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Dank Können und Faible für chinesisches Essen auf dem ersten Platz

LENNINGEN/BISSINGEN "Seit Tagen schläft Daniela nicht mehr gut", verrät Volker Reichle mit einem leicht frechen Grinsen im Gesicht, in der Stimme schwingt jedoch unverkennbarer Stolz mit.

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IRIS HÄFNER

Kein Wunder, denn Daniela Weber aus Unterlenningen absolvierte in seinem Betrieb in Bissingen die Ausbildung zur Graveurin. Dank ihrer Leistung in der Gesellenprüfung wurde sie Landessiegerin und nimmt nun scharf Kurs auf den Bundeswettbewerb. Auch dabei räumt Chef Volker Reichle ihr gute Chancen auf den Sieg ein. "Wir drücken ihr jedenfalls fest die Daumen, dass sie nochmals aufs Siegertreppchen kommt", erklärt er.

Bevor Daniela Weber sich für diese spezielle Ausbildung bewarb, wusste sie recht wenig über diesen Beruf. "Für mich stand jedoch von Anfang an fest, dass ich nie in ein Büro will", erzählt die erfolgreiche Junghandwerkerin. Schon der kurze Lebenslauf zeugt von Flexibilität. Nach der Hauptschule besuchte sie zwei Jahre die Hauswirtschaftsschule in Nürtingen, um den Realschulabschluss zu bekommen. Danach drückte sie nochmals für ein Jahr die Schulbank in Kirchheim im Berufskolleg Technik und Medien. "In dieser Zeit hatte ich den ersten Kontakt mit CNC-Fräsen und einer Werkstatt. Außerdem habe ich im Fach Mediengestaltung am PC Bilder bearbeitet und auf grafischem Sektor Werbung hergestellt", beschreibt die 21-Jährige ihre schulische Ausbildung. Schon während dieser Zeit hatte sie dank eines Zeitungsartikels im Teckboten von der Bissinger Firma Reichle CNC-Graviertechnik erfahren und bei einem Praktikum erste Eindrücke über Handwerk, Chef und Kollegen gesammelt. Schon seit geraumer Zeit ist die Bissinger Firma für ihre gute Ausbildung bekannt, heimsen ihre Auszubildenden erste und vordere Plätze beim Bundeswettbewerb ein.

Spricht Daniela Weber über ihren Beruf, ist ihr anzumerken, dass die Begeisterung nicht gespielt sein kann. "Ich wollte schon immer handwerklich arbeiten, am liebsten zeichnerisch oder gestalterisch", sagt die Unterlenningerin. Dies alles kann sie nun in ihrem Beruf verwirklichen. Viele Formen wie etwa Buchstaben, Zahlen oder Firmenlogos gibt es zwar in normierter Vorlage, doch immer wieder kommen Aufträge, die nicht nur handwerkliches Geschick sondern auch Kreativität von den Mitarbeitern fordern. Die ganze Palette ihres Berufswissens konnte Daniela Weber in ihrem Gesellenstück zeigen. Im Gegensatz zu den vorherigen Auszubildenden im Betrieb liebt es die aufgeweckte Frau großzügig. Statt eines schnuckligen Handys für dies hatte sich beispielsweise einer ihrer Vorgänger bei der Firma Reichle entschieden und den Bundessieg errungen war es bei ihr ein stattliches Werbeschild für ein China-Restauant namens "Goldener Drache". Die Maße: etwa 180 mal 60 Zentimeter, zuzüglich stilechtem Bambusgestell und einem Grabstein als Standfuß; das Gewicht schätzt Daniela Weber zwischen 35 und 40 Kilo.

Nachdem der Entwurf in der Berufsschule in Pforzheim vorgestellt und abgesegnet war, ging die Unterlenningerin ans Werk. Für die Gesellenstücke gab es keine Vorgabe, die meisten Azubis entschieden sich jedoch für Prägestempel oder Schild. "Nach dem letzten Schultag hat man zwischen zwei und drei Wochen Zeit, das Gesellenstück herzustellen. Allerdings darf man nicht länger als 60 Stunden daran arbeiten", erklärt die frisch gekürte Graveurin. Die Idee für das Werbeschild war schnell geboren. "Zum einen esse ich gerne chinesisch, dann hat mir mein Entwurf des Drachenkopfes gut gefallen und zum anderen konnte ich auch mit der Schrift spielen", begründet die 21-Jährige ihre Entscheidung.

