Lokales

Damit Kerzen nicht stumm mahnen müssen

Immer, wenn Kindesmisshandlungen oder gar Tötungen die Schlagzeilen des Blätterwaldes bestimmen, wird der Ruf nach mehr Kinderschutz laut. Im Landkreis Esslingen wird das Thema schon lange ernst genommen. Mit einem breiten Netzwerk und einem guten Beratungsangebot für junge, belastete Familien versuchen die sozialen Dienste des Kreises gemeinsam mit freien Trägern der Jugendhilfe zu verhindern, dass es zum Schlimmsten kommt. Bislang mit Erfolg.

RICHARD UMSTADT

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KREIS ESSLINGEN Es ist Freitagvormittag, 12. Oktober 2007: der Sozialdienst des Krankenhauses in Ostfildern-Ruit informiert den Sozialen Dienst des Landkreises über die Geburt eines Jungen, der um 2 Uhr nachts das Licht der Welt erblickte. Gespräche im Krankenhaus ergaben, dass die 20-jährige Mutter die Schwangerschaft zwar wahrgenommen, aber verdrängt hatte. Sie und ihr 24-jähriger Freund hatten keinerlei Vorbereitungen getroffen und die 20-Jährige hatte auch keinen Frauenarzt besucht. Obwohl sie ihr Freund einige Stunden zuvor in die Klinik gebracht hatte, war er zum Zeitpunkt der Geburt nur schwer erreichbar. Als er schließlich gemeinsam mit der Schwester der jungen Mutter und deren Freund ins Krankenhaus kam, waren er und der Freund der Schwester angetrunken. Bei der Geburt störten sie durch blöde Witze und dumme Bemerkungen. Die Geburt verfolgten die Männer wie ein spannendes Live-Event. Niemand war emotional beteiligt, selbst die Mutter nicht. Sie schlief bald darauf ein, was sehr ungewöhnlich ist.

Auch am Vormittag des 13. Oktober fühlte die junge Mutter keine Beziehung zu ihrem Baby. Eine Idee für einen Namen hatte sie nicht. Erst tags darauf teilte der Vater den Namen Fabian mit. Doch die 20-Jährige wollte Fabian nicht stillen und nahm den Kleinen auch nicht in die Arme. Nur einmal schaute sie völlig teilnahmslos beim Wickeln ihres Sohnes zu. Gegen den ärztlichen Rat hatte sich die 20-Jährige am Tag nach der Geburt selbst entlassen. Fabians Verbleib kümmerte sie offensichtlich nicht.

Dem Sozialen Dienst teilte sie mit, dass sie im Moment das Kind noch nicht versorgen könne, weil sie und ihr Freund erst am 1. November in eine gemeinsame Wohnung ziehen würden. Bis dahin stimmte sie zu, dass der Kleine in eine Pflegefamilie kommt.

Ende Oktober zog die junge Frau ihre Zustimmung zurück. Sie wollte den Jungen Anfang November zu sich nehmen. Dies verweigerte ihr jedoch der Soziale Dienst. Er befürchtete aufgrund des Verhaltens der Mutter während der Schwangerschaft und vor allem nach der Geburt, dass Fabians Wohl bei den Eltern hochgefährdet sein würde und er nur unzureichend versorgt und emotional vernachlässigt werden könnte. Der Soziale Dienst stellte deshalb einen Antrag beim Familiengericht, das Kind bei der Pflegefamilie zu belassen. Dem entsprach das Gericht per einstweiliger Anordnung und übertrug das Sorgerecht auf das Kreisjugendamt.

In diesem Fall reagierte der Soziale Dienst der Klinik Ruit sofort und zum Wohle des Kindes. Deshalb ist das Sozialdezernat des Landkreises bemüht, möglichst viele Stellen für das Thema zu sensibilisieren. "Wir sind darauf angewiesen, dass Menschen hinsehen und sich melden", sagt Dieter Krug, Sozialdezernent im Landratsamt Esslingen. Das können Freunde oder Verwandte sein, Nachbarn, Kindergärtnerinnen, Lehrer, Hebammen oder Ärzte. Rund 200 Hinweisen pro Jahr geht das Kreisjugendamt nach. Etwa 100 Mal jährlich müssen die sozialpädagogischen Fachkräfte beim Landkreis Kinder und Jugendliche aus ihren Familien herausnehmen und anderweitig unterbringen. Dafür halten die Bereitschaftspflegestellen des Vereins Jugendhilfe Esslingen sowie die Inobhutnahmegruppe Esslingen und Kurzzeit- oder Not-Pflegefamilien genügend Plätze bereit.

Klopfen die Mitarbeiter des Sozialen Dienstes an die Haustür, "kann bei Kriseninterventionen auch die Polizei mal mit dabei sein", sagt Edmund Feth, der Leiter des Amtes Soziale Dienste und Psychologische Beratung im Landratsamt. Oft sind die Eltern, ist der Vater oder die Mutter, nicht mit dem Vorgehen der Behörde einverstanden. Dann ruft der Soziale Dienst wie im beschriebenen Fall das Familiengericht an, das über den Verbleib des Kindes letzten Endes entscheidet.

