Lokales

"Damit das Klima in unserer Gesellschaft wieder wärmer wird"

Viele Ehrenamtliche spenden den Menschen, die in den Heimen betreut und gepflegt werden, Zeit und Zuwendung. Dieses bürgerschaftliche Engagement zu fördern und zu stützen ist Ziel der Stiftung "Zeit für Menschen".

ANNELIESE LIEB

Anzeige

NÜRTINGEN Die gestiegene Lebenserwartung hat in den zurückliegenden Jahren dafür gesorgt, dass immer mehr alte und kranke Menschen Hilfe und Betreuung benötigen. Gleichzeitig haben sich aber auch die ökonomischen Rahmenbedingungen verändert. Den professionellen Kräften bleibt weniger Zeit für Zuwendung. Freiwilliges Engagement wird immer wichtiger. Doch auch Ehrenamt muss finanziert werden und deshalb hat die Samariterstiftung, die in ihren 31 Einrichtungen in Württemberg 3750 alte, behinderte und psychisch kranke Menschen betreut, die Stiftung "Zeit für Menschen" gegründet. Auch Unternehmen unterstützten die neuen Ansätze für den Umbau des Sozialstaates.

Die Haushaltsplanberatungen in Städten und Gemeinden, auf Kreis- und Landesebene haben es erneut gezeigt: Die finanziellen Mittel im sozialen Bereich schrumpfen. Gleichzeitig steigt aber der Bedarf an pflegerischer Hilfe und Zuwendung für kranke und alte Menschen. "Zeit wird auch in den Einrichtungen der Samariterstiftung zu einem immer wichtigeren und kostbaren Gut", sagt Dr. Hartmut Fritz, Vorstandsvorsitzender der Samariterstiftung. Schon jetzt spenden viele Ehrenamtliche den Menschen, die in den Heimen betreut und gepflegt werden, Zeit und Zuwendung. Dieses bürgerschaftliche Engagement zu fördern und zu stützen ist Ziel der Stiftung.

Auch Unternehmen und Politiker aus dem Nürtinger Raum haben sich mit weiteren 35 Unternehmen, Politikern und Privatpersonen zusammengefunden und im April die Stiftung "Zeit für Menschen" gegründet. Mit von der Partie sind die Firmen Greiner bio-one, Heller, Metabo, IST, das Autohaus Russ und die Landesbank Baden-Württemberg. Sie unterstützen die Initiative der Samariterstiftung, die professionelle Arbeit in den Heimen und Einrichtungen noch stärker als bisher durch Bürgerengagement zu ergänzen. Gleichzeitig wollen sie aber auch ein sozialpolitisches Zeichen setzen.

Bei einer Pressekonferenz bei der Firma Greiner bio-one in Frickenhausen erläuterten die Firmenvertreter ihre Beweggründe. Man ist sich einig, das das soziale Netz nur dann tragfähig bleiben wird, wenn sich alle gesellschaftlichen Gruppen, also auch Unternehmen, gemeinschaftlich dafür verantwortlich fühlen.

"Nicht jammern, sondern aktiv werden", ist auch für Eberhard Russ vom gleichnamigen Nürtinger Autohaus wichtiger Bestandteil der Firmenphilosophie. Eberhard Russ weiß aus seinem familiären Umfeld, wie wichtig die Zuwendung für kranke und alte Menschen ist. Seine älteste Tochter ist Kranken- und Altenpflegerin und eine betagte Mutter braucht ebenso Betreuung wie die schwerstbehinderte Schwester. Mit der Unterstützung der Stiftung möchte das Autohaus dazu beitragen, "dass das Klima in unserer Gesellschaft wieder wärmer wird."

Warum engagiert sich ein international tätiges Unternehmen wie Greiner bio-one in der Stiftung? "Der wirtschaftliche Erfolg hängt nicht nur von den eigenen Leistungen ab, es müssen auch die Rahmenbedingungen für ein funktionierendes soziales Miteinander stimmen", betont Wolfgang Hock von Greiner bio-one, der als Stiftungsratsmitglied die Initiative von Anfang an mitgetragen hat. "Wir übernehmen gesellschaftliche Verantwortung und wollen damit nach innen und außen ein Zeichen setzen." Schon seit Jahren arbeite das Unternehmen als Auftraggeber auch mit Behindertenwerkstätten zusammen.

Francesco Nanni, Direktor der Landesbank in Nürtingen, ist Ausschussmitglied im Förderverein Dr. Vöhringer-Heim und hat als Gründungsvater die Stiftung "Zeit für Menschen" mit ins Leben gerufen. "Eine vorbildliche Idee", sagt Nanni. Auch als Bankhaus müsse man sich den gravierenden Veränderungen in der Arbeitswelt und im sozialpolitischen Bereich stellen.

Die Firma IST in Zizishausen unterstützt seit Jahren soziale Einrichtungen mit Geldspenden. Dr. Armin Beying, den neuen Geschäftsführer von IST, hat der integrative Ansatz beeindruckt, den die Stiftung verfolgt. Durch das Engagement erhoffe man sich auch Vorteile für das eigene Unternehmen: "Mitarbeiter können durch ihr Engagement im sozialen Bereich mehr Verantwortung für sich und andere nach innen und außen übernehmen."

Zu den Gründungsstiftern gehören auch die SPD-Landtagsabgeordnete Carla Bregenzer und der FDP-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Dr. Ulrich Noll. "Wir müssen ein Netzwerk aufbauen und Menschen, die unsere Hilfe brauchen wieder in unsere Mitte nehmen", betont Bregenzer. Auch Dr. Noll ist begeistert von der Idee, dass Ehrenamtliche die professionellen Kräfte unterstützen. Wichtig sei aber gleichzeitig, dass bei den Hauptamtlichen nicht der Eindruck entstehe, man wolle sie ersetzen und ihre Arbeitsplätze wegrationalisieren. Ziel müsse ein gemeinsames Miteinander sein.

Ein Schwerpunkt der Stiftung, so Otto Haug, Referent für Kommunikation und Gesellschaft bei der Samariterstiftung, werde beispielsweise die Schulung der etwa 1 000 ehrenamtlichen Kräfte sein. Ein Ziel liegt aber auch im Knüpfen von Netzwerken. Funktionierende Kooperationen gebe es jetzt schon mit der Fachhochschule für Kunsttherapie, der Albert-Schäffle-Schule oder der Kreissparkasse. Schüler und Auszubildende engagieren sich in den Heimen und schenken den alten und pflegebedürftigen Menschen Zeit und Zuwendung. An Netzwerk-Ideen mangelt es den kreativen Köpfen der Samariterstiftung nicht.

Das Startkapital der Stiftung, 40 000 Euro, hat sich inzwischen verdoppelt. Man hofft, dass auch im Nürtinger Raum noch mehr Firmen dazu beitragen, die Stiftung erfolgreich zu machen.