Die Gesellenprüfung hat auch einen theoretischen Teil. Dieser fand über drei Tage bereits im Sommer statt. Zwei Mal im Jahr müssen die angehenden Graveure zwischen fünf und acht Wochen während ihrer dreijährigen Lehrzeit im Blockunterricht die Schulbank in Pforzheim drücken, der einzigen Berufschule für Graviertechnik in Baden-Württemberg. Neben den üblichen Fächern wie Deutsch, Gemeinschaftskunde oder Mathematik gibt es die berufsspezifischen Sparten. "Man lernt dort mit Feder und Tusche zu schreiben, hat Wappenkunde und weiß dann, was es mit den heraldischen Farben auf sich hat", erzählt Daniela Weber.

Zu Beginn ihrer Ausbildung durfte sie im Betrieb bei den Einstellungen der Maschinen zuschauen und dann mit "so kleinen Sachen wie Probeschildchen mit meinem Namen und Adresse" erste Schritte wagen. "Dann hat sich das Ganze immer mehr gesteigert", erinnert sich die Handwerkerin. Die Fertigung von einem 600-Kilo-Block bis zur kleinen Modellbahn-Form hat eines gemeinsam: akkurates Arbeiten auf den Zehntel-Millimeter auch von Hand. Wichtige Hilfe dabei ist der Pantograf, der aus sechs Leisten besteht, die über ein ausgetüfteltes System miteinander über Gelenke verbunden sind. Übersetzt aus dem Griechischen bedeutet Pantograf Allesschreiber. Daniela Weber und ihre Kollegen benutzen dieses Gerät, um Zeichen, die in der Regel als Schablonen vorliegen, entweder maßstabgerecht zu verkleinern oder was jedoch weit weniger vorkommt zu vergrößern. Dies alles geschieht wie einst von Hand. Neben dem Gespür für das Material ist auch eine gewisse Rechenkunst erforderlich, denn der Faktor ist je nach Auftrag verschieden.

Wenn die 21-Jährige von ihrem Pantograf spricht, leuchten ihre Augen geradezu und das, obwohl sie ursprünglich an den computergesteuerten CNC-Maschinen arbeiten wollte. Bei diesen Geräten schreiben die Bediener ein entsprechendes Programm, das dann automatisch ausgeführt wird. Mittlerweile hat die Unterlenningerin die Vielseitigkeit ihres Arbeitsbereiches schätzen gelernt. "Mir macht es richtig Spaß hier zu arbeiten, weil wir das Produkt von Anfang bis Ende fertigen. Zudem haben wir nie die gleichen Formen", nennt sie die Vorteile. Für manche Aufträge muss die Form ähnlich wie beim Kneten modelliert werden, dann kommt der Abguss und zum Schluss ist die Gravierkunst gefragt. Die edlen Buchstaben des Luxusautos Maybach werden auch in der Bissinger Werkstatt hergestellt. "Sie sind aus Messing, werden ausgefräst, verschliffen und nach dem Verchromen in einem anderen Betrieb werden bei uns wieder die schwarzen Inlets ausgearbeitet", beschreibt die Handwerkerin diesen Produktionsablauf. Sie stört es in keiner Weise, dass ihre Finger einen leicht schwarzen, metallenen Überzug haben. "Es isch scho a bissle dregget bei ons", sagt sie lachend. Mit ein bisschen Mühe lässt sich der Metallstaub größtenteils entfernen, doch "weil es in der Disco eh dunkel ist" sieht sowieso niemand die mögliche "Restpatina", nimmt Daniela Weber diese Tatsache recht gelassen.

Graviertechnik wird in den unterschiedlichsten Bereichen gebraucht. So etwa zur Herstellung von Weihnachtskarten, bei denen beispielsweise die silbergeprägten Sterne aus dem Papier hervorstehen, Formwerkzeuge für Felgen, schön verzierte Knöpfe, Seriennummern für Werkzeuge, Prägestempel, Firmenlogos auf Schuhen, Bohrmaschinen oder Schokoriegel-Dosen sowie auch für Einwegspritzen, Bedienungsanleitungen, Pflanzenschilder für Botanische Gärten und vieles mehr.

Die Ehrung der Landessieger fand am vergangenen Wochenende im Europapark in Rust statt. "Das war echt super. Ich konnte mich mit einigen Preisträgern gut unterhalten", ist Daniela Weber begeistert. Insgesamt wurden die 93 besten Junghandwerker vom Präsidenten des baden-württembergischen Handwerkstages Joachim Möhrle, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium Dr. Horst Mehrländer und Handwerkskammerpräsident Martin Lamm für ihre Leistungen ausgezeichnet.