Lokales

"Darüber reden kann Leben retten"

KIRCHHEIM Herr A. ist völlig verzweifelt. Sein Unternehmen musste Insolvenz anmelden. Finanziell ist er in einer absoluten Sackgasse, und auch privat läuft's alles andere als rund: Seine Frau mit den beiden Kindern haben sich von ihm entfernt. Er lebt in Trennung. Mit seinen Sorgen hat er zudem die Verwandtschaft und seinen ehemaligen Freundeskreis äußerst strapaziert, sodass er sich jetzt isoliert und hilflos fühlt.

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Solche und ähnliche Situationen bringen Menschen dazu, sich an den Arbeitskreis Leben zu wenden. Die privaten Insolvenzen haben 2005 im Vergleich zum Vorjahr noch einmal zugenommen. Ein Teil dieser Menschen finden bei den psychologischen Beratungsstellen und der Schuldnerberatung kompetente Unterstützung. Andere wie Herr A. melden sich bei den Krisenberatungsstellen des Arbeitskreises Leben (AKL) in Kirchheim und Nürtingen. Viele stecken in massiven Lebenskrisen, einige auch in suizidalen Nöten. Finanziell haben die Mitarbeiter des AKL keinen Spielraum, den sie hilfesuchenden Menschen anbieten können. Zwischenmenschliche, psychologische und ideelle Hilfe wird jedoch sehr gern angenommen. Die persönliche Zuwendung, die lebenserfahrene Kompetenz, der verlässliche Kontakt in kritischen Zeiten und die einfühlsame und bedingungslose Gesprächsbereitschaft vermögen immer wieder ausweglos erscheinende Situationen zu überbrücken und für die Verzweifelten neue Wege zu öffnen.

Dieses "Darüber reden . . ." ist auch die zentrale Aussage der neuen Plakate und einer Broschüre des Arbeitskreises Leben. Es ist noch immer weitgehend unbekannt, dass "sich alle 47 Minuten ein Mensch um sein Leben bringt" und "es alle vier Minuten einer versucht". Jahr für Jahr sterben in Deutschland 11 000 Menschen durch eigene Hand. Die Dunkelziffer nicht erkannter Suizide ist ebenfalls erheblich. Bei den 15- bis 20-jährigen jungen Männern ist Selbsttötung die zweithäufigste Todesursache. Die Zahl der Selbsttötungsversuche liegt bei etwa dem Zehnfachen der Suizide. Selbsttötungsversuche sind am häufigsten bei jungen Frauen zwischen 15 und 25 Jahren.

Von Suiziden wie von Selbsttötungsversuchen sind jeweils mindestens sechs weitere Personen betroffen. Damit wächst der Personenkreis der mittelbar betroffenen Familienangehörigen jedes Jahr in Deutschland annähernd um weitere 600 000 Menschen, die mit einer Selbsttötung oder den Folgen eines Selbsttötungsversuches in der Familie konfrontiert sind. Um auf diesen dramatischen Zusammenhang, der noch immer stark tabuisiert wird, mit sachdienlicher Information zu reagieren, haben die AKL-Mitarbeiter eine Broschüre erarbeitet, in der wesentliche Aspekte im Zusammenhang mit Suizidalität angesprochen werden. Textangebote besonders für Angehörige aus dem Umfeld von Betroffenen behandeln die Themen: "Wie erkennt die Umgebung eine Suizidgefährdung?" und "Worauf muss ich achten, wenn ich helfen will?" "Zurückbleiben nach einem Suizid" ist ein weiterer aufschlussreicher inhaltlicher Schwerpunkt der Broschüre. Zahlen zur Häufigkeit von Suiziden in Deutschland, Hinweise zu Krisen und der Auseinandersetzung mit Lebens- und Todeswünschen, Literaturhinweise zur Vertiefung des eigenen Wissens, weitere Anschriften und Internetkontakte ergänzen den Leitfaden.

Die Broschüren sind gegen eine Schutzgebühr erhältlich bei den beiden Krisenberatungsstellen des AKL Nürtingen-Kirchheim. Die Kirchheimer Beratungsstelle ist im Bürgerbüro in der Alleenstraße 96 zu finden. Telefonisch sind die Mitarbeiter unter der Nummer 0 70 21 / 7 50 02 zu erreichen. Zwar wird der Arbeitskreis Leben vom Land Baden-Württemberg, dem Landkreis und den Städten Kirchheim und Nürtingen finanziell unterstützt, doch müssen jährlich 42 Prozent des Haushaltes durch Honorare, Mitgliedsbeiträge und vor allem Spenden erwirtschaftet werden.

INFOWer den AKL unterstützen möchte, kann eine Spende auf eines der folgenden Konten überweisen: Volksbank Kirchheim-Nürtingen, Konto-Nummer 501 818 006, (Bankleitzahl 612 901 20), Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen, Konto-Nummer 8 549 604, (Bankleitzahl 611 500 20). Weitere Infos im Internet unter www.akl-nuertingen.de.

pm