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Charismatische Ritter, mutige Frauen und dunkle Geheimnisse

KIRCHHEIM Romantik pur das versprechen die Romane von Rebecca Michele. Jüngstes Beispiel ist das Buch "Königin für neun Tage". Wer sich gerne in vergangene Zeiten versetzen lässt, auf unterhaltsame Weise Geschichtsunterricht nachholen

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IRIS HÄFNER

und dann auch noch England kennen lernen möchte, der kommt in diesem 396-Seiten-Werk voll auf seine Kosten. Einmal das Buch in der Hand, legt man es ohne triftigen Grund nicht mehr gerne zur Seite. Auch wenn klar ist, dass sich die beiden Hauptpersonen trotz aller Widrigkeiten am Ende höchstwahrscheinlich doch in den Armen liegen, so begleiten die Leserinnen die mutige Antonia Fenton und Ritter Norman Powderham selbstverständlich charismatisch mit Lust, Neugier und Anteilnahme durch die Geschichte. Schließlich gibt es einige Abenteuer zu bestehen, etwa beim Ritterturnier oder im Tower in London.

Die "Königin für neun Tage" gab es tatsächlich. Sie hieß Jane Grey, war eine Großnichte von Heinrich VIII., sprach schon mit 13 Jahren fließend Latein, Griechisch und Hebräisch und lebte von 1535 bis 1554. Sie wurde im Alter von 17 Jahren durch Intrigen ihres Vaters und Schwiegervaters 1553 Königin von England. Mary, die nicht ohne Grund den Beinamen "die Blutige" erhalten hatte, scharte daraufhin ein Heer um sich und zog nach London. Nach einem kurzen Bürgerkrieg ließ die katholische Mary die protestantische Jane in den Kerker werfen und im Jahr 1554 hinrichten.

Über das Leben von Jane Grey ist wenig bekannt, lediglich einige Eckdaten sind festgehalten. Nichtsdestotrotz faszinierte das kurze Leben Rebecca Michele, die sich bestens in englischer Geschichte auskennt. "Im Alter von zwölf Jahren habe ich eine Biografie von Heinrich VIII. gelesen. Dieser Mann mit seinen vielen Frauen hat mich irgendwie fasziniert", erzählt die Autorin. 1984 war sie zum ersten Mal in London, seitdem besuchte sie Großbritannien schon über 50 Mal, kennt Cornwall fast wie ihre Westentasche und auch Schottland übt eine unwiderstehliche Faszination auf sei aus. Mittlerweile sind ihre tollen England-Kenntnisse auch Reiseveranstaltern bekannt. Deshalb ist sie hin und wieder auch als Reiseleiterin in ihrem geliebten England unterwegs. So bietet beispielsweise die Volkshochschule Ludwigsburg im Oktober eine Studienreise nach Cornwall unter der Leitung der Autorin an.

Der Grundstock für die Inselbegeisterung wurde bei Rebecca Michele schon früh gelegt. Geboren und aufgewachsen in Rottweil, lernte sie ab der zweiten Klasse Englisch. "Das war eine Modellschule. Spielerisch wurden wir an die Sprache herangeführt und haben viel über die englischen Kinder, das Land und seine Geschichte erfahren", erinnert sich die Autorin. Die Geschichte des Towers hat sie schon damals in den Bann gezogen und die Liebe zu Burgen, Schlössern und herrschaftlichen Häusern ist bis heute geblieben. "Ich weiß nicht, wie oft ich schon auf dem Hohenzollern war", gesteht sie lachend. Recht bald entdeckte sie, dass es jedoch weit mehr altes Gemäuer in England als in Deutschland gibt. "Dort ist noch so viel erhalten Burgen, Wasserschlösser oder Herrenhäuser, die meist auch besichtigt werden können. Die Engländer haben einfach Traditionsbewusstsein", kommt sie ins Schwärmen. In diesen alten Gebäuden wird für die Autorin die Vergangenheit lebendig und regt ihre Fantasie an.

Ihre Bücher schreibt Rebecca Michele mittlerweile in einem atemberaubenden Tempo. Ihr nächster Roman "Rückkehr nach Cornwall" ist bereits fertig und erscheint im September. Dabei handelt es sich um eine Fortsetzung des Romans "Das Erbe der Lady Marian", das jedoch auch ohne Vorkenntnisse gelesen werden kann. Die neue Geschichte spielt im 19. Jahrhundert in Malta und Italien sowie natürlich auch in Cornwall, wo die Hauptakteurin neben dem Zwiespalt des Herzens mit dem Verstand in tödliche Gefahr gerät. Doch dem nicht genug, das nächste Expose steht auch schon. "Ich kenne mich so gut in der Geschichte Englands aus, dass ich mich nicht lange mit Recherchen aufhalten muss, sondern einfach meine Geschichte erzählen kann", findet sie an ihrem Arbeitspensum nichts ungewöhnliches.

Fast hätte sie dank ihrer Freunde den Absprung nach Cornwall geschafft, doch dann lernte sie ihren Mann kennen. Mit ihm verbindet die Autorin, die seit einigen Monaten in Kirchheim wohnt, ihre zweite große Leidenschaft: das Tanzen. Zwei- bis viermal Training in der Woche ist normal und am Wochenende stehen nicht selten Turniere auf dem Programm. Seit 20 Jahren gehört der Turniertanz zu ihrem Leben, in der ersten Bundesliga hat sie fünf Jahre Formation getanzt und in dieser Zeit neben dem Job 20 Stunden pro Woche trainiert. "Außer Beruf und Training gab es in dieser Zeit nichts anderes", erinnert sich Rebecca Michele.

