Lokales

Brüder stifteten Sühnekreuz für den erschlagenen Dr. Caspar von Wernau

In zwei Jahren soll die neue Weilheimer Stadtgeschichte druckfertig sein. Wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse über das 15. Jahrhundert haben nun vorab Rolf Götz und Tilmann Marstaller in einem Volkshochschulvortrag im Kapuzinerhaus vorgestellt: Es ging um die Pfandherrschaft der Herren von Wernau und dabei vor allem um ein Steinkreuz, einen Brudermord und um die "Löwenscheuer".

ANDREAS VOLZ

Anzeige

WEILHEIM Zunächst stellte der Mittelalterarchäologe und Bauforscher Tilmann Marstaller seine Zuhörer vor dasselbe Rätsel, vor dem er 1998 stand, als bei Renovierungsarbeiten am Weilheimer Gebäude Obere Rainstraße 5, Ecke Keplerstraße, ein Steinkreuz zum Vorschein gekommen war, das direkt mit dem Mauerwerk verbunden ist: "Das war eine höchst eigentümliche Entdeckung, das Kreuz taucht unvermittelt in der Hauswand auf." Außerdem gebe es in der Mauer "besser gearbeitete Eckquader" und noch "weitere merkwürdige Details" vor allem die Steine am Fuß des Kreuzes, die sich nicht in einer Flucht mit der übrigen Mauer befinden.

Das Kreuz habe dieselbe Form wie das in Dettingen beim Käppele. Bei dieser Form handle es sich um ein spätmittelalterliches Feldkreuz. Auch das Weilheimer Steinkreuz, das sich inzwischen in einer eigens präparierten Mauernische präsentiert, "scheint eine Zeit lang frei gestanden zu haben". Das hat Tilmann Marstaller zum einen an den Abnutzungsspuren erkannt, zum anderen an den Bodensteinen, die den Bereich der Kreuzfundamente abdecken und unter dem Mauerwerk hervorstehen.

Es war tatsächlich einmal ein frei stehendes Feldkreuz, das erst später eingemauert wurde "aber so, dass man es noch sehen kann". Die Wand wiederum weise die besonderen Eckquader nur an einer Seite auf, an der anderen dagegen eine Abbruchkante. Das heißt, dass sie ursprünglich einmal länger war. Außerdem sei die Mauer rund 80 Zentimeter stark, was Tilmann Marstaller als "unpassend für Bauernhäuser" einstuft. Auch wenn von der einstigen Wand nur ein Torso übrig blieb, spricht der Bauforscher von "keinem ganz gewöhnlichen Befund" an einem Gebäude, "das historisch wichtig zu sein scheint".

So weit der Stand des Jahres 1998, dem der Historiker Rolf Götz wichtige Details hinzufügen konnte, nachdem er im Oktober 2000 damit begonnen hatte, für die neu zu schreibende Weilheimer Stadtgeschichte mittelalterliche Archivalien durchzusehen und ihnen bislang unbekannte Details zu entlocken. Er ist dabei auf Informationen gestoßen, die Auskunft darüber geben, warum das Weilheimer Steinkreuz vor über 500 Jahren errichtet und kurz darauf sichtbar eingemauert worden war. Erst einige Zeit später verschwand das Kreuz unter Putz, der es über Jahrhunderte hinweg für die Nachwelt bewahrt hat.

Um sein Publikum über die Bedeutung eines solchen Feldkreuzes aufzuklären, ging Rolf Götz kurz auf die neun Steinkreuze im ehemaligen Oberamt Kirchheim ein, die Werner Frasch 1971 beschrieben hatte. Sie stammen überwiegend aus dem 15. und 16. Jahrhundert, wobei über den konkreten Anlass meistens nichts bekannt ist. Es handelt sich um Sühnekreuze für die Opfer von Mord und Totschlag. Fast immer liegen die historischen Kriminalfälle im Dunkeln, es ranken sich allenfalls später entstandene Sagen und Legenden um diese Kleindenkmäler.

In einem Fall ist Rolf Götz im Archiv fündig geworden: 1503 hat Leonhard Kürner aus Ochsenfeld bei Eichstätt mit "Urfehde" die Auflagen beschworen, gegen die er freigelassen wurde, nachdem ihn das Kirchheimer Stadtgericht wegen Totschlags am württembergischen Leibeigenen Wernher Kantengießer zu einer Gefängnisstrafe verurteilt hatte. In dieser Urkunde verpflichtete sich der Totschläger, vier Punkte einzuhalten: der Mutter des Opfers eine Entschädigung in Höhe von 70 Gulden zu zahlen, für die Kosten einer Gedenkmesse und eines Brotalmosens für Bedürftige an jedem Jahrestag aufzukommen, auf Kirchheimer Markung ein Steinkreuz errichten zu lassen und außerdem das Herzogtum Württemberg unverzüglich zu verlassen und es nie wieder zu betreten.

