Lokales

Café-Melange aus Alt und Neu

Das einstige Neidlinger WLZ-Gebäude lockt jetzt mit heimischen Produkten und pfiffigen Gästezimmern

Wo die Neidlinger einst ihre Geldgeschäfte abwickelten, kommen jetzt Milchkaffee, Erdbeerkuchen und Brezeln auf den Tisch: Im ehemaligen WLZ-Gebäude hat die Familie Hepperle die „Alte Kass“ eröffnet – ein schwäbisches Caféhaus mit Laden, Gästezimmern und Ferienwohnung.

Zurzeit drei Mal die Woche hat das Caféhaus „Alte Kass“ geöffnet. In absehbarer Zeit werden die Öffnungszeiten und das Angebot a
Zurzeit drei Mal die Woche hat das Caféhaus „Alte Kass“ geöffnet. In absehbarer Zeit werden die Öffnungszeiten und das Angebot aber noch ausgeweitet. Wer Kaffee und Kuchen oder Brezel und Weißbier auf der Terrasse genießt, hat außerdem den Reußenstein im Blick. Foto: Jean-Luc Jacques

Neidlingen. Alteingesessene Neidlinger haben die Zeit noch vor Augen, als das Genossenschaftsbankgebäude mit großem Obstlagerkeller – genannt „d‘Kass“ – in der Gartenstraße gebaut wurde. Das war im Jahr 1953. Sechzig Jahre später erinnert nur noch wenig daran, dass in dem Haus früher Bankgeschäfte abgewickelt wurden. Der Duft von Kaffee und frisch gebackenem Kuchen zieht durch den großen Gastraum, bunte Wiesenblumen stehen auf den Naturholztischen, und auf der Terrasse genießen Radfahrer, Ausflügler und einige ältere Damen den Blick auf den Reußenstein.

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Vor zwei Jahren haben sich der Neidlinger Zimmermann Peter Hepperle und seine Frau Simone entschlossen, ihren Traum vom eigenen Café zu verwirklichen. Sie kauften das Gebäude in der Gartenstraße, bekamen vom Biosphärengebiet einen Antrag auf konzeptionelle Förderung genehmigt und starteten mit dem Umbau. Seit September hat nun der Laden geöffnet, in dem die Familie Hepperle Produkte aus der Region vermarktet. In den hölzernen Regalen stehen Nudeln und Destillate, Filz- und Handarbeiten sowie bunte Wollballen. „Die Wolle stammt ausschließlich von Schafen, die auf der Alb weiden“, betont Peter Hepperle.

Im März ging dann das Caféhaus an den Start. Auch dort verwenden die Hepperles fast ausschließlich Produkte aus der Region. „Wir backen die Kuchen alle selbst“, sagt Simone Hepperle. „Der Café ist fair gehandelt und die Milch kommt natürlich nicht aus dem Tetrapack“, ergänzt Peter Hepperle. Bislang lieferte ein Demeterhof aus der Region Frischmilch. Angesichts des steigenden Bedarfs müssen sich Peter und Simone Hepperle nun aber nach einem weiteren Lieferanten umsehen.

Drei Mal die Woche können Gäste derzeit das schwäbische Caféhaus besuchen, eine Ausweitung der Öffnungszeiten und des Angebots mitsamt Vesper und warmen Speisen ist bereits in der Planung. Auf den Tisch sollen vor allem schwäbische Gerichte kommen – „eben Dinge, die bei uns in der Umgebung wachsen“, so Peter Hepperle.

Ist das Wetter schlecht, lockt die große Gaststube, die Peter Hepperle komplett in Eigenarbeit mit viel Holz umgebaut hat. Neben einem großem Raumabschnitt, der sich für Veranstaltungen oder Gruppen anbietet, gibt es auch kleinere Eckchen und die „gute Stube“, ein gemütliches Zimmer im Zimmer mit vier Tischen. Überall im Café finden sich kleine Extras und Schmuckstückchen wieder. „Wir haben alles verwendet, was wir Brauchbares finden konnten“, berichtet Peter Hepperle. So dient das Unterteil einer alten Mostpresse als Ablage, Samenständer dienen als Kartenhalter und als Lampenschirme baumeln Bettpfannen und Obstkisten von der Decke herab. Als Hommage an die alte Zeit steht neben dem stillgelegten Aufzug der alte Original-Tresor der WLZ.

