Lokales

Butzenscheiben, Ofenkacheln, Leinenstrümpfe Zufallsfunde vom Abfall

LENNINGEN "Wo na mit dem Glomp?" Jahrhundertelang entsorgten die Bewohner des Fachwerkbaus über der Lauter ihren Abfall auf die damals übliche Weise: Sie warfen ihn in die Abortfallgrube an der

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ERIKA HILLEGAART

Nordseite des Hauses, vergruben ihn im Keller oder stopften ihn durch die Löcher der stark abgetragenen Fußbodendielen in die Hohlräume über den Kellergewölben. Einiges verschwand unfreiwillig in den Bodenritzen. Mancher Unrat wird auch wohl die Lauter hinuntergeflossen sein. Eine geregelte Müllabfuhr gibt es hierzulande erst seit den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts in den Städten.

Wohin mit den archäologischen Zufallsfunden? Über ein Jahrzehnt lagerten diese historischen Abfallreste ungeordnet in einer großen Vitrine im nördlichen Schlössle-Anbau und auf dem Dachboden. Über ein Jahrzehnt mahnte der Förderkreis Schlössle eine systematisch-anschauliche Präsentation dieser Alltagsrelikte vergangener Epochen an. Mit Nachdruck wiesen die ehemaligen Vorsitzenden bei der vergangenen Hauptversammlung auf die denkmalpflegerische Selbstverpflichtung hin. Ein Satzungsziel des Vereins ist, im Rahmen der Möglichkeit kleinere Projekte finanziell zu unterstützen. Eine 3000-Euro-Spende dieses örtlichen Kulturvereins erleichterte dem Lenninger Gemeinderat den Entschluss, die Museumseinrichtung mit einem Gesamt-Kostenaufwand von 10 000 Euro zuzustimmen.

Das Fundgut hatte der Frankfurter Professor Johannes Cramer, beauftragter Berater des baden-württembergischen Denkmalamtes, mit seinem Team während der Renovierungsjahre sortiert, archiviert und in der Broschüre "Schlössle Oberlenningen Baugeschichte und Sanierung 1983-1992", Lenningen 1992, beschrieben. Erwin Raff, Bauberater, Dozent und freier Restaurator aus Denkendorf, wählte nun in diesem Sommer aus den Funden die Ausstellungsobjekte aus und ordnete sie thematisch in den einzelnen Vitrinen anschaulich, übersichtlich mit knappen Beschreibungen. Am Tag des Offenen Denkmals fand das Hausmuseum im rechten vorderen Kellergewölbe bei den Besuchern großes Interesse.

Edelfreie Amtmann MüllerWer Muse und Lust hat, mag ein wenig zurückblättern in der "Geschichte des Adelssitzes und seiner Bewohner" von Rolf Götz. In dieser Schrift ist die Familie des Erbauers des Schlössle, Johann Georg Schilling von Canstatt, dokumentiert, Vorgängerbauten erwähnt und Kaufverträge genannt. Der in Owen residierende Landedelmann hatte in den Jahren von 1593 bis 1596 hier gebaut, "ein süzlein zu Oberlenningen, so allerdings gefreytt, allein das es dem flekhen daselbsten Ierlings (jährlich) Zehn Schilling gibt unnd den Ze-hentten; sampt einem umbgemachten Garten daran unnd ein Wüßlein darzugeherig".