Wie die oben genannten Zahlen zeigen, läuft nicht jeder Hinweis auf eine Inobhutnahme eines Kindes oder Jugendlichen hinaus. Vielfach kann auch bereits durch das breit gefächerte Beratungsangebot des Landkreises und der freien Träger für die Eltern die Situation entschärft werden. Bevor ein gefährdetes Kind vom Kreisjugendamt aus einer Familie herausgeholt wird, versuchen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer, gemeinsam mit den Eltern eine Lösung des Problems zu finden. Das Jugendamt überprüft aber auch, ob Eltern die besprochenen Hilfen in Anspruch nehmen. Entsprechende Informationen erhält die Behörde ebenso von freien Trägern der Jugendhilfe, sollten die Eltern nicht zum Wohle des Kindes mitarbeiten. "Die Inobhutnahme ist immer das letzte Mittel", sagt Sozialdezernent Dieter Krug.

Damit aber das Kind erst gar nicht in den Brunnen fällt, knüpfte der Landkreis gemeinsam mit freien Trägern der Jugendhilfe wie etwa der Paulinenpflege sowie dem Wächterheim in Kirchheim, der Stiftung Jugendhilfe aktiv in Esslingen und der Kinder- und Jugendhilfe Neuhausen und weiteren Einrichtungen ein engmaschiges Netz an Hilfsangeboten für mit der Kindererziehung überforderte Familien und Alleinerziehende. Aus dem Pilotprojekt Friz im Scharnhäuser Park gingen landkreisweit elf Erziehungshilfestationen mit fast 400 Plätzen hervor, die Familien tagsüber flexible und passgenaue Kinderbetreuung anbieten. "Damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht", sagt Edmund Feth.

Junge Eltern mit Kindern bis zu drei Jahren will der Kreis mit dem Projekt Proaktive Hilfen für junge Familien, kurz ProjuFa genannt, ansprechen. Ziel von ProjuFa ist es, die frühkindliche Entwicklung besonders zu fördern. Vier Teams in Kirchheim, Nürtingen, Filderstadt und Esslingen betreuen belastete Familien. Mitarbeiterinnen der Psychologischen Beratungsstellen sowohl des Landkreises als auch der freien Träger sind mit eingebunden und für die Betroffenen in den Bezirken ansprechbar.

Seit März 2007 sind ebenso Familienhebammen für das Team im Einsatz, um unter dem Stichwort "erweiterte Geburtennachsorge" junge, noch unsichere Mütter und Väter zu unterstützen.

Ein weiterer Fall aus der Praxis belegt die Notwendigkeit von ProjuFa: Eine junge Familie lebt erst seit einem Jahr in Deutschland mehr oder weniger isoliert und muss mit Arbeitslosengeld II auskommen. Die Verantwortung für Frau und Kind belastet den Mann nicht zuletzt aufgrund einer psychischen Erkrankung. Die junge türkische Mutter spricht und versteht die deutsche Sprache nicht sehr gut. Auch sind beide Elternteile noch sehr unsicher im Umgang mit dem Neugeborenen, sie haben viele Fragen. Schon frühzeitig, zum Ende der Schwangerschaft, vermittelte der Esslinger Verein zur Förderung einer sozialen Psychatrie die Familie an ProjuFa. Die Betreuung durch eine Hebamme direkt im Anschluss an den Klinikaufenthalt nach der Geburt wurde von der Familie dankbar angenommen. Durch die erweiterte Geburtennachsorge, einem Angebot von ProjuFa, war es möglich, dass die Familie weiterhin von der Hebamme begleitet und unterstützt werden konnte. Zwischenzeitlich sind die jungen Eltern sicherer im Umgang mit dem Kind und dessen Versorgung. Durch die Mithilfe einer Türkin, die zwischen Hebamme und der Mutter dolmetschte, konnte auch das Sprachproblem erfolgreich gelöst werden.

Der Zugang zur erweiterten Geburtennachsorge, einem erfolgreichen situationsgerechten Präventionsangebot für junge Familien, erfolgte in anderen Fällen über die Geburtskliniken, Schwangerenberatungsstellen und andere Fachdienste. Mit dem Ziel, die elterliche Beziehungs- und Erziehungskompetenz zu stärken und zeitnah und unbürokratisch auf Bedürfnisse von Familien zu reagieren, trägt ProjuFa mit seinen Angeboten zu einer wirksamen Vorbeugung gegen Vernachlässigung und Misshandlung bei.

"Wir sind mit dem Projekt schon relativ weit", freut sich Sozialdezernent Dieter Krug. ProjuFa wird gefördert durch den Kommunalverband für Jugend und Soziales Baden-Württemberg.