Lokales

Bürokratie bremst Sprachhelfer aus

Kein Kind soll mehr in die Schule kommen, das die deutsche Sprache nicht beherrscht. Vollmundig klangen die Versprechen der Landesregierung, die Sprachförderung auszuweiten. Der Wille ist da, das Geld auch. Trotzdem ist die Arbeit der Sprachhelfer ins Stocken geraten. Richtlinien und Förderanträge sind zwischen den bürokratischen Rangeleien derzuständigen Ministerien hängengeblieben.

DORIS BRÄNDLE

Anzeige

ESSLINGEN Es wird auf dem Rücken der Kinder aus Migrantenfamilien ausgetragen, dass die Bürokratie sich nicht einigen kann, ärgert sich Hary Steigele, der im Kloster Den-kendorf Sprachhelferinnen ausbildet. Im Verband Sprachhilfe nach dem Denkendorfer Modell haben sich in 80 Kommunen Arbeitsgemeinschaften mit rund 1 000 Helferinnen zusammengeschlossen. Sie erteilen landesweit etwa 11 000 Migrantenkindern in Kindergärten und Schulen Sprachunterricht.

Die Frauen sind in der Regel Mütter, die sich in Denkendorf regelmäßig fortbilden und für durchschnittlich 7,70 Euro pro Unterrichtsstunde Kinder fördern möchten. Ihre Arbeit finanziert sich vorwiegend aus Mitteln des Landes und der Kommunen. Nicht zuletzt die Ergebnisse der Pisa-Studie haben die Landesregierung aufgeschreckt. Im April vergangenen Jahres hat das Kabinett beschlossen, die Haushaltsmittel für die Hausaufgaben-, Sprach- und Lernhilfe in zwei Stufen von vier Millionen Euro auf sieben Millionen im laufenden Jahr und auf zehn Millionen im Jahr 2007 aufzustocken.

Die Richtlinien, die seit Anfang des Jahres gelten sollen, sind allerdings noch nicht einmal veröffentlicht. Deshalb gibt es noch keine Anträge und folglich auch kein Geld. "Es gibt noch verschiedene Punkte, in denen wir keine Übereinstimmung mit dem Finanzministerium gefunden haben", erklärt Hansjörg Blessing, Sprecher im Kultusministerium. Beispielsweise sei noch unklar, ob die Förderung auch auf deutsche Kinder ohne Migrationshintergrund ausgeweitet werden solle. "Aber wir bemühen uns, dass die Richtlinie so bald wie möglich rauskommt. Sicher noch im Mai. Erst dann können die Sprachhilfe-Verbände ihre Zuschüsse beantragen".

"Ob die Anträge noch vor der Sommerpause bearbeitet werden können, kann ich aber nicht versprechen", sagt Hansjörg Blessing. "Das Geld, das wir von den Kommunen bekommen, reicht nicht aus, um die Sprachhelferinnen bis zum Herbst zu bezahlen", beklagt Hary Steigele. Als Beispiel zieht er Esslingen heran, mit 91 Sprachhelferinnen die größte Arbeitsgemeinschaft im Land: "Wir haben hier 1 450 Kinder, die wir unterrichten."

Im letzten Jahr gab es dafür 63 000 Euro Zuschuss vom Land", berichtet Roland Geltz, Geschäftsführer der Sprachhilfe Esslingen. Das Geld fehlt in diesem Jahr. Um das Finanzloch zu überbrücken, ist die Stadt mit 35 000 Euro Vorschuss in die Bresche gesprungen. Doch diese Kulanz ist im Land eher die Ausnahme.

In Winnenden konnte beispielsweise Elisabeth Schuster, die Geschäftsführerin der Sprachhilfe, ihre Mitarbeiterinnen im vergangenen Jahr mehrere Monate lang nicht bezahlen, weil die Zuständigkeit vom Sozial- auf das Kultusministerium übertragen wurde und deshalb vorübergehend der Geldhahn zugedreht war.

Die langsamen Mühlen der Bürokratie haben laut Hary Steigele noch weitreichendere Folgen: Das Kultusministerium hat zwar zugesichert, dass das Geld sicher kommt. Aber diese Zögerlichkeit konterkariert die bildungspolitischen Ziele der Landesregierung, die Sprachhilfe flächendeckend auszuweiten. Die Motivation für neue Sprachhilfe-Initiativen in den Kommunen ist gleich Null, solange die Finanzierung unsicher ist.