Doch kein Jahrhundert lang bewohnten die Schilling'schen Nachkommen den unvollendeten Fachwerkbau. Nach dem 30-jährigen Krieg bevorzugten sie andere, wohl sichere Wohnsitze. Das Schlössle versank in einen Dornröschenschlaf. Um 1679 wurde der zweigeteilte Besitz für 100 Dukaten an den Oberlenninger Amtmann Johann Christoph Ankele und für 335 Gulden an den Oberlenninger Müller Christoph Gallmann verkauft. In den nachfolgenden Zeiten wurde der Bau in immer kleinere Eigentumsanteile aufgeteilt. So bewohnten im 18. Jahrhundert vier Parteien das erste Obergeschoss mit beheizbaren Stuben. Das zweite Obergeschoss, in dem heute das Museum für Papier- und Buchkunst eingerichtet ist, blieb bis zur Renovierung unbewohnt und diente als Speicher und Lagerraum. "Die Stuben voller Leute, viele Kinder, recht drangvoll enge wohl im kalten Winter", beschrieb einmal ein Bänkelsänger bei einem der Schlössle-Feste die Notwendigkeit, mit den Anbauten den Wohnraum für die kinderreichen Familien zu erweitern. Handwerksleute lebten in dem Gebäude im Schlossrain, das stets das Schillingsche Schloss genannt wurde. Die alten Oberlenninger hätten nie vom Schlössle gesprochen. Bis 1985 war das erste Obergeschoss bewohnt. Dem bescheidenen Lebensstandard jener Bewohner war es zu verdanken, dass interessante Wandfassungen, Türrahmen und Deckenmalereien wenig beeinträchtigt erhalten blieben.

Spuren vom Alltag damalsReste von Bau- und Gebrauchskeramik bilden den größten Bestand. Alle anderen Funde stehen hinter dieser Materialgruppe naturgemäß zurück. Der Restaurator Erwin Raff hat aus den Fragmenten jedoch so ausgewählt, dass ein möglichst breites Spektrum von Objekten über den Alltag von damals erzählt. Ein Hauch vom ehemaligen Adelssitz haftet den Butzenscheiben an, die teils noch in den alten Bleifassungen erhalten sind. Auch die dekorativ geschwungenen Winkelbänder und Fensterbeschläge sowie die Originalputzstücke mit der bauzeitlichen Bemalung lassen die gute Stube mit ihrem Blick zum Albpanorama vor dem inneren Auge erstehen. Die Reste von mittelalterlich geprägten Napfkacheln, üppig verzierten grün glasierten Ofenkacheln mit herzoglichen Wappen, die Fragmente von Trinkgefäßen mit Initialen weiß die Fantasie zusammenzupuzzeln. Wärme und ein Trunk aus dem Weinkeller mögen für das Wohlbehagen von Edel- und Amtmann gesorgt haben. Wer wissenschaftlich tiefer bohren möchte, hat Freude an der dendrochronogischen Datierung einer Holzprobe aus dem Anbau von 1775. Die Standardkurve von Süddeutschland weist nach, wann die Eichenbalken dazu gefällt wurden.

Die handwerklich hergestellte Hafnerware mit ihrer Typenvielfalt war einst zum Haushalten nötig. Irdene Ware mit und ohne Glasur sei zumeist aus Neuhausen-Aich gewesen. Die Töpferware diente der Vorratshaltung, als Koch- und Essgeschirr. In den verschieden großen und verschieden tiefen Schüsseln wurden die Speisen zubereitet und so auf den Tisch gebracht. Daraus aß man gemeinsam. Die dazu ausgestellten Löffel dürften aus Eibenholz sein. Dieses Holz ist besonders hart. Eiben, so ist in Oberlenningen überliefert, sind am Nordhang vom Wielandstein schon im Mittelalter angepflanzt worden, weil das Holz wegen seiner Haltbarkeit vielseitig verwertet werden konnte.

Andere Scherben geben Einblick in vergessene Bräuche. Es sind Deckel von Nachgeburtstöpfen ausgestellt. Die Nachgeburt so würdevoll zu bestatten, war bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts üblich. Eine mit Draht zusammengeflickte Abdeckhaube für das Feuerloch weist auf das sparsame Haushalten hin. Äußerst mager war die Ausbeute der Kleinfunde an Glasscherben. Hausrat aus Glas war teuer und rar.

