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"Charta Oecumenica" Leitfaden der Ökumene

Glauben Christen an die eine heilige katholische und apos-tolische Kirche oder zukünftig an die heilige ökumenische Kirche? Das Gesprächsforum "Im Brennpunkt" der evangelischen Kirchengemeinde Oberlenningen und der katholischen Kirchengemeinde Lenningen hatte zum Vortrag über das Thema "Christentum in Europa" in das Julius-von-Jan-Gemeindehaus eingeladen.

ERIKA HILLEGAART

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LENNINGEN Die Dominanz der Wirtschaft in der EU beherrscht die Medien; die politische Gestaltung Europas ist ins Stocken geraten. Welche Rolle spielen die christlichen Kirchen im Prozess einer zukunftsfähigen europäischen Identität? Dr. Johannes Ehmann, Geschäftsführer des Arbeitskreises christlicher Kirchen in Baden-Württemberg, peilte in seinem Vortrag Antworten auf diese Frage an. Er skizzierte dabei die Entstehungsgeschichte der "Charta Oecumenica", das ist ein Grundsatzdokument für Dialog und Zusammenarbeit der Konfessionen in Europa. Diesen Leitfaden haben die Konferenz Europäischer Kirchen und der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen entwickelt.

Die Aufbruchsstimmung des konziliaren Prozesses, der Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung seit 1987 auf seine Fahnen geschrieben hatte, bekam nach den politischen Umbrüchen in Osteuropa neue Impulse. Diese "Euphorie wollte man auf den Boden bringen mit diesem Dokument", beschrieb der Referent das Papier mit verfassungsähnlichem Charakter. Die "Charta Oecumenica" habe zwar keinen lehramtlich-dogmatischen oder kirchenrechtlich-gesetzlichen Charakter, doch "ihre Verbindlichkeit besteht in der Selbstverpflichtung der europäischen Kirchen und ökumenischen Organisationen", zitierte der Referent. Sie sei die Basis für Gespräch und Zusammenarbeit.

Das Globalziel könne mit dem Artikel 1 des Grundgesetzes verglichen werden, nämlich für die Würde der Menschen als Ebenbild Gottes einzutreten. Zwölf Schritte führten auf den Weg zur Gemeinschaft der Kirchen in Europa. In diesen Etappen seien elementare Grundsätze der Verständigung und Versöhnung formuliert: Durch das Evangelium zur Einheit berufen gälte es, seinen Glauben zu bezeugen, aufeinander zuzugehen, um miteinander oder füreinander zu beten und gemeinsam zu handeln.

Eine gegenseitige Missionierung wird durch Selbstverpflichtung ausgeschlossen. Denn "Dialog setzt gegenseitigen Respekt voraus", eine These, die keine "ökumenische Schummelei" dulde. Vielmehr müsse man die eigene Position und die der anderen wirklich ernst nehmen. Politisch aktuell sei vor allem der Wunsch, Europa mit zu gestalten. Nur so könnte der Reichtum der Völker und Kulturen geachtet werden. Doch "ohne gemeinsame Werte ist die Einheit dauerhaft nicht zu erreichen ", ist in diesem Dokument festgeschrieben; "wir betonen die Ehrfurcht vor dem Leben, den Wert von Ehe und Familie, den vorrangigen Einsatz für die Armen, die Bereitschaft zur Vergebung". Einen Schwerpunkt in der Werteordnung sah der Vortragende im "gemeinsamen Einsatz für nachhaltige Lebensbedingungen für die gesamte Schöpfung". Die württembergischen Kirchen empfehlen deshalb einen "Tag der Schöpfung".

Zum geforderten Dialog mit dem Judentum und dem Islam vertrat Dr. Ehmann jeweils differenzierte Positionen. Die Gemeinschaft mit dem Judentum gälte es zu vertiefen, die Beziehungen zum Islam zu pflegen und in der Begegnung mit anderen Religionen bereit zu sein für das Gespräch mit allen Menschen guten Willens.

Bei einer sich anschließenden Diskussion in der recht kleinen Gesprächsrunde kam die Umsetzung vor Ort zur Sprache. Immer öfter kämen auf lokaler Ebene Gemeindepartnerschaften der christlichen Kirchen auf der Grundlage der "Charta Oecumenica" zustande mit den entsprechenden Selbstverpflichtungen. Der Referent fasste zusammen: erträgliches Zusammenleben inmitten von Konflikten erfordere offene Dialoge, in denen die Widerstände und das Fremde genau so benannt würden wie verbindende Gemeinsamkeiten.