Lokales

Camp-Woche im Zeichen der Zukunft und der Wissenschaft

STUTTGART Der Traumberuf Lokomotivführer mag etwas von seiner Anziehungskraft eingebüßt haben, die er einstmals in Grundschulklassen besaß. Trotzdem war es

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ANDREAS VOLZ
gestern auch für Oberstufenschüler faszinierend, eine rund 1 400 PS starke Straßenbahn über das öffentliche Schienennetz der SSB von Möhringen nach Ostfildern zu bewegen. Die "Fahrschulstunde" war Bestandteil des 3sat-Projekts "nano-Camp", das in diesem Jahr die Universität Stuttgart federführend betreut. Im Camp ging es eine Woche lang um die "Stadt der Zukunft" und um die Faszination und Vielgestaltigkeit im Bauwesen. "Mobilität" hieß das Thema des gestrigen Abschlusstags.


Was den öffentlichen Personennahverkehr betrifft, der auch in Zukunft für alle Städte eine große He-rausforderung bedeuten wird, war die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) gestern der ideale Partner für das Stuttgarter Uni-Team um Professor Balthasar Novak. Auf was es beim Straßenbahnfahren besonders ankommt, erläuterte "Fahrlehrer" Wilhelm Bündert den "nano-Campern": Vor allem müsse man vorausschauend fahren und rechtzeitig reagieren, denn "Ausweichen geht nicht, und die Fahrgäste möchten sicher und bequem von A nach B befördert werden". Gefahrenpotenziale gibt es genug, die ein Straßenbahnführer beachten muss. Dazu gehört der längere Anhalteweg im Vergleich zum Auto ebenso wie der Linksabbieger, der plötzlich auf die Schienen fährt.


Bei einem möglichen Schwächeanfall im Führerstand ist technisch bestens vorgesorgt: Der "Totmannschalter" muss mit dem linken Fuß ständig in einer mittleren Schwebestellung gehalten werden. Wird dieses Pedal zu stark oder zu wenig belastet, bremst das Schienenfahrzeug automatisch bis zum Stillstand ab. Auf der "richtigen" Schiene üben angehende Straßenbahner indessen nur das Fahren. Um den Umgang mit Störungen zu erlernen, steht in Möhringen ein SSB-Fahrsimulator mit allen Schikanen zur Verfügung.


Die 16 jugendlichen "nano-Camper" durften also nicht nur auf der Schiene ihr Fahrgefühl testen, sondern auch im Simulator Extremsituationen erleben. Bei der Kirchheimerin Vanessa Haug gab es in der virtuellen Straßenbahn plötzlich keinen Strom mehr Defekt in der Oberleitung. Nachdem sie die Panne in der "Leitzentrale" gemeldet hatte, wurde der "Fehler" umgehend behoben. Zuvor erhielt die 18-Jährige allerdings noch die Aufgabe: "Informieren Sie bitte die Fahrgäste." Schließlich wollen die Passagiere nicht nur sicher transportiert werden, sondern im Ernstfall auch wissen, warum es nicht weitergeht. Die Fahrer arbeiten an der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine und müssen mit beiden souverän umgehen können.


Zur Mobilität gehört natürlich auch der Individualverkehr, mit dessen Lenkung sich die "nano-Camper" gestern ebenfalls befassten. Früh am morgen waren sie zur Verkehrszählung an stark befahrenen Kreuzungen eingeteilt. Im Lauf des Tages analysierten sie ihre Daten im "Science Truck" der Universität Stuttgart, der fester Bestandteil des "nano-Camp"-Containerdorfs auf dem Gelände von Stuttgart 21 ist. Konzepte, wie sich die Verkehrsströme besser lenken lassen, waren nach der Auswertung ebenfalls zu erstellen. Gerade im Hinblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 müssen die deutschen Großstädte diesbezüglich ihre Hausaufgaben machen.


Für den Brennstoffzellen-Bus kommt das sportliche Großereignis in zwei Jahren sicherlich zu früh. Dennoch spielt Stuttgart auch bei dieser Zukunftstechnolgie eine wichtige Rolle. Die Landeshauptstadt ist eine von zehn europäischen Metropolen, in denen der wasserstoffbetriebene Bus derzeit in einem Pilotprojekt seine Alltagstauglichkeit unter Beweis stellt. Selbstredend stand dieses SSB-Gefährt den "nano-Campern" die ganze Woche über zur Verfügung, um sie von ihrem Basislager aus zu den verschiedensten Einsatzorten in ganz Stuttgart zu chauffieren.


Gestern Abend ging es noch zum Flughafen nach Echterdingen. Ein Cessna-Rundflug bildete nicht nur den Abschluss des Themas "Mobilität", sondern auch des gesamten "nano-Camps 2004". Heute erhalten die 16 Jugendlichen noch ihr Teilnahme-Diplom überreicht, und dann haben sie nahezu eine ganze Wissenschaftswoche im Jahr der Technik hinter sich.


Die Kirchheimerin Vanessa Haug war besonders beeindruckt vom virtuellen Bauen im "Cave", aber auch vom tatsächlichen Bauen einer Holzbrücke und eines Staudamms. Selbst über ihre eigenen Vorlieben hat sie durch das "nano-Camp" etwas mehr erfahren: Die Analyse der Luft- und Wasserproben aus Stuttgarts Kanalisation hat sie weitaus mehr fasziniert als das exakte Vermessen des Camp-Geländes. Wobei die 18-Jährige letzteres keinesfalls abwerten möchte: "Für andere war gerade das Vermessen das Highlight der Camp-Woche."


Jeder Tag war voll mit Programm angefüllt, und zwar durchweg mit interessanten Themen für Vanessa Haug: "Wir haben so viel Wissen vermittelt bekommen das hätte man auf einen Monat verteilen können, und es wäre immer noch viel gewesen." Das ist sicher ganz im Sinne von Balthasar Novak, der hofft, dass seinen 16 Campern die "nano"-Woche möglichst lange in Erinnerung bleibt. Seine wichtigste Motivation, gemeinsam mit einem gut eingespielten Team diese besondere Wissenschaftswoche auszurichten, beschreibt der Stuttgarter Professor in einem einzigen Satz: "Wir müssen was tun für unseren Nachwuchs."


Weitere Informationen über den Abschlusstag des "nano-Camps" samt Straßenbahnfahrt und Cessnaflug werden heute Abend zwischen 18.30 und 19 Uhr bei 3sat im Fernsehen ausgestrahlt.

Das "nano-Camp" macht's möglich: Vanessa Haug steuert unter Anleitung von Fahrlehrer Wilhelm Bündert eine Stuttgarter Straßenbahn.