Arme alte Zeiten Im Katasteramt sind 1823 ein Seiler, ein Weber, ein Schuster und ein Schneider als Eigentümer des einst adeligen Hauses verzeichnet. Diese Handwerkerfamilien hatten auch noch Anteile an den dazugehörigen Scheuern und Nebengebäuden und verfügten über Baum- und Grasgärten. So lässt sich daraus schließen, dass sie auch eine bescheidene Landwirtschaft umtrieben. Einer alten Steuerliste zufolge waren diese Handwerksberufe nicht die einträglichsten. Müller, Gastwirte, Großbauern und Metzger wurden von dem Steuerschätzer höher taxiert. In einer alten Steuerliste heißt es über die Weber: "Im Flecken sei es nichts mit feiner Ware, weil die meisten Weber ihr und ihrer Kinder Sach selber weben. Zehn Weber werden zur Steuer mit zwölf, dreizehn mit fünf Gulden geschätzt." Vergleichsweise wurde der obere Müller mit 104 Gulden veranschlagt allerdings mit erheblichen Nachlässen für den Unterhalt des Wasserbaus, den Knechtslohn und Zinsen.

Was mögen die Familien aus der gemeinsamen Schüssel gelöffelt haben? Knochen von Schafen, Ziegen, Hasen und Geflügel zeigen, dass zwar Fleisch auf den Tisch kam, jedoch sind die gefundenen Mengen für die langen Zeiträume recht gering. Eier- und Muschelschalen sowie über hundert Schneckengehäuse lagen unter den Böden. Schnecken und Froschschenkel in einer sauren Brühe seien ein typisches Aschermittwochessen, ein Fastenzeitessen gewesen. Man weiß in Oberlenningen auch von Schneckengärten, wie eine Fotografie von 1910 belegt. Die tägliche Nahrung wurde zumeist aus den Früchten des Ackers wie Linsen, Bohnen oder Erbsen gekocht und es gab Mehlbrei. Dazu kamen Hasel- und Walnüsse, Pflaumen- und Kirschen, wie aus Schalen und Kernen zu ersehen ist.

Eine Roggenähre aus dem 19. Jahrhundert liegt im Schaukasten neben den Schüsseln und zum Vergleich eine der heutigen Ähren, die durch Züchtung und Düngung fast doppelt so groß ist. Noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts bedeuteten Missernten Hungersnot, die auch Todesopfer forderte. Die Auswanderungen nach Amerika in den Jahren von 1846 bis 1849 wurden, wie landesüblich, auch von der Oberlenninger Gemeinde mitfinanziert.

Welcher der Kellerräume im Schlössle war wohl die Donk, der Arbeitsplatz, des Webers? Zerrissene Leinenstrümpfe, löchrige Kinderleinenschuhe, ein zerfleddertes Kinderkleid aus Leinen sind in der Latrine gefunden worden. Das Kleid ist so puppenklein, dass es einen die Zartheit der Kinder ahnen lässt. Handspindeln und Spinnwirtel mit verschiedenen Verzierungen erinnern daran, wie noch bis vor Jahrzehnten die Mädchen und Frauen in den Lichtstuben beisammen waren. "Was haben die Mütter flicka müsse", erinnern sich die 90-Jährigen. Das ist an den gefundenen Nähutensilien zu ersehen. Die seien im ganzen Haus verstreut gewesen. Und ein wenig Kinder-Krims-Krams kam auch aus der "Fundgrube": Tonmurmeln, Holzkreisel und Kegel, ein Gummisauger, ein Holzpüpple, Mundharmonikas aus der letzten Nachkriegszeit.

Fast zu übersehen sind Papierfetzen aus einem Gebet- oder Liederbuch. Eines der beliebtesten Andachtsbücher in den vergangenen 200 Jahren war Hillers Lieder-Schatzkästlein im protestantischen Württemberg. Nicht in jedem Haus war eine Bibel. Doch die Sprüche und Lieder aus solchen Andachtsbüchern geleiteten die einfachen Menschen in ihren oft kargen Alltag hinein.

Der vordere Gewölbekeller im Schlössle ist ein idealer Ort für das Hausmuseum mit den Zufallsfunden. Spuren von den noblen Erbauern mögen nostalgische Gefühle wecken; die Reste der nachfolgenden Hausbewohner geben einen Einblick in jene Zeiten, als einfache Leute nicht nur ihre Suppe gemeinsam auslöffeln mussten.