Lokales

„Cap“ soll Nahversorgung sichern

Kirchheimer Gemeinderat entscheidet sich für Zuschuss an einen „Cap-Markt“ in Ötlingen

Die Stadt Kirchheim will ein „Ausbluten“ der Ötlinger Ortsmitte verhindern. Für den leerstehenden Laden in der Stuttgarter Straße zeichnet sich jetzt nämlich eine Lösung ab: Dort könnte bereits im April ein „Cap-Markt“ einziehen, betrieben von der Filderwerkstatt des Esslinger Reha-Vereins. Die Stadt Kirchheim müsste dafür die Anschubfinanzierung in Höhe von 150 000 Euro übernehmen.

Andreas Volz

Kirchheim. Der Cap-Markt in Ötlingen würde 20 bis 25 Arbeitsplätze schaffen, heißt es in der Sitzungsvorlage des Gemeinderats. Ein Großteil dieser Arbeitsplätze würde Menschen mit Behinderungen zugute kommen. Schließlich kommt der Name „Cap-Markt“ von „Handicap“, dem englischen Wort für „Behinderung“. Ein weiterer Teil der neuen Arbeitsplätze soll Langzeitarbeitslosen vorbehalten sein. Das Modell der Cap-Märkte gibt es inzwischen in ganz Deutschland. Auch die Filderwerkstatt hat bereits Erfahrung damit. Sie betreibt zwei Cap-Märkte, einen in Neuhausen und einen in Leinfelden-Stetten.

Mit einem Cap-Markt in Ötlingen wären gleich mehrere soziale Aspekte auf einmal verbunden: zum einen die direkte Hilfe für Menschen mit Behinderungen und für Langzeitarbeitslose, zum anderen die Einkaufsmöglichkeit für Senioren. In Ötlingen leben verhältnismäßig viele Senioren, allein schon in der „Silbernen Rose“ und im Isolde-Kurz-Haus. Seit die bisherige Plus-Filiale in der Stuttgarter Straße im Juni ihre Pforten geschlossen hat, fehlt diesen Menschen ein Laden, den sie zu Fuß erreichen und in dem sie sich mit allen möglichen Lebensmitteln und sonstigen Waren eindecken können. Gerade aus diesem Aspekt heraus ist die Neuansiedlung eines Lebensmittelmarkts in Ötlingen zum Politikum geworden.

Die Lösung mit dem Cap-Markt könnte also für alle Seiten mehr als zufriedenstellend sein. Entsprechend lobten die Redner im Gemeinderat das Konzept. Allerdings gibt es auch massive politische Argumente, die gegen einen Cap-Markt in Ötlingen sprechen. „So gut das Konzept sein mag“, meinte Ralf Gerber von den Freien Wählern, „aber der Markt sollte ohne Zuschüsse der Stadt auskommen.“ Schließlich würden andere Händler, zu denen der Cap-Markt in Konkurrenz tritt, auch nicht subventioniert. Außerdem fürchtete Ralf Gerber, dass die Stadt über kurz oder lang auch in anderen Ortsteilen in Zugzwang geraten könnte.

Auch Albert Kahle (FDP/KiBü) stellte den Zuschuss grundsätzlich in Frage, wenn auch mit einem anderen Argument: „Mit dem sozialen Aspekt verdient man heute viel Geld.“ Insofern müsse der Cap-Markt in Ötlingen die notwendigen 150 000 Euro selbst erwirtschaften können. Bernhard Most (ebenfalls FDP/KiBü) stellte klar: „Die FDP hat ein Problem, in die private Wirtschaft einzugreifen.“ Andererseits gehe es darum, die zentrale Versorgung vor Ort sicherzustellen und eine soziale Einrichtung zu unterstützen. Deshalb sprach er sich für den Cap-Markt in Ötlingen aus, auch wenn die Unterstützung von Menschen mit Behinderung keine finanzielle Aufgabe der Stadt, sondern des Landkreises sei.

Dr. Claus-Peter Herzberg von der SPD-Fraktion hielt diese Bedenken zunächst einmal für gerechtfertigt: „Wir wollen uns nicht vorwerfen lassen, wir hätten in den Markt eingegriffen.“ Andererseits könne der Cap-Markt aber auch positive Auswirkungen auf den gesamten Markt haben: „Das ist Stadtmarketing für den Ortsteil Ötlingen. Es dient dem Ortskern und kann auch den anderen Geschäften in Ötlingen helfen.“

Zu diesem Punkt berichtete Klaus Korschinek, Werkstattleiter der Filderwerkstatt, von den Erfahrungen in Neuhausen. Zunächst habe die Kommune dort kein Geld in die Hand nehmen wollen, sich zwei Jahre später aber doch dafür entschieden. Als der Cap-Markt in Neuhausen dann sein erstes Jahr hinter sich hatte, hätten die Händler im Umfeld Umsatzsteigerungen von bis zu 30 Prozent verzeichnen können. Allerdings funktioniere das nicht zwangsläufig so: Der Cap-Markt in Stetten habe keine vergleichbare Wirkung gehabt. Das liege aber an der „Einzellage“, also am fehlenden Umfeld.

Trotz aller Bedenken überwogen die Vorteile des Cap-Markts im Ratsrund so deutlich, dass sich der Gemeinderat mit großer Mehrheit dafür entschied, die Probe zu wagen. Über zwei Jahre hinweg soll der Betreiber jeweils 75 000 Euro erhalten. Gegen diesen Beschluss gab es sieben Gegenstimmen, bei zwei Enthaltungen. Nun muss also nur noch der Trägerverein zustimmen, ob er in Ötlingen einen dritten Cap-Markt im Landkreis Esslingen aufbauen will.

Den Ötlingern käme das sicher gelegen, soll der Markt doch auch ein Treffpunkt im Ortskern werden. Weitere Vorteile des neuen Ladens sind eine Sitzecke und öffentliche Toiletten. Außerdem ist ein Lieferservice vorgesehen. Eines aber ist sicher: Wenn sich der Cap-Markt dauerhaft als Nahversorger in Ötlingen etablieren soll – mit allen erhofften positiven Wirkungen für den Ortskern –, dann ist nicht nur die Stadt Kirchheim als Zuschussgeber gefragt, sondern auch die Einwohner Ötlingens als Kundschaft, und das auf Jahre hinaus.

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