Selbst die Maße des Sühnekreuzes sind urkundlich belegt: fünf Schuh (1,43 Meter) hoch und drei Schuh (0,86 Meter) breit. Ob es sich dabei um das Steinkreuz handelt, das einmal in der Nähe des Kirchheimer Südbahnhofs stand, ist allerdings nicht sicher. Solche Kreuze waren in Württemberg weit verbreitet und wurden noch bis zum Beginn des 30-Jährigen Kriegs errichtet, wusste Rolf Götz zu berichten. Erst nach dem Ende des verheerenden Kriegs seien dann die Legenden entstanden über diese besondere Form der Sühne, wie sie das "gute, alte Recht" vorgesehen hatte.

Weitere Vorinformationen gab Rolf Götz zu den Besitzverhältnissen in Weilheim und zum Geschlecht der Herren von Wernau preis: Nachdem Weilheim 1319 durch Graf Ulrich von Aichelberg zur Stadt erhoben worden war, verkaufte Graf Brun von Kirchberg die Stadt bereits 1334 für 7 500 Gulden an die Grafen von Württemberg. Um 1370 verpfändeten die Württemberger diesen Besitz an die Herren von Lichtenstein. 1432 wiederum verkauften Peter von Liebenstein und sein Schwiegersohn Kaspar von Schlat die Pfandschaftsrechte über "Weilhain die stat, Holzmaden, Häringen, Pfullnhart, Häpßißow und Neidlingen die dörfer, mit höfen, weilern etc." an Hans von Wernau. Dieser übertrug das Pfand später an seinen Vetter Eitel. Von dessen Söhnen löste Württemberg die Pfandschaft 1478 schließlich wieder aus.

Die Herren von Wernau haben mit der heutigen Stadt am Neckar, die 1938 nach ihnen benannt worden war, zunächst einmal nichts zu tun, führte Rolf Götz im Kapuzinerhaus weiter aus. Sie hatten ihren Stammsitz an der oberen Donau und waren Dienstmannen der Grafen von Berg-Schelklingen. Ende des 14. / Anfang des 15. Jahrhunderts tauchten die Herren von Wernau dann in der hiesigen Gegend auf, erwarben Wendlingen, den Freihof in Kirchheim und Güter in Pfauhausen. Auch in Steinbach hatten die Wernauer Besitz, also in beiden Orten, die seit ihrem Zusammenschluss 1938 den Namen der einstigen Adelsfamilie tragen.

"Eitel von Wernau zu Weilheim" starb 1459. Er hatte vier Töchter und fünf Söhne: Eitel, Deutschordensritter, gestorben nach 1473; Dr. Caspar von Wernau, 1475 in Weilheim erschlagen; Wilhelm, gestorben 1497, Ritter und Hofmeister der Barbara von Mantua; Friedrich, gestorben 1478, der seinen Bruder Caspar getötet haben soll, sowie Ludwig, gestorben 1498, Edelknecht und Stammvater der Herren von Wernau in Pfauhausen.

In der zeitgenössischen "Wernauer Chronik" des Valentin Salomon von Fulda fand Rolf Götz zwei Hinweise auf den Brudermord im Jahre 1475. In Reimen werden die fünf Söhne Eitels beschrieben. Dabei heißt es über den "Doctor Casperr": "Derselbig Herr umbkommen ist / Von eynem Bruder wolbewist". Über den vierten Sohn "Friderich" reimt der Schreiber dann Folgendes: "Wie man vermeynt, vom selben wirt / Vmbbracht der Doctor erstgemelt".

Der dazugehörige Prosatext ist ausführlicher, verweigert aber ebenfalls eine ganz eindeutige Schuldzuweisung: "Anno 1475, uff Sanct Johanns Baptista, haben die vier Brüder vonn Wernnaw [der Deutschordensritter Eitel war wohl bereits gestorben] zu Weilheym Sanct Johanns Tag gehaltten, aber übel ausgangen, dann sie ohneyns miteynander worden, der Güeter Erbschafft unnd anderer Aufhebung halben, dann der Doctor lang nicht bei inen gewesen, sonder seinem Studio nachzogen, dessen er sich vileicht überhaben oder sonst Haushaltungs halben eyn Vertruss bekhommen, letzlich dahin gerathen, das er, Doctor Caspar von Wernnaw, zu Thod geschlagen unnd entleibt worden, darnach genn Erbach gefürt unnd begraben worden [...]. Diese Geschicht war wol eygentlich zu beschreiben, aber es had all sach nit mögen erfaren werden, wie wol die Vermutung unnd Anzeygung sich sehen lesst, alllß ob Friderich sein Bruder der Theter gewest sei".

