Lokales

"Chinesenbärte" und "Striptease" im Wald

Am 26. Dezember 1999 hinterließ Orkan "Lothar" im Dettinger Wald ein Bild der Verwüstung. Wie sich die Schäden seither auf Holzwirtschaft, Wild, Tier- und Pflanzenwelt ausgewirkt haben, beleuchteten Forstrevierleiter Karl-Hans Sablowsky und Werner Schaufler von der Dettinger Jagd bei einer Führung des NABU.

DETTINGEN Karl-Hans Sablowsky zufolge waren 20 000 Festmeter Holz "Lothar" zum Opfer gefallen, 40 Hektar des Dettinger Waldes waren betroffen. Bei der Neupflanzung wurden neben den Hauptholzarten auch Vogelbeere, Elsbeere und Speierling eine alte heimische Baumart gepflanzt. Deutlich häufiger im Dettinger Wald sind seit "Lothar" Tiere wie Eidechse und Ringelnatter, da sich eine andere Biotopstruktur entwickelt hat.

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In Dettingen wurde viel Wert auf Naturverjüngung gelegt. Allerdings machen großflächige und schnell wachsende Brombeerbestände es den Jungpflanzen schwer "hochzukommen". Daneben haben die Förster darauf geachtet, Totholz liegenzulassen, um Insekten und Pilzen eine Lebensgrundlage zu geben. Auf die Frage, warum insbesondere Buchen von "Lothar" verschont wurden, hatte Sablowsky eine einfache Erklärung: Sie waren am 26. Dezember unbelaubt und boten dem Wind weniger Angriffsfläche. Auch auf die Frage, welche Eichenarten heimisch sind, gab es fachkundige Auskunft: Trauben-, Stiel- und Roteiche.

Zu sehen gab es zudem "Chinesenbärte". So werden die vor allem an Buchenstämmen sichtbaren Zeichen von Ästen genannt, die in jungen Jahren des Baumes vorhanden waren. An der Steilheit des "Chinesenbartes" erkennen Fachleute, wie tief der Altastansatz liegt. Daraus können sie schließen, wie "astig" das Nutzholz ist.

Sablowsky wies auf die Bedeutung von Rückegassen hin. Der Einsatz von Fahrzeugen ist für manche Waldbewohner nützlich. So werden durch die im Waldboden erzeugten Fahrrinnen oft Kleinbiotope in Form vom Kleinstgewässern geschaffen, in denen etwa seltene Gelbbauchunken ihr Domizil haben. Daneben finden sich Berg- und Teichmolche.

Werner Schaufler übernahm den Part der Dettinger Jagd: Er berichtete über Waldweidenröschen als Weiserpflanzen für den Rehbestand. Wo sie unverbissen zu finden sind, ist der Bestand in Ordnung. Dettingen liegt im "grünen Bereich". Auf Grund guter Biotopvoraussetzungen und der Art der Bejagung hinterlässt der Rehwildbestand keine zu hohen Verbissschäden an den Jungpflanzen. Dem Wild brachte "Lothar" einen Verlust von rund einem Drittel. Thema waren auch Wildschweine: Schaufler berichtete von ihrem großen Aktionsradius und der damit verbundenen schwierigen Bestimmung der Anzahl im Dettinger Wald. Die Tiere verursachen Flurschäden, weil sie auf der Suche nach Eiweiß sind und dies in Form von Larven und Engerlingen auf den Wiesen ausgraben.

Zum Thema Jagd führte er aus, dass nach den Aufräumarbeiten auf den Kahlflächen Dickichte entstanden sind, die Äsung und Deckung für die Tiere des Waldes bieten. Weiter wurden dort in Zusammenarbeit von Forst und Jagd Wildäsungsflächen angelegt. Im Einvernehmen mit den Waldbesitzern und auf Empfehlung des Försters werden Rehe in erster Linie dort bejagt, wo sie Schäden anrichten könnten, also auf den heranwachsenden Kulturflächen.

Einer der Hauptprofiteuere von "Lothar" war der Borkenkäfer. Er ist im Gegensatz zu Nutzholzkäfern am braunen Bohrmehl zu erkennen, da er nicht am Stammholz, sondern in der Rinde seine Gänge frisst. Sablowsky zeigte anhand einer Beispielfläche, dass die Naturverjüngung derzeit auf einem Hektar rund 270 000 Pflanzen hervorbringt. Die "normale" Zielgröße in einigen Jahren liegt bei rund 400 Pflanzen. Allein auf einem Quadratmeter finden sich 27 Pflanzen aus vier Nadelbaumarten. Hier ist in den nächsten Jahren die entsprechende Pflege erforderlich.

Ließ sich früher mit Waldwirtschaft gut verdienen, so bleibt derzeit durch die teure Pflege der Naturverjüngung und durch das fehlende Holz bestenfalls eine schwarze Null. Abschließend überraschte Sablowsky an einem Waldweg damit, dass hier vor kurzem "Striptease" stattgefunden habe so heißt im Fachjargon die maschinelle Entrindung der Stämme im Wald.

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