Lokales

CONTRA

Musiknacht, Weindorf, Mitternachtsshopping, Open- Air-Kino . . . zum modernen Stadtmarketing gehört es, Menschen rund ums Jahr, unabhängig von Brauchtum oder Kirchenfesten, in die Stadt zu locken. In Kirchheim gelingt dies hervorragend. Die Stadt ist proppenvoll, sobald die Konsumtempel ihre Pforten außerhalb üblicher Rahmen öffnen, und wenn dann auch noch der Wettergott mitspielt, steppt der Bär. Das ist gut so.

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Warum also das Besondere zum ganz und gar Alltäglichen machen? Warum den Innenstadtbewohnern noch ein Stück von der kostbaren Wochenendruhe abschneiden? Beileibe nicht jeder kann die verlorene Stunde Schlaf so einfach vormittags dranhängen: Viele ruft die Pflicht des Brötchenverdienens, andere werden von schreienden Kleinkindern geweckt, oder rumpelnde Lieferwägen reißen sie zur Unzeit aus dem Schlaf. Für sie alle ist jede Nachtstunde ein überaus wertvolles Gut, sie haben sich die Ruhe verdient.

Wo soll überhaupt die Grenze gezogen werden? Wer bis 23 Uhr noch nicht genug gehockt, geschwatzt, getrunken hat, wieso sollte der um 24 Uhr heimgehen wollen? Es gibt immer Menschen, die kein Ende finden. So mancher bleibt halt, bis ihn jemand heimschickt.

Dabei hat das schon bisher keiner getan. Wer fünf vor elf noch sein Bier ordert, darf in Ruhe austrinken. Die „Höchststrafe“ besteht darin, vom besorgten Wirt ins Innere getrieben zu werden. Zu Hause feiert man ja auch nicht bis in die Puppen auf dem hellhörigen Balkon. IRENE STRIFLER