Lokales

Chemische Keule zu teuer und nicht erwünscht

Der Kreisverband der Obst- und Gartenbauvereine in Person seines Vorsitzenden Ulrich Rieker hatte Alarm geschlagen, die Abgeordneten von Bund und Land kurzfristig auf den Pfingstsamstag auf die Obstplantage von Bernd Schmid in Notzingen eingeladen.

RUDOLF STÄBLER

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NOTZINGEN "Wir wissen, dass es sich bei unserer Einladung um den Pfingstsamstag handelt, aber eine Alternative war äußerst schwierig zu finden und das Anschauungsobjekt steht nicht unbegrenzt zur Verfügung" entschuldigte sich Rieker schon in seiner Einladung. "Wegen der Schädlinge im Obstbau sind wir auf ein besonderes Anschauungsobjekt in Notzingen aufmerksam geworden," erläutert der Vorsitzende des Kreisverbandes zum Anschauungsunterricht in freier Natur.

Der Frostspanner wurde als Übeltäter vorgestellt und was dieser bereits in diesem Jahr angerichtet hat war auf den dortigen Streuobstwiesen auch für Laien schnell zu sehen. Statt sattem grünem Blätterwald war viel Braun zu sehen, es schien als habe der Herbst bereits sein Werk getan. Dabei war "nur" der Frostspanner seiner liebsten Arbeit nachgegangen und ist auch noch jetzt dabei die Bäume kahl zu fressen.

Bei dem Frostspanner handelt es sich um einen Vertreter der Schmetterlinge und zählt zu der Familie der Spanner. Die Bezeichnung Spanner rührt von der spannerartigen Bewegung der Raupen her ("Katzenbuckel"). Die Flugzeit der Falter beginnt im Herbst etwa zu Zeiten der ersten Nachtfröste. Der Frostspanner ist ein bedeutender Schädling in vielen Kulturen (Ziersträucher, Zierbäume, Waldbäume, Obstbäume und beim Beerenobst), er kann somit durchaus als polyphag bezeichnet werden. Die Inhaltsstoffe von Pfirsichen sind für die Raupe unverträglich, sodass es hier zu keinerlei Fraßschäden kommt. Der auftretende Schaden bei den anderen Bäumen wird durch den Fraß an Knospen, Blättern, Blüten sowie Früchten hervorgerufen. Die Schäden können durchaus erheblich sein, sodass eine zumindest vorbeugende Bekämpfungsmaßnahme (Leimring) durchaus grundsätzlich angeraten werden kann.

Doch bereits da machen sich die Widersprüche deutlich. Ein Leimring kostet, so Kreisfachberater Albrecht Schützinger fünf Euro und dies sei gerade mal der Preis, den die Besitzer von Streuobstwiesen für einen Doppelzentner Obst erhalten würden mussten sich die beiden einzigen der Einladung gefolgten Politker, MdB Michael Hennrich und sein CDU-Parteikollege MdL Karl Zimmermann, von den Obstbauern anhören. Auch ein Spritzen kommt für die Grundstücksbesitzer kaum in Frage. Haben diese nämlich Verträge mit den Obstabnehmern (zur Saftherstellung), darf nicht mit der chemischen Keule gearbeitet werden.

Auch zur Biologie dieser Tiere konnte man einiges erfahren. So krabbeln die nicht flugfähigen weiblichen Tiere an einem Baum empor. Dort erfolgt dann die Begattung durch die nachtaktiven männlichen Falter; tagsüber sitzen diese passiv an Wänden oder Zäunen. Das Weibchen legt dann, zum Beispiel in Rindenvertiefungen einzeln ihre 100 bis 200 Eier ab, die dann überwintern. Im Frühjahr, etwa zum Zeitpunkt des Knospenausbruchs erfolgt der Schlupf der kleinen Raupen, die sofort mit ihrer zerstörerischen Fraßtätigkeit beginnen. Zu diesem Zeitpunkt kommt es auch durch eine Windverbreitung der Tiere sie hängen hierbei meist an einem seidigen Faden zu einer Ausweitung des Befalls. Auch später können sie sich zwischen den Blättern oder innerhalb von Blütenbüscheln einspinnen und ihre für die Obstanbauer verheerende Freßtätigkeit fortsetzen. Auch Früchte werden noch angefressen, die dadurch einen bitteren Geschmack bekommen und nicht mehr genießbar sind.

Bei der Begehung des befallenen Gebietes haben sich natürlich auch "alte" Kenner der Obstbaumszene eingefunden. Die freilich sehen nicht nur in dem Schädling das Ende des Streuobstbaues deutlich vor sich. Niemand hat mehr Interesse, wird bemängelt, und es erfolgt fast von niemand mehr eine ordentliche Bewirtschaftung der Streuobstwiesen. "Wir haben doch keine Rendite mehr", war an die Adresse der Politiker gerichtet. Albrecht Schützinger hat allerdings auch ganz natürliche Gründe für den hohen Befall ausgemacht. "Es war die vergangenen Jahre viel zu trocken und zu heiß und das unterstützt den Befall." Außerdem fehlt den alten Bäumen eine Düngung, macht der Fachmann klar.