Lokales

Bürgermeister gehen am grünen Skihang in die Luft

LENNINGEN Bissingens stellvertretender Bürgermeister Joachim Maszurim, 60, breitet die Arme seitlich aus. In den Händen die Griffe der Bremsleine und die Leinengurte. Auf das Kommando von Fluglehrer Peter Rieger läuft er am Pfulbhang

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RICHARD UMSTADT

los. Der große, rote Gleitschirm baut sich hinter ihm auf. Joachim Maszurim stürmt weiter den Hang hinab, "schnuppert" nach ein paar Schritten Luft, doch die Schwerkraft der Erde ist stärker.

Anderen Teilnehmern ergeht es zu Beginn des Schnupperkurses des TV Bissingen am Hang der Pfulb nicht viel anders: Wer fliegen will, muss laufen. Viel laufen, unermüdlich, darf nicht stehen bleiben. Dann folgt die Belohnung wie im Traum. Man verlässt für Sekunden, Minuten den sicheren Grund, ist frei und hört nur noch das Rauschen des Windes in den Leinen und eine Stimme im quäkenden Funkgerät: "Ja, gut so, schön, rechts ein wenig ziehen, gut so, und jetzt zur Landung beide Bremsleinen ganz durchziehen".

Letzteres klappt schon ordentlich, doch irgendetwas war falsch, denn der Mann von der Presse landet etwas unsanft auf seinem Allerwertesten beziehungsweise auf dem Schutzsack des Rückenprotektors. Ein typischer Anfängerfehler: Das "Fahrgestell" wurde zu spät ausgefahren, denn eigentlich sollte der Schnupperpilot, wie es sich gehört, auf den Beinen landen. Also, Leinen und Schirm aufnehmen und wieder den Hang hinauf, zum Startplatz.

Von Hüpfer zu Hüpfer wird der Start immer weiter nach oben verlegt und schließlich stehen die Anfänger mit den Paraglidern des Vereins dort, wo im Winter die Skifahrer ihre Abfahrten beginnen.

Seit April ist der Bissinger Turnverein Halter des Übungshangs für Gleitschirmflieger. Hier, an der Pfulb, werben die Paragliderpiloten und Drachenflieger im TV Bissingen für ihren Sport. Sie bieten Schnupperkurse an und wollen damit vor allem Jugendliche für diesen Flugsport begeistern.

"Wir stellen den Pfulbhang aber auch anderen Vereinen unentgeltlich zur Verfügung", erklärt Peter Ziegler, Gleitschirmflieger in der Alpin- und Radsportabteilung des TV Bissingen. Auch beim Schnupperkurs halten die Flieger zusammen: So sind neben den Bissingern auch Gleitschirmpiloten des Delta- und Gleitschirmclubs Weilheim sowie des Drachenfliegerclubs Hohenneuffen am Hang, um den Greenhorns beim Anlegen der Gurte und Überprüfen der Leinen behilflich zu sein.

Fluglehrer Peter Rieger hat seine Schützlinge im Blick. Er schwang sich 1975 das erste Mal mit einem Drachen in die Lüfte und ist Mitbegründer des Neuffener Drachenfliegerclubs. Der alte Hase kennt die Überwindung, die es einen Anfänger kostet, mit einem Stück imprägnierten Nylontuch, die Leinen in der Hand, einen Hang hinunterzurennen und plötzlich den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Der erfahrene Pilot versteht es, durch seine ruhige, aber auch humorvolle Art, die Bedenken zu zerstreuen und den Flugschüler sicher anzuleiten.

"Wir werden künftig unsere Rathauspost mit dem Gleitschirm verteilen", meint Neuffens Bürgermeister Wolfgang Schmidt scherzhaft und erhält seitens seines Mitarbeiters Willy Heinicke volle Unterstützung. Auch Roman Weiß, dem jungen Rathauschef von Erkenbrechtsweiler, und seiner Partnerin Violetta Heiden bereitete der Schnupperkurs sichtlich Spaß.

"Die Bürgermeister brauchte man eh nicht zu überzeugen", sagt Wolfgang Schmidt und deutet damit an, dass bei der Debatte um die Startplätze am Albtrauf jedenfalls die Verwaltungschefs nicht im Bremserhäuschen saßen. Jetzt jedoch wurde mit dem neuen alten Startplatz Neuf-fen Nord ein Kompromiss gefunden, mit dem auch die Gleitschirmpiloten leben können. Noch in diesem Jahr werden sie dort ihre Schirme auslegen und starten können.

Joachim Maszurim aber will auch am nächsten Samstag am Übungshang der Pfulb wieder mit von der Partie sein. "Des lässt mr jetzt koi Ruah." Zu viel schnuppern kann leicht zur Sucht führen.

Vielleicht sollte Peter Ziegler am nächsten Wochenende auch Mitgliedsformulare des TV Bissingen mit im Gleitschirmsack parat halten.

INFODer erste Gleitschirm kam von Laurent de Kalbermatten 1976. Er war aus luftdichtem Spinnakertuch. Französische Fallschirmspringer flogen ab 1978 von den Bergen, 1982 sogar vom Mont Blanc. Dies waren jedoch noch keine Gleitschirme im heutigen Sinne, sondern lenkbare so genannte "Matratzen". Erst im April 1987 wurde in Deutschland das Gleitschirmfliegen offiziell zugelassen.