Während Café, Laden und die große Küche schon in neuem Glanz erstrahlen, sind die Bauarbeiten in der oberen Etage noch voll im Gange. „Ein Gästezimmer ist bereits fertig“, sagt Peter Hepperle und demonstriert einen komplett in Nussbaum gehaltenen Raum mit selbst gezimmertem Bett und künstlerisch anmutender Waschbeckenkonstruktion. Auch die Ferienwohnung hat bereits Formen angenommen, zwei weitere Gästezimmer hat der Zimmermann noch in Arbeit. Bis zum Herbst jedoch soll alles fertig sein. „Im Oktober weihen wir den Gesamtkomplex mitsamt Gästehaus ein“, so Peter Hepperle. Buchen können Interessierte die Unterkünfte aber schon jetzt, das Nussbaum-Zimmer wird auch schon vermietet.

Nahezu alles hat Peter Hepperle in Eigenarbeit ausgebaut, lediglich einen Heizungsbauer und einen Elektriker holte er sich ins Haus. Über Erfahrungen im Bereich Hausbau verfügt der Zimmermann, der sich mit seinem Betrieb auf ökologisches Bauen und nachwachsende Rohstoffen spezialisiert hat, zur Genüge. So baute er sich und seiner Familie vor sieben Jahren ein Wohnhaus komplett aus Holz und Stroh. Auf Nachhaltigkeit haben die Hepperles auch bei ihrem neuesten Projekt „Alte Kass“ besonderen Wert gelegt. „Den Dachstuhl haben wir komplett mit Strohballen gedämmt“, erzählt Peter Hepperle. „Außerdem habe ich beim Bau viel Altholz verwendet.“ So kam beim Geländer der Café-Terrasse Abbruchholz aus der Gegend zum Einsatz – was der Optik keineswegs schadet. Im Gegenteil: Die zerfurchten Balken, die der Zimmermann aufbereitet hat, wirken schon beinahe ein bisschen wie kleine Kunstwerke.

Der Terrassenbelag selbst stammt von einer Neidlinger Eiche, die aus Verkehrssicherungsgründen gefällt werden musste. Und weil Tropenholz für den Zimmermann tabu ist, orderte er bei einer Gartenmöbel-Firma eine Spezialanfertigung: Stühle und Tische aus unbehandeltem Eschenholz. Auf dem Rasen hinter der Terrasse findet sich übrigens eine weitere Besonderheit: ein Klangbaum. Die hohle Kastanie aus Nabern, die Peter Hepperle mit einem Türchen versehen hat, soll außen mit Saiten bespannt werden. „Man kann dann sozusagen im Resonanzkörper stehen und den Klang spüren“, erläutert er.

Auftanken können Radfahrer in der „Alte Kass“ übrigens gleich im doppelten Wortsinne: Unter dem Hallendach hat Peter Hepperle eine Fahrradstation eingerichtet. Die Neidlinger Firma Festool spendete dafür einen Kompressor, mit dem sich Fahrradreifen mühelos aufpumpen lassen. Außerdem reihen sich einige Steckdosen aneinander, an die Besucher ihre E-Bikes anschließen können.

Fester Bestandteil in der „Alte Kass“ sind jetzt schon die regelmäßigen Veranstaltungen. Jeden ersten Samstag im Monat findet ein Strickcafé statt, bei dem alle Interessierten samt Wolle und Nadeln dazustoßen können. Außerdem gibt es Filzkurse, Frühstückstermine oder auch mal ein Metzelsuppessen.

Und auch der Gang zur Toilette wird im neuen Neidlinger Caféhaus zum Erlebnis. Hinter den Türen, die mit Besen dekoriert und der Aufschrift „Goggeler“ und „Henne“ beschriftet sind, finden sich nämlich hölzerne Klohäuschen mit Riegeln, Spiegeln in historischen Fensterrahmen und alte Futtertröge als Waschbecken.

Schwäbisches Cafehaus in Neidlingen der Familie Hepperle, einstmals WLZ, Café ist in Betrieb + Spende der Firma Festool
Schwäbisches Cafehaus in Neidlingen der Familie Hepperle, einstmals WLZ, Café ist in Betrieb + Spende der Firma Festool