Lokales

"Dancing Queens" und der innere Sauhund

Etwa sechs Millionen Bundesbürger leiden an Diabetes-Typ-2 und die Zahl wird bis zum Jahr 2010 auf zehn Millionen ansteigen, vermutet das "Nationale Aktionsforum Diabetes mellitus". Eine der Hauptursachen dafür ist zu wenig Bewegung und das damit einhergehende Übergewicht. Der VfL Kirchheim bietet spezielle Kurse für Betroffene an.

ALEXANDRA BOGER

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KIRCHHEIM Was vielleicht irgendwann mit dem Zählen von Kalorien anfing, endet im Alter mit dem Zählen von "BEs". Während die Kalorien oft als lästige Nebenerscheinungen süßer oder fettiger Leckereien auf Bauch oder Po landen, birgt die Maßeinheit "BE" eine große Gefahr für Menschen, deren Kohlenhydratstoffwechsel, also die Regulation des Zuckerpegels, geschädigt ist.

Der Diabetes, auch Zuckerkrankheit genannt, äußert sich in verschiedenen Typen, wobei Typ 2 den Löwenanteil von über 90 Prozent ausmacht und vorwiegend bei Personen ab 40 Jahren auftritt. Bei 80 Prozent der Betroffenen geht die Krankheit mit Übergewicht einher, wobei auch genetische Faktoren ausschlaggebend sind. Eine Heilung ist bislang noch nicht möglich. Patienten können der Krankheit zunächst mit der Umstellung der Ernährung Herr werden, was das Zählen der Brot- oder Berechnungseinheit (BE) des kompletten Speiseplans und das Messen des Blutzuckerwertes zur Folge hat. Mit Medikation, entweder in Tablettenform oder über das Spritzen von Insulin, kann der Blutzuckerspiegel reguliert werden, doch einer der wichtigsten Faktoren für eine Besserung oder Vorbeugung ist die Bewegung.

Die "Deutsche Diabetes Union" beschreibt in ihrer Untersuchung zum "Weltdiabetestag 2005" eine Studie aus Finnland, die besagt: "Wer mehr als eine halbe Stunde mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt oder zu Fuß geht, kann sein Risiko, einen Diabetes zu entwickeln, um 36 Prozent verringern. Körperliche Anstrengung bei der Arbeit und/oder in der Freizeit senken dieses Risiko noch einmal um jeweils etwa 30 Prozent."

Leiterin Marianne Wowra und ihre "Diabetiker-Sportgruppe" des VfL Kirchheim machen sich diese Tatsache schon seit Beginn des Jahres zunutze. Zweimal pro Woche treffen sich Betroffene des Diabetes-Typ-2 in der Gymnastikhalle der Freihof-Realschule. Die Übungen sind den Belangen der Betroffenen angepasst, da die Krankheit oft Nebenerscheinungen wie Bluthochdruck und somit ein Herzinfarkt- oder Schlaganfall-Risiko mit sich bringt.

Obligatorisch beginnt jede Stunde mit allgemeinem Piepsen der Blutzuckermessgeräte und dem Notieren der Werte für den Vorher-Nachher-Effekt. Auf "Abba"-Rhythmen wärmen sich "Dancing-Queens und -Kings" auf, indem sie abwechselnd Gliedmaßen ausschütteln und in den Knien federn. Obwohl der Altersdurchschnitt über 50 Jahre liegt, sind die Stunden spielerisch gestaltet. So ist zum Beispiel der kleine Geräteparcours mit einem rechnerischen Würfelspiel-Stopp angereichert. Auch entschärfte und modifizierte Versionen von Völkerball oder "Reise nach Jerusalem" stehen auf dem Programm: So gilt es in zwei Gruppen geteilt, je auf einer Seite der Halle möglichst alle Schaumstoffbälle auf die gegnerische Seite zu werfen. Ganzheitlich trainieren die Übungen auch Koordination und Aufmerksamkeit, während die Teilnehmer zur Musik durch die Halle laufen und auf Pausenknopf-Druck mit dem nächstgelegen bunten Ball die Übung ausführen müssen, die dessen Farbe zugeordet ist: prellen, von Hand zu Hand werfen und durch die Beine bugsieren.

Meditatives zur Entspannung, Gymnastisches für die Gelenke und Buntes für den Spaß so sehen die Stunden mit Marianne Wowra aus. Dass das keine einfache Sportstunde ist, ergibt sich aus zwischenzeitlichen Kommentaren der Akteure: "Dann kann ich nachher glatt nochmal was essen." Wie viel und was, zeigt sich im Nachher-Test: Wieder piepsen die Zuckermessgeräte. Viele Werte sind nach unten gegangen, doch bei einigen hat die Bewegung erst recht zum Anstieg geführt, was auf zu wenig regelmäßige Betätigung schließen lässt. Der normale Wert des Zuckers im Blut beträgt zwischen 80 und 120 mg/dl.

Der 54-jährige Werner Otterbein, für den die Diagnose ein einschneidendes Erlebnis war, hat in den letzten zwei Jahren 45 Kilo abgenommen. Sein Wert ist in dieser Stunde von 112 mg/dl auf 92 mg/dl gesunken. Anita Maier schwört mit ihren 67 Jahren auf die Bewegung als ultimativen Blutzuckersenker, was ihr in diesem Fall ein Vorher/Nachher von 182/157 brachte. Ursula Ketterer sieht die Veränderung nicht nur auf dem Display: "Ich fühl mich insgesamt wohler und beweglicher. Bewegung ist für alles gut." Auch ein Resümee für die ganze Gruppe kann die 65-Jährige ziehen: "Manche sind früher kaum durch die halbe Halle gekommen. Heute machen alle mit. Mann muss nur seinen inneren Sauhund überwinden."