Wann genau das Sühnekreuz errichtet wurde, konnte Rolf Götz nicht herausfinden. Auch ist nicht ganz klar, wann die dazugehörige Kapelle entstand. Dafür berichtete der Historiker, dass die verbleibenden Brüder Wilhelm und Ludwig sowie ihr Neffe Eitel, der Sohn Friedrichs, 1488 "für ihre ,Altvorderen' und den erschlagenen Dr. Caspar von Wernau eine ewige Messe auf den Marienaltar der Marienkapelle in Weilheim außerhalb der Mauern der Stadt" stifteten. Im Lagerbuch von 1513 ist Rolf Götz auf Äcker "by des doctors capell" und "an unser lieben frawen cappell am hag" sowie auf einen Garten "by unßer lieben frawen capell haist die baind" gestoßen. 1539 wurde die Kapelle größtenteils abgebrochen und die Steine zum Bau der Landesfestung "geen Kirchen [nach Kirchheim] gefiert". Aber noch für 1553 weist Götz die Bezeichnung "Wernauer Kapelle" nach. Von Tilmann Marstaller wiederum stammt die Spekulation, dass der Name "Keplerstraße" an die ehemalige Kapelle erinnern könnte und dass dann die Bezeichnung "Käppele" in Dettingen gleichen Ursprungs sein dürfte.

"Sühnekreuze wurden am Ort des Totschlags errichtet oder außerhalb an Stellen, wo viele Menschen vorbeikamen. Sie sollten aufgefordert werden, für den Erschlagenen ein Gebet zu sprechen." Mit diesem Hinweis beendete Rolf Götz seine Ausführungen. Somit bleibt die Frage, wo genau Dr. Caspar von Wernau im Juni 1475 den Tod fand, ebenfalls reine Spekulation. Das tragische Geschehen könnte sich mithin auch in der Bohlenstube der heutigen "Löwenscheuer" abgespielt haben.

Seine Forschungsergebnisse zu diesem Gebäude stellte Tilmann Marstaller am Schluss des Vortragsabends ausführlich vor: Anhand der Fälldaten der verwendeten Hölzer datiert er das Baujahr der "Scheuer" auf 1469. Dabei habe es sich um einen "hochmodernen", repräsentativen, ja sogar "protzigen" Anbau an das Weilheimer Stadtschloss gehandelt, dessen Hauptbau Ende des 19. Jahrhunderts dem Gasthaus Löwen hatte weichen müssen.

In der "Scheuer" hat Tilmann Marstaller keine verrußten Balken gefunden. Daraus schließt er, dass die Herren von Wernau in ihrem Anbau auch kein Feuer gemacht haben. Das wiederum bedeute, dass das "Piano nobile", die gute Stube am stadteinwärts gelegenen Eck im zweiten Obergeschoss, nur im Sommer genutzt werden konnte, weil es im Winter ohne Heizung viel zu kalt gewesen wäre. Der Gebäudeforscher spricht also von einer reinen "Sommerstube".

Dass die "Löwenscheuer" von ihrer westlichen Erweiterung aus dem Jahr 1634 abgesehen ursprünglich von den Wernauern gebaut und genutzt wurde, ergibt sich für den Mittelalterarchäologen Marstaller aus dem überreichen Zierfachwerk, das sehr aufwändig, teuer und an vielen Stellen eigentlich unnötig war. Das könne sich nur der Stadtadel leisten, die oberste soziale Schicht. Gleiches gelte auch für die Tatsache, dass der Bau mit einem Vollgeschoss über die Stadtmauer hinausragte. Auch das habe sich nur derjenige erlauben können, "der über allen anderen stand".

Dass diese hochgestellten Herren aber auch nur ganz normale Menschen waren, zeigt sich einerseits an den fatalen Zwistigkeiten innerhalb der Familie und andererseits an den Abort-Erkern, deren einstige Existenz Tilmann Marstaller an der Stadtmauerseite der "Löwenscheuer" nachgewiesen hat: "Das waren keine Schießscharten", kalauerte er, "sondern Vorrichtungen, die ganz vom irdischen Leben zeugen."Das Weilheimer Steinkreuzund die "Löwenscheuer" hat Jean-Luc Jacques fotografiert.