Lokales

Chancengleichheit gegen Gewalt

Frankreich erlebt dieser Tage eine Welle von Gewalt, die auch in Deutschland mit Sorge beobachtet wird. Politiker und Experten sind sich aber einig: Die Lage in Frankreich ist nicht mit der in unserem Land vergleichbar. Dennoch gibt es mahnende Stimmen auch im Landkreis , die eine öffentliche Diskussion über Integration im Land fordern.

RICHARD UMSTADT

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KREIS ESSLINGEN Gettoisierung, Armut und eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit unter den afrikanischen Einwandererkindern auf der einen Seite, radikale Sprüche und eine Integrationspolitik, die diesen Namen nicht verdient, auf der anderen Seite: In Frankreich will die Welle der Gewalt nicht abebben. Was sich Jahrzehnte lang anstaute und wovor französische Sozialarbeiter und Streetworker immer wieder warnten, macht sich nun in den Vorstädten der Metropolen des Nachbarlandes Luft Jugendliche aus meist muslimischen Einwandererfamilien ohne Perspektive, von Frankreichs Innenminister Nicolas Sarkozy als "Gesindel" und "Pack" diskriminiert, reagieren ihren Hass auf den Staat mit Gewalt ab.

Mit Sorge verfolgen deutsche Bürger und Politiker die Explosion der Gewalt beim linksrheinischen Nachbarn. Doch der grüne Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit beruhigt: "Solche Gettos gibt es in Deutschland nicht. Die Ausgangslage in Frankreich ist anders". Das sehen auch die Experten im Landkreis Esslingen so. Der Sozialdezernent des Landratsamtes, Dieter Krug, weist darauf hin, dass aufgrund des Jugendhilfeplans die Strukturen der präventiven Jugendarbeit im Kreis Esslingen vielfältiger Natur sind. "Wir haben ein sehr ausdifferenziertes Hilfesystem", das von der sozialpädagogischen Familienhilfe bis zu den sozialen Trainingskursen reicht. Dieses System ist nicht statisch, sondern wird immer wieder einer Überprüfung unterzogen mit der Fragestellung: "Wo müssen wir neu ansetzen?" Treten Spannungen mit Jugendlichen auf, so werde bereits im Vorfeld versucht, diese aufzufangen.

Es gibt im Landkreis Esslingen weder Jugendbanden noch Brennpunkte wie in Frankreich, erklärt der Pressesprecher der Polizeidirektion Esslingen, Fritz Mehl. 47 Jugendsachbearbeiter der Polizei im Kreis, davon fünf in Kirchheim, und deren Kolleginnen und Kollegen sorgen für eine "gesunde Mischung aus Prävention und Kontrolle". Außerdem sind die Beamten Teil eines Netzwerks, das rasch reagieren kann, wenn es um Probleme mit Jugendlichen geht.

Auch der Kirchheimer Sozialpädagoge Christoph Lempp, seit 25 Jahren im Brückenhaus tätig, will die Situation in Frankreich nicht mit der in Deutschland vergleichen. Die öffentliche und private Sozialpädagogik sei im Nachbarland doch nicht so gut ausgebaut wie bei uns. "Wir haben hier eine relativ gute Ausstattung an mobiler Jugendarbeit." Dabei verweist er auch auf die Gemeinwesenarbeit in sozialen Brennpunkten. "Die Vorwarnsysteme sind hier besser angelegt," ist sich Christoph Lempp sicher. Obwohl der Sozialpädagoge in Kirchheim keine Parallelgesellschaften ausmachen kann, geht er dennoch nicht von einer gelungenen Integrationsarbeit aus. Dazu fehle die Anerkennung der Gesellschaft, fehlen die notwendigen Ausbildungs- und Arbeitsplätze für die jugendlichen Migrantensprösslinge, wird das gut nachbarschaftliche Miteinander zwischen Ausländern und Deutschen vermisst. "Es darf nicht das Gefühl der Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit entstehen." Deshalb hält es Christoph Lempp für besonders wichtig, die Bildungs- und Arbeitsmisere in den Griff zu bekommen.

Die Flammen von Clichy-sur-Bois, Lyon, Toulouse, Marseille, Mülhouse und Straßburg, aber auch von Berlin, Bremen und Köln, gaben das lodernde Startsignal für eine Diskussion, die der Geschäftsführer des Kreisjugendrings Esslingen (KJR), Kurt Spätling, schon lange für überfällig hält. "Wir brauchen einen ehrlichen öffentlichen Diskurs über die Frage ,Was ist Integration'?" Auch Spätling verfolgt mit Sorge eine Entwicklung, die lange Zeit kaum beachtet wurde, die aber die PISA-Studie belegte: Kinder aus Zuwandererfamilien haben keine guten Chancen auf einen Bildungsabschluss. Oder wie es der KJR-Geschäftsführer griffig formuliert: "Unser Schulsystem trennt."

Ein "fettes Problem" sieht Kurt Spätling spätestens dann auf unsere Gesellschaft zukommen, wenn berufliche Warteschleifen wie etwa das Berufsvorbereitungsjahr (BVJ) 16 Klassen in Nürtingen und Kirchheim mangels monetärer Masse auslaufen und die jungen Leute, Migrantenkinder der zweiten und dritten Generation, in die Perspektivlosigkeit entlassen werden müssen.

Um diesen sozialen Sprengsatz zu entschärfen, plädiert der KJR-Geschäftsführer für eine absolute Integration der Ausländer in Deutschland a la Kanton Basel-Stadt. Dort wird unter der Prämisse "Fördern und fordern, geben und nehmen" seit 1998 der Entwurf zu einem Integrationsgesetz in der Praxis getestet, das im kommenden Sommer im Kantonsparlament verabschiedet werden soll. "Ziel ist die tatsächliche Chancengleichheit und keine Schönwetterpolitik," sagt Thomas Kessler, der für die Integration in der Stadt Basel zuständige Mann. Der Schweizer Gesetzentwurf setzt sowohl den Willen und das Engagement der Migranten zur Eingliederung in die Gesellschaft als auch die Offenheit der Einheimischen voraus. Die Migranten verpflichten sich, sich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen und Lebensbedingungen auseinanderzusetzen und sich die dafür notwendigen Sprachkenntnisse anzueignen. Die Erteilung und die Verlängerung einer Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz kann zur Erreichung der Integrationsziele mit der Bedingung verbunden werden, dass ein Sprach- oder Integrationskurs erfolgreich absolviert wird. Dies gilt auch für Bewilligungsverfahren im Familiennachzug. Die Arbeitgeber werden zur Information ihrer ausländischen Mitarbeiter über Integrationskurse verpflichtet.

Noch einen Schritt weiter geht der kleine, nördliche Nachbar: Wer in Dänemark zuwandern will, muss sich in der dänischen Kultur und Geschichte auskennen. Wer nicht weiß, dass Norwegen einmal in einer Union mit Dänemark vereint war, kann einfach abgelehnt werden. Außerdem sollen Ausländer ihren Glauben an die demokratischen Normen Dänemarks glaubhaft machen und eine Treueerklärung mit 17 Punkten abgeben, bevor sie überhaupt eine Aufenthaltsgenehmigung für das Königreich erhalten: "Ich weiß, dass es in Dänemark verboten ist, seine Kinder zu schlagen", ist einer der Erklärungspunkte.