in gewaltorientiertes Stammesdenken, wenn er nicht offen sei für das Ringen mit Allah, war die Ansicht eines Besuchers. Das Christentum verflüchtige sich zu einer esoterischen Religion, wenn es sich nicht immer neu an Jesu ausrichte.

Angesprochen wurde auch die aktuell viel diskutierte, angeblich religiös begründete Zwangsheirat bei Muslimen. Hier wendet sich der Gesprächskreis der Christen und Muslime in Kirchheim ganz dezidiert gegen eine Verallgemeinerung. Erinnert wurde jedoch auch an die Praxis von Zwangsheiraten bei den traditionell geprägten christlichen Gemeinden des heutigen Orients.

Selbstverständlich sei bei Heiraten in Deutschland allein das deutsche Gesetz gültig. Es gelte, nicht zu verurteilen, sondern Ursachen zu verstehen und in Gesprächen zu versuchen, mögliche Änderungen anzustoßen. Ein Anliegen sei dem Gesprächskreis auch, Belastungen und Probleme, denen insbesondere Muslime in unserer Gesellschaft begegnen, gemeinsam zu meistern. Ein Augenmerk soll in Zukunft auch auf die Frage gerichtet werden: " In welchen Bereichen der Gesellschaft ist religiös bestimmtes Handeln gefordert?" Gedacht werde hier an Bereiche der Sozialpolitik und hier speziell an Probleme, die alte Menschen türkischer Herkunft in der Gesellschaft hätten.

Wichtig erschien allen Teilnehmern des Begegnungskreises, in ihrem Umfeld aktiv dazu beizutragen, bösen Vorurteilen gegen ihre Religionen mit ihren eigenen Erfahrungen zu begegnen und damit wie bereits in der Vergangenheit, in unserer Stadt ein Klima der religiösen Toleranz und des gegenseitigen Respekts zu fördern.