Lokales

Darf die Bevölkerung Streitfrage entscheiden?

Der Dettinger Gemeinderat hatte zur Bürgerversammlung in die Schlossberghalle eingeladen. Somit konnten sich alle Einwohner der Gemeinde Dettingen an der kontroversen Diskussion beteiligen, ob eine Stegverbindung vom Bahnhof zu den "Unteren Wiesen" notwendig ist oder nicht. Die Meinungen waren naturgemäß sehr unterschiedlich.

ANDREAS VOLZDETTINGEN Eine Bürgerversammlung dient dem Meinungsaustausch zwischen Verwaltung, Gemeinderat und Bevölkerung. "Wichtige Fragen sind vor einer Entscheidung zu diskutieren, nach der Entscheidung bringt die Diskussion nichts mehr", erklärte Bürgermeister Rainer Haußmann, der in der Schlossberghalle als Moderator fungierte, warum er der Bürgerversammlung eine so große Bedeutung zumisst.

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Am Ende der Veranstaltung brachte Haußmann sogar den Gedanken ins Spiel, die Bürgerinnen und Bürger selbst entscheiden zu lassen, ob der vielfach diskutierte Steg gebaut werden soll oder nicht: "Diese Möglichkeit hat einen gewissen Charme. Es ist eine wichtige Entscheidung für beide Ortsteile." Erst seit Juli 2005 lasse es die Gemeindeordnung überhaupt zu, bei fast jedem Thema die Einwohnerschaft direkt zu befragen wenn sich der Gemeinderat mit einer Zweidrittelmehrheit für einen solchen Bürgerentscheid ausspricht. "Letztlich muss irgendjemand entscheiden", warb Rainer Haußmann in der Schlossberghalle für seinen Vorstoß in Richtung Basisdemokratie.

Dass sich die Dettinger durchaus eine eigene Meinung zum Thema "Stegverbindung" gebildet haben, zeigten sie in der öffentlichen Diskussion. Zunächst überwogen die Argumente, die gegen den Steg sprechen. Dass in Zeiten knapper Kassen überhaupt Geld für ein solches Bauvorhaben ausgegeben werden soll, war für manche nur schwer nachzuvollziehen. Hinzu kommt die Befürchtung, dass die möglichen Benutzer eines Stegs die langen Wege scheuen könnten, die Rampen mit fünf Prozent Steigung mit sich bringen. Wer den behindertengerechten Steg als Verbindung zwischen altem Ortskern und Guckenrain nutze, habe außerdem das Problem, den Höhenunterschied zum Guckenrain nicht mehr mit dem Rollstuhl bewältigen zu können.

Der neu zu gestaltende Bahnhofsvorplatz werde durch die Rampe beeinträchtigt und könne nicht mehr in vollem Umfang für parkende Autos zur Verfügung stehen. Weitere Befürchtungen der Brückengegner betrafen die Sicherheit: Dazu gehörte die Glatteisgefahr im Winter ebenso wie der Missbrauch der Fußgänger- und Radfahrerbrücke durch Skater oder steineschmeißende Vandalen. Die vorhandene Unterführung berge solche Gefahren nicht und könne weiterhin genutzt werden.

Die Befürworter der Brücke hingegen zählten die Nachteile der Unterführung auf: Der Weg sei zu steil und zu schmal. Das Dunkel im Tunnel wirke bedrohlich, was sich durch die mögliche Verbreiterung der B 465 noch verstärken würde. Weil die Unterführung von außen nicht einzusehen sei, benähmen sich Kinder und Jugendliche wesentlich aggressiver, als das auf dem weithin sichtbaren Steg der Fall sein werde. Auch der Gestank, der in vielen Unterführungen herrscht, war ein Thema.

Das Problem, dass der Weg über die Brücke länger wird, lasse sich dadurch ausgleichen, dass er nicht so steil und daher bequemer zu gehen sei. Die behindertengerechte Umgestaltung der Unterführung sei zum einen nicht machbar, weil sie zu weit in die Lindenstraße oder gegebenenfalls in die Eisenbahnstraße eingreifen würde. Zum anderen wäre sie wesentlich teurer als die Stegvariante "Mitte", deren Kosten mit 886 000 Euro veranschlagt sind, wobei der Dettinger Eigenanteil 370 000 Euro betragen würde. Auf lange Sicht brauche die Gemeinde den Steg, sagten seine Befürworter. Dafür spreche außer der demografischen Entwicklung, derzufolge der Altersdurchschnitt stetig ansteigt, auch das geplante Wohngebiet zwischen Albert-Schüle-Weg und Guckenrain.

Unabhängig davon, wer die Entscheidung trifft der Gemeinderat oder die gesamte Bürgerschaft und wie diese Entscheidung ausfallen wird, eines machte Rainer Haußmann am Anfang wie am Schluss der Diskussion deutlich: "Bevor wir den Bahnhofsplatz in Angriff nehmen, müssen wir wissen, ob der Steg kommt oder nicht."