Heute tanzt sie mit ihrem Mann Uwe in der höchsten Amateurklasse. "Bewegung zu Musik ist einfach schön und wenn man den Sport auch noch mit dem Partner ausüben kann, ist das einfach klasse", erzählt sie mit strahlenden Augen. Dieses Jahr hat es "lediglich" zur Vizemeisterschaft gereicht, das Paar war jedoch auch schon Landesmeister. "Ich liebe es, schöne Kleider zu tragen und mich herzurichten, ebenso die Eleganz, die damit verbunden ist", sagt sie. In Jeans fühlt sie sich genauso wohl wie in Abendkleidern und auch noch in ganz anderen Verkleidungen: Wie es sich für eine gebürtige Rottweilerin gehört, ist sie ein Fasnetsnarr durch und durch. Das heißt im Klartext, dass sie so gut wie keine Saison der schwäbisch-alemannischen Fastnacht versäumt und tagelang im Häs durch die Altstadt tollt.

Rebecca Michele und ihr Mann sind auch als Tanztrainer aktiv. In Kirchheim sind sie deshalb keine Unbekannten, denn seit Jahren unterrichten sie hier eine Betriebssportgruppe und sind in einem Kegelklub aktiv. Zudem hat die Autorin rund vier Jahre bei einer Krankenkasse in der Teckstadt gearbeitet. "Kirchheim war schon immer meine Haupteinkaufsstadt, auch schon, als wir noch in Altbach gewohnt haben. Hier ist es einfach familiärer als in Esslingen, die Leute sind netter und freundlicher und die Kassiererinnen wünschen einem sogar einen schönen Tag", kommt sie geradezu ins Schwärmen über ihre neue Heimat.

Die Nähe zum Land ist ihr wichtig, die Gegend rund um Kirchheim und auch die Schwäbische Alb sind ihr von Radtouren und großen Wanderungen schon recht vertraut. Aber vor allem die historische Altstadt hat es ihr angetan dieses Ambiente ist nahezu Grundvoraussetzung für eine Liebesroman-Autorin, die ihre Geschichten mit Vorliebe in vergangene Epochen legt.

Um das Ansehen von deutschsprachigen Liebesromanen, das von vielen mit abfälligen Attributen wie Kitsch oder Heftroman besetzt wird, in ein anderes Licht zu rücken, wurde Delia Verein zur Förderung der deutschsprachigen Liebesromanliteratur für Autoren und Autorinnen, gegründet deren Schriftführerin Rebecca Michele ist. Hatte die Vereinigung vor zwei Jahren gerade einmal zwölf Mitglieder, so sind es nun fast 40. Darin ist eine bunte Mischung organisiert, beispielsweise eine Juristin, eine Konditorin und eine Bankkauffrau. Allesamt haben sie eines gemeinsam: Liebesromane jedweder Couleur zu schreiben. Selbstverständlich sind dort auch Männer Mitglied. Kollegialität wird groß geschrieben. Geht es in einem historischen Roman beispielsweise um Dampfeisenbahnen, weiß jeder, wer dazu detaillierte Auskunft geben kann.

Als Delia in Meerbusch bei Düsseldorf zur ersten Liebeslesenacht geladen hatte, musste das Festival wegen des großen Interesses auf drei Tage ausgeweitet werden. Für den Herbst ist deshalb eine zweite Veranstaltungsreihe geplant. "Statt Liebesromane amerikanischer Autoren zu verschlingen, kann man ruhig auch mal zu einem deutschen Autor greifen. Wir schreiben genauso gut", gibt sich Rebecca Michele selbstbewusst.

Das Schreiben begleitet sie schon seit langem. "Ein Tagebuch habe ich nie geschrieben, meine Probleme oder Liebeskummer als Teenager aber in Geschichten verarbeitet", gesteht sie. In einer Jugendzeitschrift hat sie ihre erste Kurzgeschichte veröffentlicht und bei einem Zeitschriften-Wettbewerb prompt den ersten Platz erreicht. Irgendwann einmal hat sie dann auf Anraten von Freunde ihren ersten, großen Roman an viele Verlage geschickt. Zunächst kam zwar eine Absage nach der anderen, ein kleiner Verlag bekundete jedoch Interesse. Mit einigen Unterbrechungen hat sich die Sache dann weiterentwickelt und mittlerweile sind bereits sechs Liebesromane von ihr veröffentlicht. "Ich will das Interesse bei meinen Lesern wecken, sie unterhaltsam in die Geschichte mitnehmen mit ein bisschen Spannung. Letzteres geht dann oft in Richtung Mord und Intrigen", beschreibt die Autorin ihre Werke.

INFOWer mehr über die Autorin und ihre Bücher wissen möchte hat dazu im Internet unter www.rebecca-michele.de die Möglichkeit. Die nächste Lesung mit Rebecca Michele findet am Mittwoch, 29. Juni, im Katholischen Gemeindehaus in Oberboihingen statt.